Reisen über Nacht: Wer den Nachtzug Paris-Karlsruhe-Moskau nutzt

Nachtzug Paris-Karlsruhe-Moskau
Ein Zug der Russischen Staatseisenbahnen im Karlsruher Hauptbahnhof.

Vor zwei Jahren stellte die Deutsche Bahn ihr Nachtzugprogramm in Deutschland komplett ein. Das heißt aber nicht, dass es hierzulande keine Nachtzüge mehr gäbe – sie werden von anderen Bahnanbietern betrieben. Auf dem Weg von Paris nach Moskau sind auch russische Eisenbahnen auf deutschen Schienen unterwegs. Unser Autor hat am Karlsruher Hauptbahnhof Geschichten von Menschen gesammelt, die noch eine weite Reise vor sich haben.

Thorsten Kaesler

Als die Badischen Staatseisenbahnen im März 1838 den Bau der Rheintalstrecke von Mannheim bis zur Schweizer Grenze nach Basel beschlossen, konnte man auch die bekannte Kurstadt Baden-Baden, im russischen Zarenreich bereits wohlbekannt, nunmehr per Zug erreichen. Doch weder die Beamten des damals unabhängigen Südwestdeutschen Großherzogtums noch die hochrangigen russischen Besucher – unter ihnen zum Beispiel Fjodor Dostojewski und Iwan Turgenjew – hätten sich damals wohl träumen lassen, dass selbst das ferne Moskau von hier aus einmal umsteigefrei zu erreichen sein würde.

Seitdem die Deutsche Bahn 2014 ihr Nachtzugprogramm zwischen Paris und Berlin aus Kostengründen eingestellt hat, haben die Russischen Staatseisenbahnen RZD den Service auf dieser Strecke übernommen. Einmal wöchentlich setzt sich am Pariser Gare de l‘Est ein Zug Richtung Moskau in Bewegung. Etwa 38 Stunden dauert die Fahrt und mit fast 3200 km legt der Zug immerhin ein gutes Drittel der Strecke zwischen Moskau und Wladiwostok zurück. Zwischenhalt neben Berlin, Warschau und Minsk ist auch das beschauliche Karlsruhe, die damalige Hauptstadt des Großherzogtums Baden.

Wer aber steigt dort ein und aus? Welche Geschichten verbergen sich hinter den Namen auf den Fahrscheinen und Reservierungen? Sind es wagemutige Touristen oder Geschäftsleute, bei denen Zeit keine Rolle spielt? Vielleicht Auswanderer mit zu viel Gepäck fürs Flugzeug? Sind es Deutsche, Russen oder gar Kasachstaner?

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Von Karlsruhe nach Peking

Es ist ein feuchter Donnerstagabend im September. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges ist der Bahnsteig in Karlsruhe noch verwaist, aber die Anzeigetafel auf Gleis 3 lässt keinen Zweifel aufkommen: „Moskva“ zeichnet sich dort bereits in großen, weißen Lettern auf blauem Grund ab. Aber wird überhaupt jemand auftauchen oder alles leer bleiben bis 00.42 Uhr, der offiziellen Abfahrtszeit?

Nachtzug Paris-Karlsruhe-Moskau
Der Student Kunpeng reist von Karlsruhe bis nach Peking mit dem Zug. | Foto: Autor

Gegen Mitternacht tauchen die ersten mutmaßlichen Passagiere auf. Ein junger Mann mit asiatischen Gesichtszügen zieht einen schweren Koffer hinter sich her. Er erklärt sich gerne bereit, ein wenig von sich zu erzählen. Sein Name ist Kunpeng, er stammt aus Shanghai in China – und er fährt mit dem Zug in die Heimat. Kunpeng studiert seit drei Jahren Maschinenbau an der Universität Karlsruhe. Er hat schon in der Schule Deutsch gelernt und durch seine guten Kenntnisse einen Studienplatz in Deutschland ergattert. Jetzt sind Semesterferien und er plant, mit der transsibirischen Eisenbahn bis Peking zu fahren. Dazwischen möchte er eine Woche lang Moskau besuchen.

Ji Xianlin, ein bekannter chinesischer Schriftsteller, habe ihn zu der Reise inspiriert, erklärt Kunpeng. „Er hat in Deutschland studiert, und ist die ganze Strecke von Peking bis Göttingen mit dem Zug gefahren. Ich habe sein Buch `Zehn Jahre in Deutschland` gelesen. Nur dass ich eben in die umgekehrte Richtung fahre.“ Geld spielt für Kunpeng dabei keine Rolle: Ein Ticket mit dem Zug nach Moskau ist teurer als ein vergleichbares Flugticket. Für ihn ist das Ganze jedoch eine Art Abenteuer. Er freut sich besonders auf Moskau und auf den Baikalsee. Danach will er Zeit mit seiner Familie verbringen und im Oktober zurück nach Karlsruhe kommen, um sein Studium fortzusetzen.

