Die Stadt: In ihr ballen sich Menschen, Häuser, Beton, Straßen, Verkehr. Hier tauschen sich Menschen aus, hier entstehen oft revolutionäre Ideen. Wodurch unterscheiden sich Städte in Europa von jenen in Zentralasien? Mit dieser Frage beschäftigten sich im Sommersemester Studierende am Zentralasien-Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen der Veranstaltung „Stadtplanung in Zentralasien“. Im September bereisen sie die zentralasiatischen Länder, um ihr Wissen und die aufgestellten Thesen zu überprüfen.

/Bild: Kathrin Justen. ‚Was zeichnet zentralasiatische Städte aus? Die Studierenden der HU Berlin diskutieren.’/

„Die Stadt ist ein junges Konzept in Zentralasien, das von Europa über den Umweg Russland nach Zentralasien hineingetragen wurde. Eigentlich passt es nicht in diesen Raum.“ So lautet eine der Thesen, die Historiker Götz Burggraf Anfang September in der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty über die Stadtentwicklung in Zentralasien vorstellt. Götz Burggraf ist neben Torsten Lorenz Leiter des Stadtplanungs-Seminars und wird mehrere Wochen mit den Studierenden unterwegs sein, um verschiedene Städte in Zentralasien zu besuchen. „Die Städte in Europa sind meist seit Jahrhunderten gewachsen, wogegen zentralasiatische Städte wie Almaty oder Astana erst künstlich im 20. Jahrhundert errichtet wurden“, fährt er fort. „Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Herausbildung der Nationalstaaten kam es zu einer Desintegration des gesamten Raumes.“ In Bischkek seien innerhalb der vergangenen 20 Jahre 80 Prozent der Bevölkerung ausgetauscht worden. „Das ist extrem schnell und stellt die Bewohner natürlich vor Identitätsfragen.“

„Nur Erdgeschoss renoviert“

„Was fiel Ihnen denn allgemein in Almaty auf?“, fragt Claudia Winkler, Managerin für Hochschulmarketing der DKU, die elf Studierenden des Seminars. „Wenn Fassaden erneuert werden, dann oft nur das Erdgeschoss, wo die Geschäfte drin sind, und weiter oben wird gar nichts gemacht. Dieses Phänomen kann man aber in vielen ex-sowjetischen Städten beobachten“, berichtet Jessica, die im Bachelor-Studiengang Regionalstudien Asien/Afrika mit Schwerpunkt Zentralasien eingeschrieben ist. „Eine unglaubliche Verschwendung von Raum in der Innenstadt“, bemerkt ein anderer Student. „Auf Hunderten von Metern reiht sich ein riesiger Zweckbau an den anderen. Dafür gibt es aber keinen entsprechenden öffentlichen Nahverkehr.“ In Europa sei man ja eher darauf bedacht, alles auf engem Raum zu konzentrieren, das Leben fände in der Innenstadt statt. In Zentralasien seien die Innenstädte teilweise leblos. „Das gilt allerdings mehr für Bischkek als für Almaty.“

Stadt, Identität, Zukunft

Die Frage der Identität sei nicht nur in Zentralasien, sondern auch in Europa gegenwärtig von zentraler Bedeutung, führt Götz Burggraf weiter aus. „Verwischen sich im Zuge der Globalisierung die Besonderheiten einzelner Nationen, oder schafft man es, regionale Identitäten zu bewahren? Was macht einen EU-Bürger aus? Was einen Franzosen?“ Die Frage der Identität sei auch entscheidend für die zukünftige Stadtentwicklung: „Wenn Sie nicht wissen wer Sie sind, wissen Sie nicht wohin Sie gehen.“

Von Julia Burkhart

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