Missverständnisse, Vorurteile und ein Informationsvakuum – ein Rundtischgespräch zwischen der deutschen Botschaft und Vertretern der deutschen Minderheit Ende April in Astana sollte dazu beitragen, mehr Verständnis füreinander zu schaffen und gemeinsame Felder der künftigen Zusammenarbeit zu identifizieren. „Die „Wiedergeburten“ gehören zu unseren vertrauten Partnern. Mit dem Runden Tisch soll dies wieder deutlicher werden“, sagt der deutsche Botschafter Rainer Schlageter. Beide Seiten vereinbarten, sich in Zukunft stärker über Projekte zu informieren, um so die gegenseitige Akzeptanz wieder aufzubauen.

/Bild: Deutsche Botschaft Astana/Timo Bauer-Savage. ‚„Die „Wiedergeburten“ gehören zu unseren vertrauten Partnern“, sagt der deutsche Botschafter Rainer Schlageter.’/

Der deutsche Botschafter ist immer ein gern gesehener Gast im Deutschen Haus in Almaty. Es gab Zeiten, da informierte sich der Diplomat mindestens zwei Mal pro Monat über die aktuellen Projekte der „Wiedergeburt“. „Aus mehreren Gründen wurde diese Zusammenarbeit schwächer, nicht zuletzt auch durch den Umzug der Botschaft von Almaty nach Astana“, sagt Rainer Schlageter, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kasachstan. Rein formelle Besuche stoppten den Informationsfluss und sorgten für Missverständnisse. Zuletzt bestanden kaum mehr lebendige Beziehungen.

In Vorbereitung auf das Jahr „Deutschland in Kasachstan 2010“ möchten der Botschafter und eine junge Generation von Diplomaten die deutsche Minderheit in Kasachstan in diese außergewöhnliche Veranstaltungsreihe prominent miteinbeziehen und organisiert ein Rundtischgespräch zwischen der deutschen Botschaft und Vertretern der deutschen Minderheit in Kasachstan Ende April in Astana. „Da sich die Zusammenarbeit der Botschaft mit der deutschen Minderheit aufgrund von einigen Missverständnissen in der Vergangenheit nicht immer ganz problemfrei gestaltete, haben wir die Idee zu diesem Rundtisch gehabt: Einem Treffen unter Einbeziehung von Vertretern der Minderheit aus allen Regionen Kasachstans, bei dessen zweitägigen Gesprächen, auch in lockerer Atmosphäre bei gemeinsamen Mittagessen und einem Empfang des Botschafters, genug Zeit bleiben sollte, die vergangene Zusammenarbeit kritisch zu analysieren und für die Zukunft auf eine neue Basis zu stellen“, sagt Timo Bauer-Savage, Leiter des Kultur-, Presse-, Rechts- und Konsularreferats der deutschen Botschaft in Astana und einer der Organisatoren der Gesprächsrunde.

Versuch, das Informationsvakuum zu schließen

Vertreter der „Wiedergeburt“ aus allen Regionen Kasachstans nahmen die Einladung zum offenen Gespräch dankbar an. Auch Mitarbeiter des deutschen Hauses in Almaty machten sich auf die Reise von Almaty nach Astana. Nadja Burlutzkaja, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Jugend in Kasachstan, vor dem Rundtischgespräch: „Ich habe gar nicht gehofft, dass wir für alle Probleme eine Lösung finden, viel Geld bekommen oder dass alle unsere Projekte sofort unterstützt werden.“ Ruben Bachmann, Experte für Kultur und Bildungsprojekte der Assoziation der deutschen Minderheit in Kasachstan, erwartete von dem Treffen in Astana „dass wir uns kennen lernen, unsere Arbeit umfassend präsentieren können und versuchen, das Informationsvakuum zu schließen“.

Die Botschaft organisierte den Rundtisch im Jahr „Deutschland in Kasachstan 2010” mit der Hoffnung, dass er helfen wird, „mehr Verständnis füreinander zu schaffen, Vorurteile und Missverständnisse abzubauen und auszuräumen sowie gemeinsame Felder und Möglichkeiten der künftigen Zusammenarbeit zu identifizieren“, so Timo Bauer-Savage. Auf dem Programm der Gesprächsrunde in Astana standen die Themen Visa, Spätaussiedlerfragen, Kulturförderung, „Deutschland in Kasachstan 2010“, die Situation der deutschen Minderheit in Kasachstan sowie allgemein die Beziehung der Botschaft zur deutschen Minderheit in Kasachstan.

Bei der Präsentation ihrer Arbeit hatte Helene Popowa, Expertin für Sozialarbeit, den Eindruck, dass der Botschafter aufmerksam zuhörte, Interesse zeigte und auch Neues erfahren hat. „Ich stellte unsere Projekte wie z.B. die Einführung europäischer Pflegestandards in Kasachstan vor und zeigte auch Bilder von dem mit modernen Geräten ausgerüsteten Pflegezimmer im Keller des Deutschen Hauses in Almaty. Die Gesprächsatmosphäre war warm und freundlich. Ich werde die Botschaft in Zukunft zu unseren Projekten einladen und Ihnen Informationen zuschicken.“

Förderung der Identität und Selbstorganisation

Perspektiven für künftige Kooperationsprojekte zu erarbeiten liegt im gemeinsamen deutsch-kasachischen Interesse. Ging es in der Vergangenheit noch um die Wiedergutmachung der Kriegsfolgen, hat in der deutschen Politik mittlerweile eine Umorientierung stattgefunden. Eine stabile deutsche Minderheit soll eigenständig ihre Interessen in der Gesellschaft der Republik Kasachstan vertreten und aktiv ihre Brückenfunktion zwischen Deutschland und Kasachstan gestalten. Ziel der Hilfenpolitik des Bundesministeriums des Inneren für Kasachstan ist es, die nationale Identität sowie die Handlungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit der deutschen Minderheit in Kasachstan zu stärken und weiterzuentwickeln.

