Wer durch Almaty flaniert, dem müssen sie nach einer Zeit unweigerlich auffallen: riesenhafte Gemälde, die an Wand- und Häuserflächen prangen. Tatsächlich machen sie sich auf den großflächigen Fassaden klassischer Sowjet-Bauten auch besonders gut: sogenannte „Murals“ oder Wandbilder. Unsere Autorin hat mit einem der Künstler gesprochen, die sich in Almaty mit einem Mural verewigt haben.

Die Wandmalerei ist seit jeher Teil der menschlichen Kultur, beginnt in den Höhlen der Urgeschichte, setzt sich fort in der Mosaikkunst des antiken Griechenlands, der Verzierung buddhistischer Weihestätten, da Vinci, Michelangelo und der Sixtinische Kapelle bis hin zu den politischen Wandmalereien des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika oder Irland.

Eines ist Murals gemein: Durch ihre prominente Position an Außenflächen haben sie großen öffentlichen, dabei indirekten Einfluss auf vorübergehende Passanten, und tragen zumeist eine soziale Botschaft. Im Vergleich zu anderen Formen der Street-Art sind Murals legal und die Künstler und Künstlerinnen werden üblicherweise für ihre Arbeiten bezahlt.

So lässt sich auch Almaty im Rahmen des internationalen Mural-Festivals „MURAL FEST“ alljährlich seine Gebäude verschönern und setzt sich gleichzeitig dem (kritischen) künstlerischen Blick auf die kasachische Gesellschaft aus.

Wir sprachen mit dem serbischen Street-Art-Künstler „Artez“ über sein Werk von 2018, seine Person und sein Verhältnis zu Kasachstan.

Artez, bist du ein „Vollzeit-Künstler“?

Ich male „vollzeit“, seitdem ich mein Architektur-Studium abgeschlossen habe. Ich könnte mir nie vorstellen, etwas anderes zu machen.

Was hat es mit deinem Künstlernamen auf sich?

Ich kam spontan auf den Namen „Artez“. Hauptsächlich, weil ich meine wahre Identität verbergen musste, als ich anfing, auf den Straßen von Belgrad Graffiti zu malen. Später hatte ich mich einfach daran gewöhnt und entschied, dabei zu bleiben.

Wann hast du mit Murals begonnen?

Ich habe mit 15 Jahren angefangen, Graffiti zu malen, und einige Jahre lang habe ich das illegal gemacht. Nach einer Weile fing ich dann an, komplexere „Pieces“ (Graffiti-Jargon: aufwändige, meistens mehrfarbige und großflächige Graffiti/ Bilder) zu entwickeln.
Also brauchte ich mehr Zeit zum Malen und beschloss, mich mehr auf die Wände zu konzentrieren, für die ich eine Erlaubnis hatte.

Wieso hast du dich für Murals entschieden, um dich auszudrücken?

Ich mag die Idee, ein kleines „Pixel“ in das große Bild der Stadt zu malen. Meine „Leinwand“ ist stets umgeben von Gebäuden und existiert in einem vorgegebenen Ambiente.

Außerdem liebe ich es, große Flächen zu bemalen, hauptsächlich wegen der physischen Anstrengung, die damit verbunden ist.

Was zeigt dein Wandbild in Almaty?

Dieses Mural zeigt einen Mann in traditioneller kasachischer Kleidung, der auf einem Damenfahrrad fährt.

Trägt dieses Kunstwerk einen Titel?

„Riding her horse“ (etwa: „Er reitet ihr Pferd“) ist der offizielle Titel des Murals.

Wie sahen die Rahmenbedingungen für dieses Werk aus?

Man lud mich ein, für das „MURAL FEST“ etwas pro bono zu malen. Das Festival wurde durch die Stadtregierung Almatys unterstützt, und das Sujet des Murals musste zuerst von den Festival-Organisatoren und den städtischen Behörden bewilligt werden.

Wie bist du auf dieses Bild gekommen?

