Mit dem Grüßen ist es heutzutage gar nicht mehr so leicht. Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Da hieß es im Kontakt mit den fremden Leuten und Geschäftspartnern „Mit freundlichen Grüßen“. Bei Freunden und Bekannten schloss man mit „Gruß“, „Viele Grüße“, „Alles Gute“ oder „Machs gut“. Irgendwann haben sich dann die lieben Grüße eingeschlichen.

Das gibt es in den Abstufungen „Liebe Grüße“, „Viele liebe Grüße“ oder „Ganz viele liebe Grüße“. Abstufungen sind gut, damit kann man anderen zum Ausdruck bringen, wie lieb man sie denn hat. Wenn man jemanden sehr gern mag, bekommt derjenige die ganz vielen lieben Grüße verpasst, und das ist schon ein mutiger Schritt nach vorn in der emotionalen Öffnung. Dazu gibt es nur noch die Steigerungen, dass man den anderen in Worten umarmt, fest drückt oder küsst – entweder eines davon oder alles gleichzeitig.

Das kann schon emotionalen Stress auslösen. Gleichzeitig werden Herzlichkeit und Nähe aber wieder durch die unsäglichen Abkürzungen eingestampft: LG, VLG, GLG oder GVLG. Auch wenig herzlich erscheint, wenn die vielen lieben Grüße Teil der Signatur sind. Da werden sie in einem technischen Vorgang ein Mal fixiert und so ziemlich jedem mitgeschickt, womit die Exklusivität wieder futsch ist.

Dass die vielen lieben Grüße nun im Schriftwechsel stecken, OK, wenn sich seiende oder werdende Freunde schreiben. Aber im Geschäftsleben haben die lieben Grüße nun wirklich nichts zu suchen, bitteschön! Wo kommen wir denn da hin? Hier geht es um Geschäfte, Verträge, Geld und Termine. Hier muss notfalls auch mal ein anderer Ton angeschnitten werden, wenn der Rubel nicht rollt oder Termine nicht eingehalten werden. Wie soll ich denn da fordern, ermahnen und schimpfen, wenn mir jemand mit ganz vielen lieben Grüßen daherkommt? Da sag ich nur: Prost Mahlzeit! was ja eigentlich auch ein ganz schöner Gruß wäre.

Jetzt könnte man sagen, jedem das Seine, nu lass doch die Leute lieb grüßen, wenn ihnen danach ist, du musst es ja nicht tun. Ja, eben doch! Wenn man liebe Grüße mit freundlichen Grüßen pariert, dann ist das ein gnadenloser Schuss vor den Bug. Jemand öffnet sich und peng! wird eiskalt angeschossen. Und mindestens outet man sich als steifer und prüder Gefühlsmuffel.

Da geht einem vor lauter Grübelei um die Grüßerei fast der eigentliche Inhalt der Nachricht flöten, Hauptsache, er ist schön eingekleidet! Das alles ist schon stressig genug, wäre da nicht noch die Sache mit den Umarmungen. Aber davon mehr in der nächsten Woche.

Julia Siebert

12/10/07