Die Geschichte der Wolgadeutschen als Roman: Die Erfolgsautorin Gusel Jachina veröffentlichte im Mai dieses Jahres ihren zweiten Roman „Deti moi“. Er beschreibt die wechselvollen Jahre 1916 bis 1938 in der Wolgarepublik.

Der Deutschlehrer Jakob Bach lebt ein ruhiges Leben an der Wolga. Doch dann trifft im Jahr 1917 die Weltgeschichte auf sein kleines Dorf: Revolution, Bürgerkrieg, Hungersnot, Entkulakisierung, Kollektivierung, Mechanisierung. Gnadental wird zu einem Ort, an dem sich die Geschehnisse der Sowjetunion im Kleinen abspielen.  Jakob Bach wird vom „kleinen Mann“ zum „großen Helden“ – so beschreibt es Gusel Jachina, die sich diese Geschichte ausgedacht hat.

Eine Tatarin, die Deutsch spricht

„Deti moi“ (zu Deutsch: „Meine Kinder“) ist das zweite Buch der Erfolgsautorin. In ihm begibt sie sich auf die Spuren der Wolgadeutschen. „Ich stamme selbst aus Kasan, der Stadt an der Wolga“, erzählt sie. An der Kasaner Universität studierte sie Germanistik, absolvierte ein Auslandssemester in Bonn. „Ich interessiere mich für die deutsche Kultur und Sprache, habe viel mit deutschen Kollegen zusammengearbeitet. Daher wollte ich etwas über die Deutschen machen“, so Jachina.

In ihrem Debütroman „Suleika öffnet die Augen“, der 2015 erschien, zeichnet sie das Leben ihrer tatarischen Großmutter nach, die 1930 im Rahmen der Entkulakisierung nach Sibirien deportiert wurde. Suleika ist von ihrem Ehemann schwanger, der jedoch noch vor Beginn der Deportation von einem Soldaten im Wald getötet worden war. In einem Arbeitslager an der Angara bringt sie das Kind zur Welt. Nach einer langen Zeit der Enthaltsamkeit beginnt sie in dem Lager schließlich eine Liebesbeziehung mit dem Mörder ihres Mannes.

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Zwei Väter

Auch „Deti moi“ ist ein historischer Roman, der die Situation in der Wolgarepublik im Zeitraum 1916 bis 1938 beschreibt. Der Lehrer Bach, zu Beginn des Romans etwa 30 Jahre alt, hat eine tragische Liebschaft mit einer jungen Frau. Ein neugeborenes Mädchen, von dem er nicht genau weiß, ob es seine eigene Tochter ist, zieht er alleine auf. Eines Tages taucht auf seinem Bauernhof ein kasachischer Waisenjunge auf.  Bach wird auch für ihn zu einem Ziehvater.

„Die Geschichte erzählt von zwei Vätern: der Hauptheld mit seinen beiden Pflegekindern und Stalin, der ‚Vater der Völker‘ genannt wurde“, sagt Jachina. Es geht um die Beziehung Stalins zu den verschiedenen Volksgruppen, aber auch der Völker untereinander. „Die Wolgarepublik befand sich an der Grenze zum heutigen Kasachstan. Nomaden überfielen die deutschen Kolonisten häufig. Die Kasachen hielten das Gebiet der Wolgarepublik für ihr Land.“

Eine vergessene Welt

Ursprünglich habe sie über die Deportationen der Deutschen nach Sibirien und Zentralasien schreiben wollen. Nach einer mehr als einjährigen Recherche, bei der sie unzählige Bücher, Zeitungsartikel und historische Studien über die Wolgadeutschen gelesen hatte, entschied sie sich um. Vor allem beim Spaziergang durch die ehemaligen Orte der Wolgadeutschen, habe sie das Gefühl bekommen, dass die Wolgarepublik fast vergessen ist. „Daher wollte ich, dass diese Welt gezeigt wird. Ich wollte ein lebendiges Bild zeichnen“, begründet sie. Die Deportationen kommen nur im Epilog zur Sprache.

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Deutsche Übersetzung kommt 2019

Im Mai dieses Jahres wurde das Buch in Russland veröffentlicht. Ende 2019 soll es in deutscher Übersetzung erscheinen. Der Titel werde dann wahrscheinlich „Wolgakinder“ lauten, meint die Autorin. Am Ende entscheidet der Aufbau-Verlag in Berlin, der die deutsche Übersetzung herausbringen wird. „Es wird die schwierigste Übersetzung von allen werden, da es nicht nur um die deutsche Sprache an sich, sondern auch um die der Wolgadeutschen geht.“ Deshalb sei sie froh, dass wie schon bei „Suleika öffnet die Augen“ Helmut Ettinger  der Übersetzer sein wird.

Was bei Jachinas Büchern auffällt, ist die kinematographische Präzision, mit der sie ihre Charaktere beschreibt. Tatsächlich schloss die Autorin 2015 das Studium an einer Filmschule ab. Daher war „Suleika öffnet die Augen“ zunächst nicht als Roman, sondern als Drehbuch geschrieben worden. Der  kinematographische Stil findet sich jedoch auch in ihrem neuen Werk. Die Geschichte der Wolgadeutschen war für Jachina ein unbekanntes Thema. „Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Jachina. Vielleicht besticht auch aus diesem Grund „Deti moi“ mit Treue, aber auch mit Liebe zum Detail.

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