Im baden-württembergischen Deggingen trafen sich die russlanddeutschen Katholiken zur alljährlichen Wallfahrt. Weihbischof Gerhard Pieschl feierte den Gottesdienst.

Alle Jahre wieder und diesmal bereits zum 27. Mal fand am zweiten September-Sonntag im baden-württembergischen Ort Deggingen das kirchliche Treffen der russlanddeutschen Katholiken statt. All diese Menschen haben ihre Heimat, ihre Wurzeln in Russland, in Kasachstan, in Kirgisistan, in der Ukraine oder in Weißrussland. Einige der älteren Generation gehören zu den Heimatvertriebenen, andere sind deren Abkömmlinge, wieder andere sind Menschen, die ihre Heimat als Aussiedler freiwillig verlassen haben. Was sie nun verbindet, ist ihre Volks- wie auch Glaubenszugehörigkeit. Auch dieses Jahr haben die meisten von ihnen in Kauf genommen, mehrere hundert Kilometer Autobahn, sei es mit Sonderbussen oder mit dem eigenen Auto, hinter sich zu lassen, um an der Wallfahrt zu der Kapuziner-Klosterkirche „Ave Maria“ in der Gemeinschaft ihrer Landsleute teilzunehmen.

Erinnerungen an die Heimat
Zu der festlichen Stimmung trug an diesem Sonntag die Anwesenheit des Weihbischofs Gerhard Pieschl aus Limburg bei. Er ist der Visitator für Gläubige aus Russland und zugleich Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Aussiedler- und Vertriebenenseelsorge. Wie immer durfte auch diesmal der Russlanddeutsche Chor „Heimatmelodie“, geleitet von Aljona Heiser aus Augsburg, nicht fehlen. Dieser Chor sorgte dafür, dass sich die anwesenden etwa 300 Wallfahrer von den schönen Klängen begeistern ließen. Darüber hinaus konnten die Gläubigen den Weihbischof Pieschl zum Anfassen nah erleben, denn er hielt sich nicht an den üblichen Regeln, die Predigt von der Kanzel zu halten. Er ging einfach, wie seinerzeit Jesus, mitten in die Schar der Zuhörer und sprach sie in einer sehr unmittelbaren Art an. Er drücke seine Freude über das zahlreiche Erscheinen der Gläubigen aus. Sozusagen als Dank dafür, erklärte er ihnen in einer sehr stilvollen Rede die Inhalte der Gemälde der Klosterkirche. Außerdem hob er die Bedeutung des Begriffes „Heimat“ hervor, wobei er die Gedanken des neuen Papstes Benedikt XVI. zum Tag der Heimat in seine Predigt einfließen ließ. Für Weihbischof Gerhard Pieschl ist es wichtig, nicht nur über das Wort Heimat nachzudenken und die Erinnerung aus der alten Heimat wachzurufen. Seiner Ansicht nach ist es viel wichtiger, dass sich gerade die Menschen in der Kirche gegenseitig anschauen, sich bewusst machen, wer neben einem steht, wer vor und wer hinten einem ist. Denn nur dann, wenn sich Menschen begegnen, wenn sie sich kennen, können sie auch erleben, was Heimat wirklich ist.
Im zweiten Teil der Predigt ging der Weihbischof auf die Bedeutung der Rolle der heiligen Maria, der Mutter Gottes auf ihrem eigenen Lebensweg und in der Perspektive der Heilsgeschichte ein. Dies tat er nicht zuletzt deswegen, weil sich die Menschen dort gerade zur Ehre der Mutter Gottes versammelt hatten.

Happy Birthday, Maria
Da neulich das kirchliche Fest der Geburt Marias war, forderte der Weihbischof die anwesenden Gläubigen auf, die Mutter Gottes mit einem weltlichen, jedoch sehr familiären Lied „Zum Geburtstag viel Glück“ zu begrüßen.
Auf die Predigt folgten die Fürbitten. Die Vorbeterin drückte dann stellvertretend für die Anwesenden ihre Lebenseinstellung, ihre Nöte und Sorgen wie auch ihre Bereitschaft zur Verzeihung und Versöhnung aus. Sie betete für Millionen Menschen, die auch heute noch auf der Flucht oder auf Heimatsuche sind; sie betete dafür, dass der im Osten stattfindende Auf- und Umbruch zu einem friedlichen Ende führt, damit die Menschen unter Recht und Gerechtigkeit in Frieden leben können. Sie bat aber Gott auch darum, dass er all denjenigen, die den Menschen Unrecht getan hatten, durch Unterdrückung, Entrechtung und Vertreibung, verzeihen möge und alle Menschen zu einem guten und friedlichen Miteinander führe. Weiterhin betete sie dafür, dass die neu ankommenden Landsleute in Deutschland ihren Glauben nicht verlieren oder aufgeben und vor allem Gott nicht vergessen. Gott soll auch helfen, dass Vorurteile und Voreingenommenheit auf beiden Seiten abgebaut werden und die Menschen sich gegenseitig als wahre Schwestern und Brüder respektieren und gastfreundlich Leben und Glauben teilen. Sie schloss Hunderttausende von Toten in ihr Gebet ein, die verlassen und vergessen irgendwo begraben liegen, damit sie in der ewigen Heimat Ruhe und Frieden finden. Zum Schluss bat Weihbischof Gerhard Pieschl um die Führsprache des heiligen Papstes Clemens, des Schutzpatrons der Russlanddeutschen.
Nach dem Gottesdienst wurden die Verdienste insbesondere der Hauptorganisatoren, Ida Hosmann von der Diözese Augsburg und Dr. Wendelin Mangold aus Königstein, vom Sekretariat der Seelsorge für katholische Deutsche aus Russland gewürdigt.
Die Feierlichkeit rundeten dann die Totenehrung vor dem Gedenkkreuz der russlanddeutschen Opfer auf dem Kirchenhof und das Singen des Schicksalsliedes der Russlanddeutschen ab. Beim darauffolgenden gemütlichen Beisammensein erhielten die Wallfahrer die Möglichkeit, sich mit Freunden und alten Bekannten zu treffen. Für das leibliche Wohl sorgte die Familie Eisener mit Kaffe, Kuchen und belegten Brötchen. Die Feier klang dann am späten Nachmittag aus.

07/10/05

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