Ich musste vor Ort improvisieren, weil die erste Wand, die ich bemalen sollte, aus irgendeinem Grund nicht mehr verfügbar war. Deshalb passte der Entwurf, den ich vorbereitet hatte, bevor ich nach Almaty kam, nicht mehr auf die Wand. Das neue Konzept wurde über Nacht kreiert: Mit einem einheimischen Model, traditioneller Kleidung und einem alten Fahrrad!

Was ist die Botschaft dieses Murals?

Während meiner Reisen bin ich vielen Menschen begegnet, die Angst hatten, ihre Familien würden sich von ihnen abwenden, wenn sie sich nicht so verhielten, wie man es ihnen sagte. In meiner Welt sind Männer und Frauen in ihrer Freiheit gleich. Sie haben das gleiche Recht, zu entscheiden, wohin ihr Leben gehen soll, und das gleiche Recht, zu tun, was auch immer sie glücklich macht. Er wird stolz auf ihrem Fahrrad fahren, ohne Angst, dafür verurteilt zu werden, und sie wird sich den Mann selbst wählen, mit dem sie ihr Leben verbringen will. Er wird eine „Hausfrau“ sein, wenn er möchte, und sie wird Karriere machen und der „Mann“ sein, der für seinen Stamm sorgt. Ihr Leben wird ihnen gehören und ihre Familien werden da sein, um sie zu unterstützen, nicht, um sie auszubeuten.

Etwas über die Traditionen und Werte zu lernen, die für unsere Lehrer wichtig sind, kann uns nur guttun, aber die Entscheidungsfreiheit sollte uns niemals genommen werden. Wenn ich mich dazu entscheide, der Tradition zu folgen, auf die ich stolz bin, kann ich es genauso gut tun, während ich ein Damenrad fahre. Einfach, weil ich Lust darauf habe!

Wie hast du dieses Mural technisch realisiert?!

Mit Hilfe einer Hebebühne und vielen Litern Wandfarbe. Es dauerte sieben volle Tage, um dieses 600 m² große Bild fertig zu malen!

Was bedeutet dieses Werk für dich persönlich?

Herausforderung – hin und wieder sehe ich mich mit einem Projekt konfrontiert, das meine mentale und körperliche Stärke beansprucht, meine Sturheit herausfordert und meinen Willen, „den Job zu erledigen“. Es gibt viele Faktoren, die eine unangenehme Arbeitsatmosphäre schaffen können. Solche, die wir nicht kontrollieren können (wie Regen, Schnee, hohe oder niedrige Temperaturen, gesundheitliche Probleme etc.), und solche, die von „menschlichen Faktoren“ verursacht werden. Sei es aufgrund begrenzter Erfahrung oder Mittel, schlechter Kommunikation oder mangelnder Organisation. Leider gerät der Respekt gegenüber dem Künstler und seiner Zeit immer wieder in Frage.

Um es kurz zu machen – ich habe die Herausforderung angenommen und es geschafft, dieses 600 m² große Bild in sieben Tagen zu malen.

Während des Projektes fühlte ich mich zuweilen manipuliert, enttäuscht, müde und wütend, aber nicht einen Moment lang habe ich daran gedacht, aufzugeben. Ich glaube, meine Sturheit hat gewonnen. Und nun, da ich zurückblicke, bin ich sehr froh darüber!

Was für eine Beziehung hast du zu Kasachstan?

Um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt, wie Künstler und Künstlerinnen in europäischen Ländern behandelt werden, verglichen mit Ländern, die Teil der Sowjetunion waren. Obwohl ich liebend gern als Tourist nach Kasachstan zurückkommen würde, bezweifle ich, dass ich in absehbarer Zeit dort nochmal ein Kunstprojekt durchführen werde.

Woran arbeitest du gerade?

Im Moment bereite ich mich auf ein neues Projekt in meiner Heimatstadt Belgrad in Serbien vor. Außerdem versuche ich, so viel wie möglich in meinem Studio an kleinen Kunstwerken zu arbeiten!

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Katharina Frick.

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