Dass das in Deutschland als „Schifferklavier“ bekannte Akkordeon viel mehr zu bieten hat als Seefahrergegröle beweist das erste Internationale Akkordeon- und Bajanfestival in Almaty. Von Jazz bis zu kasachischem „Küj“ sind sämtliche Stilrichtungen vertreten.

Ratis sitzt in der ersten Reihe und schaut gebannt zu seinen Vorbildern auf der Bühne auf. Voller Inbrunst flirtet dort Roman Schbanow die kesche Dominique Emorine an. Diese kontert frech. Mit einer Leichtigkeit fliegen die Finger der charismatischen Französin über die Knöpfe des Bajans. Der Russe Schbanow nimmt es mit Humor, ergänzt sie mal dominant, mal unterwürfig. Ein verheißungsvoller Blick, und schon nimmt das Spiel einen ganz anderen Lauf. Es ist ein Flirt ohne Worte, ein musikalischer Turteltanz zwischen Frankreich und Russland. Der Funke schwappt sofort auf das Publikum über, das Bajan-Duo „Paris-Moskau“ reißt mit.

Ratis will selbst gerne einmal erfolgreicher Bajanist werden. Dafür studiert der 19-jährige Akkordeon am College in Almaty und übt drei bis fünf Stunden täglich. Bestens einstudiert hat er dabei das Stück „La Valse à Margaux“ von Richard Galliano. Vor allem an der Dynamik müsse er jedoch noch feilen, gibt ihm Dominique Emorine mit auf den Weg. In einem Workshop nutzte er anlässlich des ersten Internationalen Akkordeon-und Bajanfestivals in Almaty die Gelegenheit, Tipps von Profis zu bekommen, und stellte sein Können so unter den aufmerksamen Ohren des Duos auf den Prüfstand. Mit viel Fantasie und Humor vermittelten diese den Nachwuchskünstlern, worauf es beim Akkordeon- und Bajanspielen ankommt: Der Spieler müsse mit seinem Instrument verschmelzen. Hilfreich dabei: Die Augen beim Spielen zu schließen, um sich besser in die Musik einzufühlen. Außerdem müsse die Dynmaik Höhen und Tiefen haben wie die Berge und Täler in Almaty. Gerade das Spiel mit der Dynamik ist die Stärke des Akkordeons, verleiht ihm so viel Ausdruckskraft.

Das Bajan – ein kasachisches Nationalinstrument?

Die meisten der jungen Talente spielen Bajan – wie in allen osteuropäischen Ländern ist auch in Kasachstan diese Form des Akkordeons verbreiteter als das Pianoakkordeon. Während das Pianoakkordeon auf der rechten Seite wie ein Klavier gespielt wird, ist das Bajan – die russische Form des Knopfakkordeons – auf beiden Seiten mit Knöpfen bestückt. In Kasachstan wird oft „Küj“-Musik mit dem Bajan interpretiert: „Küjs“ sind kurze Musikstücke, welche auf Sängerwettstreits aus dem Stegreif improvisiert werden. Traditionellerweise werden die Dichter dabei von der Dombra, einem kasachischen Zupfinstrument, begleitet. Auf dem Akkordeonfestival darf ein solches „Küj“ natürlich nicht fehlen: Bajanist Damir Sultanow aus Astana nimmt sich das Stück „Adai“ vom bekannten kasachischen Dichter Kurmangazy Sagyrbajew vor. Das Wort „Adai“ bezeichnet ein altes Volk der Kleinen Horde – eine der drei kasachischen Stammesbünde.

Kurmangazy ist auch der Namensgeber des Kasachischen Nationalkonservatoriums in Almaty, Veranstalter des Festivals. Die Abteilung für Akkordeonmusik ist hier interessanterweise der Fakultät für kasachische Volksmusik untergeordnet. Dass das Bajan durchaus nationalen Charakter hat, beweisen auch die Akkordeonschüler des Konservatoriums: Zum krönenden Abschluss des Festivals haben sie eine Überraschung zum Geburtstag ihres Lehrers Anatoli Gaisin parat: den Marsch „Golos Asii“ des kasachischen Komponisten Adil Bestybajew.

Koordinatorin Anna Sergijenko ist fasziniert: „Das Akkordeon ist so ein Instrument, da kann man alles drauf spielen.“ Die Vielseitigkeit des Instruments stellen die vielen Gäste des Festivals beeindruckend zur Schau: Nicht nur kasachische Folklore erklingt. Vom französischen Musettewalzer über Tango und Jazz; mit der Band, im Duett oder als Solokünstler – auf dem Abschlusskonzert sind alle denkbaren Stilrichtungen und Formationen vertreten. So reizt der ukrainische Kompositor Wladimir Subitski sein Bajan voll aus: Das Instrument kann man durchaus auch als Trommel missbrauchen. Unter anderem gibt er eine Variation von Astor Piazollas „Libertango“ zum Besten. Ratis ist hellauf begeistert – mit dem letzten Ton springt er auf und überreicht dem Profi-Bajanisten unter tosendem Applaus stolz ein paar Rosen.

Von Christine Faget

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