Anne Klemm (22) studiert Europäisches Verwaltungsmanagement an der Hochschule Harz in Deutschland. In der Nähe von Magdeburg, im idyllischen Harz gelegen, ist Annes Studienort Wernigerode eine Stadt mit nur 33.000 Einwohnern. Derzeit verbringt sie ein Auslandssemester an der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty. In der DAZ berichtet Sie über ihr Leben in der Millionenmetropole Almaty und die Tücken des Alltags.

Der Bus fährt an die Haltestelle. Ich versuche, so schnell wie möglich aufzuspringen. Die Tür geht, nachdem ich beide Beine auf der ersten Stufe der Treppe habe, quietschend zu. Weiter geht es. Dicht an dicht gedrängt. Die Stimme des Schaffners durchdringt den Bus. Er bittet energisch um weiteres Zusammenrücken, was bei mir auf Unverständnis stößt . Niemand kann sich auch nur einen Zentimeter nach links oder rechts bewegen. Über der Tür lese ich eine Warnung vor den Unannehmlichkeiten, die jene ereilen, die auf der Treppe stehen bleiben. Almatys Straßen sind verstopft. Natürlicherweise bilden sich morgens zwei Autoreihen in Richtung Zentrum und eine für die aus der Stadt kommenden Autos. Abends dasselbe in umgekehrter Richtung. Viele Autofahrer ignorieren einfach den Gegenverkehr, um am Stau vorbeizukommen. Der Busfahrer entscheidet anders. Er biegt rechts in die Wohngebiete ab und umfährt den Stau weiträumig. Protest einiger älterer Frauen. Er ignoriert es. Ich werde mich daran gewöhnen. Jetzt bin ich schon zwei Wochen in Almaty und staune, in welchem Maße ich schon mit der Lebensweise in Almaty vertraut bin. Bereits seit einer Woche bin ich Teil des morgendlichen und abendlichen Menschenstromes auf den Straßen.

Für ein halbes Jahr werde ich in dieser Stadt leben, um an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) zu studieren, meine Russischkenntnisse zu erweitern und das Land Kasachstan kennen zu lernen. Es stand für mich außer Frage, mein Auslandssemester in einem russischsprachigen Land zu verbringen. In Russland habe ich schon viel gesehen. Warum nicht weiter nach Zentralasien und Kasachstan? Außerdem liebe ich es, in der Natur unterwegs zu sein, und wusste, Almaty und Umgebung würden mich dahingehend nicht enttäuschen. Also habe ich Visum und Stipendium beantragt, daraufhin die positiven Zusagen erhalten und los ging es nach Almaty.

Zu meiner Überraschung gestaltete sich der Flug mit Air Astana von Hannover nach Almaty sehr komfortabel, allen negativen Voraussagungen meiner Bekannten in Deutschland zum Trotz. Kurz nach der Ankunft in Almaty in den frühen Morgenstunden, sah ich zum ersten Mal die Berge, die sich eindrucksvoll über der Stadt erheben. Leider ist das einer der seltenen Augenblicke gewesen. Zu anderen Tageszeiten ist die Sicht wegen der Luftverschmutzung sehr schlecht.

In welche Richtung geht es ins Zentrum der Stadt? Erste Orientierungspunkte: Oben ist Süden, unten Norden. Umdenken. Auch der Hinweis meines Vermieters: „Links ist Medeo und rechts der Flughafen“, war hilfreich. Im Allgemeinen sind einige Bushaltestellen, sämtliche Straßenbezeichnungen und Hausnummern schwer ausfindig zu machen. Dies kann die ersten Tage in Almaty zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit machen. Besonders dann, wenn es dunkel geworden ist. Der meist die Haltestellen vor sich hinmurmelnde Schaffner hilft in diesem Fall auch nicht weiter. Dank gebührt den freundlichen, sitzenden – die Glücklichen ! – Mitfahrern, die einem im mehr als vollen Bus den studentisch gefüllten Rucksack abnehmen oder gern über Haltestellen Auskünfte geben. Bisher konnte ich noch alles ausfindig machen. Die Fähigkeit, geduldig auf den Bus zu warten, wird durch die fehlenden Fahrpläne – die man irgendwann als westliche Erfindung abtut – sehr geschult.

An der DKU fiel es mir zu Beginn schwer, bei einigen Seminaren zu folgen und gleichzeitig in Gedanken zu übersetzen. Mittlerweile hat sich das gebessert, und ich kann mich glücklicherweise auf meine Kommilitonen verlassen. Alle sind etwas jünger. In Deutschland ist man 18, 19 oder schon 20 Jahre alt, nachdem man die Hochschulreife erworben hat. Hier geschieht das schon ein bis zwei Jahre eher. Die meisten beginnen sofort zu studieren und haben in meinem Alter das Studium bereits abgeschlossen. Viele der deutschen Abiturienten absolvieren noch ein Freiwilliges Soziales Jahr, wie ich auch, oder den Wehrdienst, so dass sich die meisten erst mit 20, 21 Jahren immatrikulieren.

Der Altersunterschied spielt in Bezug auf gegenseitige Neugier und Offenheit keine Rolle. Bisher entstanden problemlos gemeinsame Wochenenden. Ich bin gespannt auf die nächste Zeit und weitere Erfahrungen mit der kasachischen Lebensweise – auch außerhalb Almatys.

Von Anne Klemm

19/10/07

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