Ich will das eigentlich auch. Aber irgendwie wollte ich das anders, bevor ich Odo kannte. Und er wollte das eigentlich nicht mehr, bevor er mich kannte. Und jetzt wollen wir es beide. Und ja, es gibt manche gute Gründe, nach Moskau zu fahren, aber es gibt auch viele Regeln, unter welchen Umständen man das unbedingt lassen sollte. Und nun haben wir den Schlammassel:

Das Ganze fing mit einem Scherz an. „Du musst noch meine Ausstellung in Moskau organisieren“, sagte Odo. Nicht bedenkend, dass in jedem Scherz ein Stück Ernst steckt, habe ich sogleich „Ja, klar, mach ich!“ gerufen. Dann haben wir das erst mal so stehen lassen und anstatt dessen ganz ohne Scherz 11 Projekte besprochen. Dabei muss uns irgendwie unbemerkt die Moskau-Ausstellung dazwischengeraten und auf der Erledigungsliste gelandet sein. Und dann habe ich tatsächlich eine Moskau-Reise geplant, um meine Freundin Ira zu besuchen, was einer der guten Gründe ist, nach Moskau zu fahren. Und da habe ich Odo gefragt, ob er mitkommt. Und da wir damit quasi fast schon dort waren, wäre es ja auch nur schlüssig, die Ausstellung anzugehen. Und dabei fiel ihm wieder ein, dass seine Ansprechpartner in Moskau schon ganze fünf Jahre lang bemüht sind, seine Ausstellung zu organisieren, dies aber aus irgendwelchen Gründen doch noch nicht geschafft haben. Na so was! Womöglich liegt das daran, dass der Künstler höchstselbst einen dicken Batzen Geld hätte mitbringen sollen, was er selbstverständlich nicht einsieht. Odo ist zwar Künstler, aber nicht auf den Kopf gefallen. Na, macht ja nix, so die Ansprechpartnerin, sie kenne viele reiche Leute. Und damit hätten eigentlich schon meine Alarmglocken klingeln sollen. Da haben wir sie, die Regeln, unter welchen Umständen man unbedingt nicht nach Moskau reisen sollte. Erstens, wenn einem die Organisation versprochen wird. Zweitens, wenn dieses Versprechen fünf Jahre lang anhält. Drittens, wenn man das Geld selbst auftreiben soll. Viertens, wenn mit reichen Bekannten gewunken wird. Und fünftens… ist mir grad entfallen.

Die Ausstellung wollen wir aber trotzdem, diese Abhängigkeit will ich auf keinen Fall. Drum flüchte ich mit der Ausstellung auf vertrauten Boden, die Projektfinanzierung. Da ich mich aber am besten mit der Jugendförderung und Völkerverständigung auskenne, brauchen wir noch ein paar junge Menschen, die sich um die Ausstellung ranken. Am besten organisieren die Jugendlichen die Ausstellung, werden bei der Gelegenheit noch qualifiziert, treffen vor Ort, da sie schon mal da sind, Jugendliche aus Russland, die ja sowieso da sind, erstellen unter Odos künstlerischer Anleitung, da er schon mal da ist, gemeinsam ein Kunstwerk, dokumentieren das Ganze und laden als Sahnehäubchen die russischen Jugendlichen aus Russland nach Deutschland ein, und damit sie auch darin qualifiziert werden, lernen sie, den Projektantrag selbst zu stellen. Na, also! Das wäre auch schon alles, ganz abgesehen von der Ausstellung. Leicht gesagt und mit flinker Feder skizziert. Vor Freude höre ich russische Musik, sehe mir die Fotos aus meiner zweiten Heimat an und werde mir nix, dir nix wehmütig. Am nächsten Morgen fülle ich meinen Visaantrag aus und bin im Nullkommanix genervt. Wenn man beim Ausfüllen den Stift wechselt oder sich verschreibt, wird der Antrag nicht bearbeitet und so weiter und so weiter… Damit fällt mir siedendheiß der fünfte Grund ein: Auf gar keinen Fall Geschäfte oder Projekte in Moskau tätigen!

Der achtfache Salto des Projekts ist stark therapieverdächtig, mein Spitzname lautet von nun ab Kamikaze. Ich fühle mich verantwortlich für das Desaster, das uns erwartet, weil ich es schließlich schon erlitten habe und eigentlich besser wissen müsste, aber nicht davon lassen kann. Schön, es war ja aus landeskundlichen Gründen damals ganz aufschlussreich, und ich wurde für die persönliche Festigung, das Erleben und Überleben absurder Situationen bezahlt. Um meiner Aufsichtspflicht nachzukommen, versuche ich, Odo vorzuwarnen. Ich erzähle ihm, dass in Russland ständig nur gemordet und gemeuchelt wird und man quasi rund um die Uhr in Lebensgefahr ist. Seine Antwort: Ok, lass uns hinfahren. Aha, Abschreckungstaktik wirkt bei ihm nicht. Ich versuche es mit der selben Richtung aber halben Strecke – Kiew – klappt auch nicht. Nein, Moskau muss es sein! Find ich ja an sich auch. Also muss es wohl sein, Augen zu und durch!

Julia Siebert

23/11/07