Soziales Bewusstsein wächst

Go-East-Sommerschule in Samarkand für zukünftige Lehrer mit dem Titel “Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Menschen mit Behinderung in Zentralasien“

In Usbekistan versucht man mithilfe nationaler und ausländischer Projekte, Sommerschulen und Fortbildungsseminaren für Fachpersonal das Thema Inklusion in das gesellschaftliche Bewusstsein von der Schule ab zu implementieren. Es gibt dabei aber noch immer diverse Hindernisse, die uns vor große Herausforderungen stellen.

 

Nach dem Ausrufen der Unabhängigkeit hat Usbekistan seinen eigenen Entwicklungsweg erarbeitet. Auch im sozialen Bereich eine freie Zivilgesellschaft zu gründen steht immer im Vordergrund der Staatspolitik. Um Inklusion in Usbekistan einzuführen, arbeitet der Staat mit internationalen Organisationen wie u.a. UNICEF und UNO aktiv zusammen und bekommt auch materielle Unterstützung aus dem Ausland. Die Europäische Union finanziert das Projekt „Inklusive Bildung für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Usbekistan“ mit 2 Mio. Euro. Im Rahmen dieses Projektes haben Experten und das „Republikzentrum für soziale Integrierung von Kindern“(РЦСАД) ab 2. September dieses Jahres angefangen, 800 Kinder mit leichten geistigen und körperlichen Behinderungen in 15 experimentelle allgemeinbildende Regelschulen und 15 Kindergärten einzubeziehen, die in fünf Regionen – Taschkent, Samarkand, Buchara, Fergana und Choresm eingerichtet sind. Hierfür wurden 40 Pädagogen in Seminaren in Taschkent weitergebildet.
Auch DAAD-Lektor Stephan Kehl hat zur Weiterbildung der zukünftigen Lehrer einen großen Beitrag geleistet. Er hat eine Sommerschule unter dem Motto „Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Menschen mit Behinderung in Zentralasien“ im Zeitraum von 3. bis 14. September 2015 erfolgreich durchgeführt. An der Sommerschule haben 13 usbekische und zehn deutsche Studenten aus verschiedenen Fachrichtungen von Sonderpädagogik über Sozialpädagogik bis hin zu Internationale Beziehungen aktiv teilgenommen. Diese enorme Perspektivenvielfalt war eine gute Grundlage für ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die deutschen Teilnehmer gaben weiter, was in diesem Bereich in Deutschland schon erreicht worden ist.
In den Fachseminaren haben sich Teilnehmer mit den Grundlagen der sowjetischen und der usbekischen Behindertenpädagogik beschäftigt und die Ideen von Lew Wygodski über die moderne Sonder– und Heilpädagogik kennengelernt. Anschließend haben Experten wie Dilmurod Pardajew, Rochat Rachmatullajewa und andere ihre Projekte und Vereinigungen von Menschen mit Behinderung in Samarkand vorgestellt. Ganz unersetzlich waren auch drei Präsentationen von UNICEF, die uns über die aktuelle Situation auf der politischen Ebene, bezogen auf Menschen mit Behinderung, informiert haben. Ein Highlight bildete auch die Vorstellung des Projektes „Inklusive Bildung für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Usbekistan“ von Jürgen Becker. Zunächst erklärte er ausführlich, wie dieses Projekt die inklusive Bildung in Usbekistan umsetzen hilft. Darauf gestaltete sich dies durch viele Fragen zu einer großen Diskussionsrunde. Auf die Frage „Worin liegt die nachhaltige Wirkung Ihres Projektes?“ antwortet er so: „Das hängt vor allem von den Einstellungen der Bevölkerung ab, weil die Menschen sich schämten und ihre Kinder verstecken. Deshalb arbeiten wir jetzt mit den Eltern und Betroffenen zusammen.“ Schließlich analysierten die Teilnehmer in geteilten Gruppen die vielseitigen Möglichkeiten für Inklusion sowie auch die Hindernisse und brachten ihre Einstellungen in selbsterstellten Plakaten zum Ausdruck.
Für ein tiefgreifendes Verständnis im Rahmen von Inklusion wurden die bisher entstandenen Schlüsselfragen von den Studenten am Ende des Projektes beantwortet. Sozialpädagogin und Masterstudentin der Philipps-Universität Marburg Lisa Ludwig hat sich so geäußert: „Die Sommerschule finde ich rundherum sehr gelungen. Stephan Kehl hat ein vielfältiges Programm zusammengestellt, welches uns zu vielen Diskussionen angeregt hat. Diese Erkenntnisse scheinen mir hilfreich für die (Weiter)entwicklung der inklusiven Bildung in Usbekistan wie auch in Deutschland. Von daher bringt die Sommerschule für beide Länder Vorteile. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen mit Perspektiven zurück in ihren Alltag und können von dort aus Diskussionen und Veränderungen in Gang setzen.“
Wenn man die Sozialpädagogin nach ihrem Urteil zum bisherigen Entwicklungsstand und der Einführung der inklusiven Bildung in Usbekistan fragt, sowie der dahingehenden Unterstützung der Regierung; ist ihre Antwort hierauf: „Das Hauptproblem, welches ich auf institutioneller Seite sehe, bleibt weiterhin die medizinische Sichtweise“. „Behinderung als rein biologisches Problem eines Individuums zu betrachten, steht im Gegensatz zu inklusiver Bildung.
Es muss in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik des Staates einen Paradigmenwechsel zu einer bio-psycho-sozialen Sichtweise hin stattfinden. Dann können bereits bestehende Gesetze zugunsten von Inklusion auch umgesetzt werden.“
Lisa Ludwig sieht derzeitige Hindernisse und zukünftige Chancen zu der Ermöglichung einer Teilhabe in der Gesellschaft für Menschen mit besonderen Bedürfnissen: „Wie bereits erwähnt, sehe ich das tonangebende medizinische Paradigma als absoluten Gegensatz zur Idee der Inklusion. Vorbehalte in der Gesellschaft (Stereotype, Abwertung) können mit der fortdauernden medizinischen Fokussierung nicht aufgeweicht werden. Aber ich sehe viele engagierte Menschen in der Bevölkerung, die sich in ihrer Freizeit für die Inklusion einsetzen sowie öffentliche Aufmerksamkeit durch internationale Organisationen. Auch die Gesetzeslage und die Ratifizierung der CRPD sind positive Ausgangsfaktoren.“
Auf die Frage „Wie kann der Umgang mit Behinderung in einer Gesellschaft wie der usbekischen nachhaltig zum Positiven verändert werden?“ antwortet Psychologin Helene Rieche aus Freiburg folgendermaßen: „Eine Beeinträchtigung wird hier noch sehr häufig als Strafe oder Schande angesehen, was dazu führt, dass Betroffene zu Hause „versteckt“ oder in gesonderte Einrichtungen abgegeben werden. Es bedarf umfassender Aufklärung und Information, um die Sicht auf Behinderung zu ändern und ein tolerantes und unterstützendes Miteinander zu fördern. Vielleicht muss solch ein gesellschaftliches Umdenken aber auch „von oben“, also auf politischer und rechtlicher Ebene, initiiert werden. Durch entsprechende Verordnungen könnten beispielsweise die Arbeitsmarktsituation, die Infrastruktur, die stark medizinisch geprägte Diagnostik oder die finanzielle Unterstützung als Voraussetzungen für die gesellschaftliche Teilhabe verbessert werden.“