Per Amazon die eigene Geschichte hochladen und seine Zielgruppe durch eigene Initiative erreichen, wird immer mehr zum Erfolgsrezept vieler Autoren. Elvira Zeißler hat sich vor Jahren damit selbstständig machen können und nun mit ihrer eigenen russlanddeutschen Familiengeschichte „Wie Gräser im Wind“ den Kindle-Storyteller-Award auf der Frankfurter Buchmesse gewonnen.

Elvira Zeißler

Elvira Zeißler ist gerührt, als sie auf der Bühne den Kindle-Storyteller-Award für ihren historischen Roman „Wie Gräser im Wind“ erhält. Als sie die schicksalshafte Geschichte ihrer Familie in der Sowjetunion der 30er und 40er Jahren niederschrieb, wusste sie nicht, ob es überhaupt Leser gibt, die sich wirklich dafür interessieren würden.

10.000 Euro Preisgeld, eine Übersetzung ins Englische und eine Hörbuchfassung hat sie mit der Auszeichnung gewonnen „Das ist auf jeden Fall mein größter Erfolg“, erklärt Zeißler, „und ich bin sehr froh, dass es gerade mit diesem Buch passiert, da es dem Werk eine besondere Wertschätzung gibt.“ Das Buch basiert zu 95% auf ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihr im Juni 2018 im Selbstverlag veröffentlichter Roman hat es in die Top 100 der Amazoncharts geschafft und ist Bestseller bei Amazon in der Kategorie „Politische & zeitgeschichtliche Biografien & Erinnerungen“.

Mit der Selfpublishingmethode hat sie etwas geschafft, was viele russlanddeutsche Schriftsteller mit ihren Familien-erinnerungen nicht schaffen – eine Leserschaft außerhalb der russlanddeutschen Literaturszene zu finden.

Seit 2007 hat Elvira Zeißler unter verschiedenen Pseudonymen über 20 Romane im Selbstverlag im Bereich Fantasy und Liebesromane geschrieben und sich eine treue Fangemeinde aufgebaut. Ihre Familiengeschichte publiziert sie unter dem Namen Ella Zeiss. Die ehemalige Unternehmensberaterin hat zunächst neben dem Job geschrieben – seit ein paar Jahren kann sie hauptberuflich als Autorin leben.

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Aufklärung über einen Teil deutscher Geschichte

Mit dem Genre Historienroman hat sich Zeißler auf ein neues Terrain begeben. Dabei steckt ein hoher Rechercheaufwand hinter der Geschichte. „Ich hatte das Glück, dass ein Familienzweig sich zusammengetan hat und eine Familienchronik erstellt hat.“, erzählt die in Almaty geborene Autorin. „Jeder lieferte Fotos, Dokumente, Erinnerungen und Stammbäume, und am Ende wurde das in ein Buch gebunden. Das war für mich die wichtigste Quellen, der Rest waren Erzählungen meiner Großeltern.“

Das Buch erzählt von den Enteignungen und Verhaftungen in den 1930er Jahren durch das Sowjetregime in den deutschen Dörfern der Krim. Im Mittelpunkt steht die Familie Scholz, die mitten in der Nacht aus dem Haus gezerrt und mit anderen Familien in den kalten Norden deportiert wird.

Dabei erreicht Elvira Zeißler nicht nur Leser, die ihre eigene Familiengeschichte darin wiederfinden „Ich habe auch Rückmeldung von Lesern bekommen, die sich bei mir bedankt haben, dass sie die Russlanddeutschen nun besser verstehen. Ein paar meinten auch, dass sie es schade finden, dass es nicht in den Schulen unterrichtet wird.“

Artur Rosenstern, Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V., bewertet Elvira Zeißlers Bücher sehr positiv „Sie zeugen von stilistischer Reife, schnörkelloser und bildhafter Sprache. Sie hat die ausgezeichnete Fähigkeit, die Ereignisse nicht bloß chronologisch aufzuzählen, sondern diese überzeugend in Szene zu setzen.“ Rosenstern betont weiterhin, dass das Besondere an der Story zudem sei, dass die 30er Jahre der russlanddeutschen Geschichte kaum literarisch auf vergleichbarem Niveau aufgearbeitet worden sind.

