Von der Regierung, der Nationalbank und der Bankenaufsicht wurde Mitte November ein gemeinsames Memorandum unterschrieben, in dem Maßnahmen zur Sicherung der finanziellen Stabilität des Landes fixiert sind. Eigentlich ist das nichts Besonderes, und das Dokument enthält auch keine sensationellen oder wenigstens besonders origiellen Maßnahmen.

Seitens der Ziele wird nur das wiederholt, was sowieso die Aufgaben der drei Institutuionen sind, und auch seitens der Instrumente gibt es keine Neuigkeiten. Eigentlich also ein eher langweiliges Papier, das aber dennoch einigen Zündstoff enthält. Dieser ist aber eher durch das Erarbeiten, Unterschreiben und Veröffentlichen des Dokumentes an sich und auch durch den Zeitpunkt bewirkt.

Schließlich haben alle drei Einrichtungen bisher immer heftig bestritten, dass die Krise auf den Weltfinanzmärkten irgendwelche Auswirkungen auf Kasachstan und seine wirtschaftliche Entwicklung haben wird. Es wurde also ein Maßnahmenpaket zum Bewältigen einer (offiziell) nicht existierenden  Problemlage verfasst. Da das Problem also nicht existiert, wurde gleich auch noch ein Finanzpaket im Umfange von „bescheidenen“ 4 Milliarden US-Dollar geschnürt, um über die Geschäftsbanken dem angeschlagenen Bausektor zu helfen. Das ist natürlich eine ganze Menge Mühe und Geld für ein „nicht existierendes“ Problem.

Natürlich wird es Auswirkungen der Liquiditätsklemme auch auf den realwirtschaftlichen Sektor Kasachstans geben. Eine andere Frage ist die nach der Relation von importierten und hausgemachten Ursachen. Wahrscheinlich überwiegen mehr die letzteren, was die Lage aber nicht wirklich einfacher macht.

Sicher ist es noch zu früh für das konkrete Messen von Auswirkungen der Liquiditätsprobleme auf die Realwirtschaft. Dass der Bausektor großflächig betroffen ist, kann man an vielen Objekten sehen, an denen im Moment nicht weiter gebaut wird, weil die Finanzierung nicht gesichert ist.

Eine Reihe von Indikatoren scheint aber schon  eine Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Situation anzuzeigen. Da ist zuerst die offizielle, aktuelle Regierungsprognose für das Wirtschaftswachstum in 2008. Bisher wurde immer von sehr hohen 9 bis 10 Prozent real (also ohne Inflation) ausgegangen, nun wird von 5 bis 7 Prozent gesprochen. Das ist immer noch ziemlich viel, aber eben doch nur etwas mehr als die Hälfte der bisherigen Annahmen. Die Ist-Daten der letzten Monate deuten auch wirklich eine Eintrübung der konjunkturellen Entwicklung an. Das drückt sich vor allem in der Verlangsamung des Wachstums der Produktion in verschiedenen Wirtschaftszweigen aus. In den ersten drei Quartalen betrug der Zuwachs des BIP real 9,7 Prozent, für das erste Halbjahr hatte diese Größe noch 10,2 Prozent betragen. Zwar wachsen noch alle Sektoren der Volkswirtschaft und nach einer Rekordernte auch der Problemsektor Landwirtschaft. Doch einige weniger erfreuliche Anzeichen sind deutlich auszumachen. Der Zuwachs der Bauleistungen  hat sich nach mehr als 30 Prozent in den vergangenen drei, vier Jahren etwa auf ein Drittel dieser Größe reduziert. Das ist schon ein deutlicher Hinweis auf eine (noch nicht existierende?) Krise. Die Zahlen für das Gesamtjahr, in die dann die eher trübe Lage des vierten Quartals eingehen wird, werden eindeutig stark nach unten zeigen. Wie lange der Bausektor zur Überwindung der aktuellen Problemlage braucht? Das weiß keiner, aber ein paar Wochen werden wohl eher nicht genügen.

Auch die Zuwachsraten im Bankensektor haben sich deutlich abgekühlt – eine logische Folge der Probleme im Bausektor und auf den internationalen Finanzmärkten. Schließlich sind die kasachischen Banken im Ausland stark verschuldet, und dort hat man sowieso genügend eigene Probleme. Das allgemeine Mißtrauen hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit innerhalb des Bankensektors bewirkt nun, dass die internationalen Geldgeber ihre Taschen zuhalten, zumindest aber nur extrem restriktiv neues Geld verleihen. Da der Anteil der kurzfristigen Verschuldung heimischer Banken ziemlich hoch ist, dieses Geld aber überwiegend langfristig verliehen ist, kommt es nun ganz normal zu Rückzahlungsproblemen. An die Ausgabe neuer Kredite ist da erst einmal kaum zu denken.

Erstmals ist in den ersten drei Quartalen die Zunahme des Importes mit 43,6 Prozent auch mehr als doppelt so hoch wie die des Exports, die 19 Prozent betrug. Folglich hat sich das nach wie vor positive Außenbilanzhandelssaldo um 2,8 Milliarden Dollar auf 1,1 Milliarden Dollar verringert. Das schnelle Wachstum des Importvolumens ist durch verschiedene Faktoren bedingt, es kann und muss aber auch damit erklärt werden, dass es nach wie vor in der Mehrzahl der produzierenden Bereiche keine ausreichende Anzahl von Waren gibt, die auf dem heimischen Markt ausreichend oder überhaupt wettbewerbsfähig wären. Die durch die real um 19,5 Prozent (!!) gestiegenen Löhne ausgelöste Nachfrageflut kann nur über Importe einigermaßen gedeckt werden. Doch auch hier bahnen sich verschiedene Problemlagen an. Eine davon ist, dass die Produktivität wesentlich langsamer wächst als die Löhne. Dadurch erhöhen sich die Lohnstückkosten und somit die Selbstkosten, was heimische Waren preislich weniger wettbewerbsfähig macht. Und das bei den für die heimischen Produzenten nicht gerade günstigen Wechselkurse.

Für einen Wirtschaftsanalysten ist diese Gemengelage durchaus von hohem Interesse, weil nun in allen Richtungen etwas nicht Standardisiertes passieren kann. Weniger erfreulich werden diese Prozesse allerdings für Unternehmer, Arbeitnehmer und Staatsorgane ausfallen. Diese aber bilden auf jeden Fall die allergrößte Mehrheit der Betroffenen.

Bodo Lochmann

30/11/07

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