Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich im Sommer 1991 nach Deutschland kam. Heute beschreibe ich das Deutschland von damals am liebsten mit dem Wort „unschuldig“. Nicht, dass Deutschland sich inzwischen besonders schuldig gemacht hätte.

Weit weniger als andere sogar. Aber ich gebrauche eben gern das Wort „Unschuld“ im Zusammenhang mit Kindheit. Und ich meine damit nicht etwa die eigene Kindheit, die ich etwa auf das Land projizieren würde. Deutschland selbst hatte etwas… o.k., nichts Kindliches, aber etwas Heiles, etwas Naives, etwas Unberührtes und damit auch etwas Unschuldiges.

Die Menschen liefen rum, so wie die Evolution sie schuf – ohne Piercings in der Nase und ohne Angst vor Terroranschlägen. Hier und da standen gelbe, schnuckelig abgerundete Telefonzellen, in die man Pfennige (mein Gott, Pfennige!) einwerfen konnte. Und niemand hatte es eilig. Man schob beim Einkaufen seinen Wagen entlang der Regale, zählte die Monate bis zu seinem Geburtstag, und wenn es regnete, nahm man einen Regenschirm mit. War „Stress“ bereits in den Lexika verzeichnet?

Es war ja auch alles viel einfacher. Neue Filme kamen übers Kino, Musik – auf CDs und Strom aus der Steckdose. Man startete keine Qualitätsrecherche, wenn man sich eine Fahrradpumpe kaufen wollte, und stellte sich auch nicht nachts den Wecker, um an einer Auktion teilzunehmen. Zwölfjährige Mädchen malten damals mit Buntstiften ihre Tagebücher aus und übernachteten nicht unter den Hotelfenstern von gezüchteten Boygroups. Globalisierung war ein Fremdwort, die Welt war eine gemütliche Scheibe, und die größte Gefahr für die Menschheit ging von den FCKW-Spraydosen aus.

Erst heute weiß ich das alles zu schätzen. Damals hatte ich keinen Blick für all das. Ich kam ja gerade aus der Sowjetunion angereist und hatte mit meinen 14 Jahren noch keinen Sinn für die Vergänglichkeit und die Melancholie des Älterwerdens. Dafür hatte ich den Blick eines Fremden und sah Dinge, die den Einheimischen verborgen blieben.

Da war vor allem dieses satte Grün der Hecken. Dieses Grün war bis zu Unnatürlichkeit natürlich. Ich hatte zur Genüge schwarzen Schnee gesehen, weil ich aus einem Land kam, in dem die komplette Tabelle der Elemente nicht nur im Boden, sondern auch in der Luft zu finden war. Aber dieses Grün! Und dann waren diese Hecken auch noch perfekt gestutzt, die Rasen perfekt gemäht, nichts wuchs, wie es nicht sollte. Es war beängstigend. Kanaldeckel waren in der Höhe der Fahrbahn angepasst. Nach einem Regen floss das Wasser diszipliniert in die speziellen Rinnen ab und verwandelte nicht die Gehpfade zu Sumpfgebieten. Was war hier los? Meine Augen wanderten unentwegt nach rechts unten – auf der Suche nach dem Kürzel des Künstlers, der dieses Gemälde geschaffen hatte. Denn mit Natur und Realität hatte diese künstliche Welt nichts zu tun. Ich wusste es, denn ich kam aus der Realität.

Ich bin im ständigen Kampf mit Natur und anderen Widrigkeiten des Lebens aufgewachsen. Ich hatte es mit Kälte zu tun, wenn es Winter war, und weiß nicht nur theoretisch, dass die Füllertinte einfrieren kann. Die Schwerkraft war mein Gegner, wenn ich die Einkäufe nach Hause schleppte, und ich lernte sehr früh, mit welchen Schuhen man welchen Matsch überqueren darf. Das Leben in Russland ist auch heute noch ein ständiges Anpassen und Improvisieren. Die höheren Gewalten lauern überall: Stürme und Überflutungen sind kaum launischer als Gaswerke, Stromversorger oder öffentliche Verkehrsnetze.

So angenehm mich in Deutschland auch das wohlgeordnete Leben überraschte, fühlte ich trotzdem von Anfang an, dass es dieser Pseudorealität etwas fehlte. Es entsteht in einem eine andere Beziehung zur Welt, vielleicht auch eine gewisse innere Größe, wenn man sich von den kleinen Problemen und Herausforderungen des Lebens nicht abgeschottet und sich nicht in seiner Umgebung wie in einem kleinen Paradies eingerichtet hat.

Ich bin kein Gegner der Zivilisation. Ich bin aber ein Bewunderer der russischen Mentalität. Ich habe den Eindruck, dass dort Worte und Gefühle noch ihre echte, ursprüngliche Bedeutung haben. Das Leben selbst ist dort viel wichtiger. Man verspricht in Russland nicht leichtfertig, mit jemanden bis ans Ende der Welt zu gehen. Ans Ende der Welt fahren dort Züge. Und dennoch wird es dort nicht weniger oft versprochen.

Ich wünsche den Deutschen diesen Teil der russischen Mentalität genauso, wie ich den Russen den deutschen Wohlstand wünsche. Ob ich selbst beides habe? Ich weiß es nicht. Aber wenn ich einen Traum von mir etwas frei formulieren darf, dann würde ich gern in einem deutschen Zug mit einer Russin bis ans Ende der Welt fahren. Oder vielleicht zurück in die Vergangenheit. Denn was ist Nostalgie anderes, als ein Traum, der versehentlich gelebt wurde…

Anton Markschteder

18/07/08

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