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Bei Null anfangen

Allmählich füllen sich die Sitzbänke und Wartehäuschen mit Menschen. Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Eintreffen des Zuges. Auch Kasachstandeutsche finden sich darunter, zum Beispiel Alexander aus Aktöbe. Er fährt nach Moskau und möchte von dort in seine Geburtsstadt weiterfliegen, um alte Schulkameraden wiederzutreffen. Er findet den Zug bequemer als eine Flugreise. Wäre er von Frankfurt aus geflogen, hätte er aufgrund der ungünstigen Abflugzeiten schon am Vorabend dorthin fahren und die Nacht am Flughafen verbringen müssen. Ob er die „Wiedergeburt“ kennt? „Wosroschdenije? Ich weiß nicht. Ist das eine Siedlung in der Steppe?“, fragt er zurück. „Ich bin schon 1983 nach Russland umgezogen und dann 1988 nach Deutschland. Damals gab es das wahrscheinlich noch nicht.“

Nachtzug Paris-Karlsruhe-Moskau
Der Kasachstandeutsche Alexander muss nach vielen Jahren in Deutschland nun wieder bei Null anfangen. | Foto: Autor

Dass er gerade jetzt Zeit für die Reise findet, hat einen unerfreulichen Grund: Jahrelang hat er als Uhrmacher in der Nähe von Baden-Baden gearbeitet und sogar eine eigene Firma gegründet. Aber in diesem Frühjahr musste er Insolvenz anmelden, weil auch das Unternehmen, für welches er Zulieferer war, Pleite gegangen ist. „Zwölf Jahre habe ich jedes Wochenende gearbeitet und nie Urlaub gemacht. Jetzt bin ich arbeitslos und als Selbständiger kriege ich fast gar nichts vom Staat. Das einzig Positive ist, dass ich die Situation kenne – als ich damals nach Deutschland gekommen bin, musste ich ja auch bei Null anfangen.“ Stünde er wieder vor der Entscheidung zu bleiben oder auszuwandern, würde er sich abermals für Deutschland entscheiden. Für seine Kinder seien die Perspektiven hier deutlich besser. Nur ein eigenes Unternehmen würde er nicht mehr gründen: „Meine Freunde, die zu Siemens gegangen sind, denen geht es heute gut. Und wenn sie den Job verlieren, kriegen sie wenigstens eine gute Abfindung und Arbeitslosengeld.“

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„Fahren Sie mit uns!“

Inzwischen ist eine ganze Menge an Leuten auf dem Bahnsteig. Der Zug kommt in fünf Minuten, die meisten schauen schon auf ihre Fahrkarten und versuchen herauszufinden, wo genau ihre Wagen halten. Ein weißrussisches Ehepaar kommt vorbei, sie sind auf dem Weg nach Brest. Dorthin gibt es sowieso keine direkten Flüge und außerdem haben sie Flugangst. Für ein längeres Gespräch ist keine Zeit – ehe man sich versieht, fährt der Paris-Moskau-Express mit den unverkennbaren, in elegantem Grau-Rot gestrichenen russischen Waggons – und einer deutschen Lokomotive – ein. Die Menschentrauben am Bahnsteig setzen sich in Bewegung, von überall her dringt das Geräusch rollender Kofferräder. Die Schaffner öffnen die Türen und kontrollieren Fahrscheine und Reisepässe, ganz wie man es aus den postsowjetischen Ländern gewohnt ist. Eine Gestalt nach der anderen wird von den hell erleuchteten Türen geschluckt und nach nur wenigen Minuten kehrt wieder Ruhe ein auf Gleis 3.

Der Aufenthalt beträgt eine Viertelstunde. Die Schaffner nutzen die Pause, um sich die Beine zu vertreten oder eine Zigarette zu rauchen. Ein betrunkener Deutscher versucht in den Zug einzusteigen – ohne Ticket, aber dafür mit einer Bahncard 100. Dass diese nicht in einem russischen Zug gilt, auch wenn er auf dem Fahrplan in Deutschland steht, ist dem Mann kaum begreiflich zu machen. Dabei gebe es ohnehin keine freien Plätze mehr, erklärt ein Zugbegleiter. Der Zug sei praktisch immer ausgebucht. Und modern seien die Waggons: „Platzkart gibt es hier nicht, nur Kupe und Ljuks!“ Platzkart sind in Russland die offenen Liegewägen.

Der Prowodnik empfiehlt, ein Ticket im Voraus bei einem Reisebüro oder online zu kaufen. Letzteres geht beispielsweise über die Website der RZD. Bei der Deutschen Bahn ist hingegen nur eine Fahrplanauskunft erhältlich. „Kaufen Sie sich doch mal ein Ticket und fahren mit uns! Bis Moskau, ohne Umsteigen!“, sagt er noch, als die Pfeife pünktlich um 00.42 Uhr zur Abfahrt ertönt. Die Türen schließen sich. Fast lautlos setzt sich der Zug in Bewegung. Samstagabend wird er sein Ziel erreicht haben – den Belarussischen Bahnhof im Westen von Moskau.