Eine einheitliche Streikkultur lässt sich in Europa nicht finden. In Frankreich wird heftiger protestiert als in Deutschland. In der Schweiz anders als in Griechenland. Was sind die Hintergründe? Eine Spurensuche.

Aus deutscher Sicht schaut man mit einer Mischung aus Unverständnis und veritabler Bewunderung auf das Nachbarland Frankreich, wenn es um dessen Streikkultur geht. Tatsache ist, dass die Franzosen deutlich häufiger streiken als die Deutschen. Doch warum ist das so? Eine scheinbar nahliegende Annahme ist, dass die ausgeprägtere Protestkultur in der Geschichte des Landes zu suchen ist. Die Französische Revolution 1789 war ein Aufbegehren gegen die Doktrin des Staates und eines feudalistischen Herrschaftsregimes, und der Protest organisierte sich aus dem Volk heraus. Ist also hier der Grund für eine ausgeprägtere Haltung zur zivilen Ungehorsamkeit zu suchen? Nicht unbedingt. Die Gründe sind weitaus formeller: Anders als in Deutschland räumt die französische Verfassung dem einzelnen Bürger ein individuelles Streikrecht zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Dabei ist es nicht wichtig, ob der Einzelne Mitglied in einer Organisation ist, wie beispielsweise einer Gewerkschaft.

In Deutschland sind Streiks nur rechtmäßig, wenn Sie gewerkschaftlich organisiert sind oder im Rahmen von Tarifverhandlungen stattfinden. Die größten Dienstleistungsgewerkschafen in Deutschland sind die IG Metall und Verdi, sie sind beide im deutschen Gewerkschaftsbund organisiert. Ein Hauptstreikgrund sind oftmals die Forderungen nach höheren Löhnen. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat sich die Streikkultur in Deutschland in den letzten Jahren deutlich geändert. Große Gewerkschaften rufen nur noch punktuell und vergleichsweise selten zu großen Warnstreiks auf. Anders ist bei Arbeitskämpfen wie bei der deutschen Bahn oder der Lufthansa. Hier gab es in jüngerer Vergangenheit umfangreiche und lange Streiks, die allerdings aufgrund der kleinen Beschäftigungszahl in der Gesamtheit nicht weiter ins Gewicht fielen. Damit fällt Deutschland deutlich hinter „streiklustigen“ Ländern wie Belgien, Dänemark oder eben Frankreich zurück. Da in Frankreich auch politische Streiks und Solidaritätsstreiks aufgrund der Ungebundenheit an eine Gewerkschaft stattfinden können, begünstigt das in gehobenem Maße die Entwicklung von streikgeprägten Massenbewegungen – auch über Unternehmen und Sektoren hinweg.

Ein weiterer Einfluss für eine hohe Streikkultur ist auch in der politischen und wirtschaftlichen Situation der einzelnen Länder in Europa zu suchen. Durch die Finanzkrise in Griechenland ist die Tendenz zu Streiks oder Protest dort allgemein höher. Taxifahrer befanden sich 2011 im Ausstand, 30.000 Beschäftigte legten ihre Arbeit nieder. Sie demonstrierten für eine Liberalisierung des griechischen Arbeitsmarktes und forderten, dass die Regierung die Hilfspakete durch EU und internationalen Währungsfonds annehmen sollte. Die wirtschaftliche Lage ist aber nicht immer hauptentscheidend. So verrichteten Schweizer Polizisten in Genf ihre Arbeit nur noch in Zivil, um für ein besseres Lohnmodell zu demonstrieren.

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