„Die eigene Identität war bisher nicht relevant für meine Bücher“

Es ist das erste Mal, dass die in Kasachstan geborene Autorin ihren russlanddeutschen Hintergrund in einer Geschichte verarbeitet. Als sie zehn war, wanderte ihre Familie als Aussiedler 1990 nach Deutschland ein. Bisher hatte sie auch in ihren Autorenbiographien ihren Hintergrund kaum erwähnt. Dabei floss ihre Erfahrung, zwischen zwei Kulturen zu stehen und sich auch in einem neuen Land zu orientieren, durchaus auch in ihre früheren Fantasy-Geschichten ein. „Ich habe mich immer sehr stark als Russlanddeutsche empfunden“, erklärt Zeissler. „Es ist ein Teil von mir, auch meine Kindheit in Kasachstan und die Erfahrung, die ich da gemacht habe. Ich habe den Zugang zu einer anderen Welt auch durch die russische Sprache und Literatur und das ist etwas, was ich nicht missen möchte.“

Seltener Erfolg einer russlanddeutschen Erzählung

Tatsächlich ist es durchaus ein Trend, dass viele russlanddeutsche Autoren die eigenen Familiengeschichten in Form von Chroniken und Familienbüchern verfassen. Sie publizieren häufig über Book on Demand oder Kleinstverlage wie „BMV Verlag Robert Burau“. Hier bleibt die Auflage jedoch sehr gering, und die Verkaufsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Abgesehen von den etablierten Autorinnen Eleonora Hummel und Nelly Däs schaffen es viele russlanddeutsche Werke, die Erinnerungen der Sowjetzeit behandeln, kaum eine Leserschaft über ihre eigenen Kreise zu erreichen.

Ein wesentliches Problem wird in der deutschen Literaturwissenschaft in der Form der Aufarbeitung gesehen: „Bis zum Heulen Heimweh haben sie und lieben es, sich in ihrem Elend zu wälzen“ – war das viel diskutierte Urteil des Literaturwissenschaftlers Hans-Christoph Graf von Nayhauss über die russlanddeutsche Literatur. Der 2003 verfasste Artikel wurde 2014 in der Zeitung für ethnokulturelle Bildung „BizBote“ veröffentlicht und führte zu großen Debatten in der russlanddeutschen Literatur(Vgl. MDZ Nr. 24, Dez 2014).

Artur Rosenstern sieht das Problem eher in dem allgemein fehlenden Interesse der deutschen Literaturszene für die Themen der Aussiedler. Elvira Zeißler ist es gelungen, ihre Familiengeschichte publikumswirksam umzusetzen und auch schon durch durchdachte Cover– und Klappentextgestaltung, die nicht nur auf eine russlanddeutsche Zielgruppe ausgelegt ist, eine größere Leserschaft anzusprechen.

Einen neuen möglichen Markt für russ-landdeutsche Autoren erkennt Artur Rosenstern jedoch nicht unbedingt im Selfpublishing. „Erfolgreiche Selfpublisher sind ja heutzutage mit Kleinverlagen vergleichbar. Man muss als Autor in der Szene nicht nur das literarische Schreibhandwerk vorzüglich beherrschen, sondern quasi ein Allrounder sein. Ich gehe davon aus, dass Elvira Zeißler zunächst ein Phänomen in unseren Reihen bleibt.“

Vielleicht setzt Elvira Zeißler aber mit ihrem Werk auch einen neuen Meilenstein – denn gerade in der gezielten und überlegten Selbstvermarktung liegt die Chance, eine neue Leserschaft für auch wenig beachtete Themen zu erschließen.

Larissa Mass war 2013/14 ifa-Redakteurin bei der MDZ. Sie spezialisierte sich in ihrem literaturwissenschaftlichen Master an der Universität Potsdam auf russlanddeutsche Literatur nach 1990. Aktuell arbeitet sie als Sprachassistentin und freie Journalistin in St. Petersburg.

Der Text erschien zuerst in der Moskauer Deutschen Zeitung.

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