Dr. Irina Hetsch, Leiterin der BMI/gtz Vertretung in Almaty, begrüßt intensivere Kooperationen zwischen der Botschaft und der „Wiedergeburt“: „Die geplante Zusammenarbeit hilft nicht nur Synergien zu nutzen und Doppelförderungen zu vermeiden, der umfassendere Informationsaustausch baut auch die gegenseitige Akzeptanz auf.“ In Zukunft soll die „Wiedergeburt“ die Botschaft stärker über ihre Maßnahmen informieren und zu Veranstaltungen einladen. Die Botschaft bezieht vor allem die lokalen „Wiedergeburten“ im Land stärker im Voraus in ihr Reise- und Besuchsprogramm ein.

Zusammenarbeit stärken

Dieses Ergebnis des Rundtischgesprächs schätzt Alexander Dederer, Vorsitzender der Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“, sehr hoch ein und freut sich sehr, dass der Botschafter und die junge Diplomatengeneration so viel Interesse an der Arbeit der deutschen Minderheit zeigt. „Der Dialog ist sehr nützlich und soll in weiteren Treffen mindestens einmal pro Jahr weiter fortgesetzt werden.“ Besonders gut gefiel Alexander Dederer der Fragebogen über die Wahrnehmung Deutschlands in Kasachstan. „Ich habe gesagt, dass die Zielgruppe des Jahres „Deutschland in Kasachstan“ 2010 vor allem Jugendliche und Studenten sein sollen und dass Deutschland mehr Werbung für Tourismus machen soll. Wir wissen, wie schön es in Deutschland ist, aber viele Einheimische kennen Spanien als Urlaubsziel besser als Deutschland“.

So war es kein Zufall, dass der Runde Tisch während des Jahres „Deutschland in Kasachstan“ 2010 stattfand. „Wir wollen in diesem Jahr nicht nur Deutschland mit seinen vielen Facetten in Kasachstan bekannter machen, sondern auch die Zusammenarbeit mit vertrauten Partnern stärken und neue Partner finden. Die „Wiedergeburten“ gehören zu den vertrauten Partnern. Mit dem Runden Tisch soll dies wieder deutlicher werden“, sagt Botschafter Rainer Schlageter.

Die Perspektiven für die künftige Zusammenarbeit schätzt die Botschaft als positiv ein. „Durch die Vermittlung eines realistischen Bildes der Möglichkeiten der Botschaft in der Zusammenarbeit mit und Förderung der Minderheit in Kasachstan wird die künftige Zusammenarbeit sicherlich noch konstruktiver und zielgerichteter verlaufen. Insbesondere in Sachen Wahrnehmung der „Wiedergeburten“ in den Regionen und bei der verstärkten Zusammenarbeit bei Kulturveranstaltungen der Botschaft und der „Wiedergeburten“ oder auch bei Konsularsprechtagen der Botschaft ist eine intensivere Zusammenarbeit möglich und wünschenswert“, sagt Timo Bauer-Savage.

Nadja Burlutzkaja, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Jugend in Kasachstan, ist mit dem offenen Gespräch in Astana zufrieden. „Ich habe das Interesse an unserer Arbeit gespürt. Im Jugendbereich steht die finanzielle Unterstützung gar nicht an erster Stelle. Viel wichtiger ist der Informationsaustausch und dass bei unseren Jugendprojekten in Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen alle Teilnehmer ein Visum bekommen. In diesem Bereich haben wir unsere Probleme ganz gut gelöst.“

Bereits im Anschluss an die Gesprächsrunde in Astana hat Ruben Bachmann, Experte für Kultur und Bildungsprojekte der Assoziation der deutschen Minderheit in Kasachstan, einen Rundtisch zur Bewahrung und Entwicklung der deutschen Sprache in Kasachstan mit Vertretern der deutschen Botschaft und des Generalkonsulats organisiert und freut sich über die Aufnahme des Internationales Ökologischen Jugendlagers Tau-Bulak in das offizielle Programm von „Deutschland in Kasachstan“ 2010.

Welche Aufgaben die Minderheit noch lösen muss, ist schwierig zu beantworten, da sich die Situation in den verschiedenen Regionen unterschiedlich darstellt. Beim Rundtischgespräch haben die Minderheitenvertreter nach dem Eindruck der Botschaft deutlich gemacht, dass sie den Weg eines konstruktiven Dialogs mit der Botschaft gerne mitgehen. „Wenn die Minderheit sich in diesem neuen Rahmen weiterhin ihrer wichtigen Kernkompetenzen – Jugendarbeit und der Sprachvermittlung – annimmt, kann sie optimistisch in die Zukunft sehen“, so Timo Bauer-Savage.

Von Christine Karmann

14/05/10

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