Mehr als 28 Jahre teilte die Mauer Deutschland in Ost und West. In ein sozialistisches und ein kapitalistisches System. Heute oft verklärt oder verteufelt, zeigt eine Ausstellung in Almaty derzeit Bilder aus dem Alltagsleben der DDR.

„Die Mauer hat nicht nur die Stadt Berlin geteilt; sie hat das Land Deutschland, Städte, Dörfer und – am schlimmsten – Familien geteilt“, beginnt Marco Graff seine Ansprache. „Für mich waren Westberlin und Westdeutschland einfach Ausland mit Leuten, die dieselbe Sprache gesprochen haben.“ Der Repräsentant einer großen deutschen Bank stammt aus der ehemaligen DDR und kann sich noch gut erinnern, wie das Leben damals war.

Am 13. August 1961 ließ die DDR-Führung unter Walter Ulbricht über Nacht eine Mauer errichten, um die immer mehr werdenden Flüchtlinge in Richtung Westen aufzuhalten: 3,50 Meter hoch, mit Stacheldraht, umgeben von einem Minenfeld und Grenzsoldaten, die den Befehl hatten, auf Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze zu schießen.

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Voll der Osten
Kennen sich mit Mauern aus: Bulat Sultanow (l.) und Marco Graff (r.).

Eine Ausstellung an der Al-Farabi-Universität zeigt nun, wie das Leben in der DDR war. Der Berliner Fotograf Harald Hauswald zog in den achtziger Jahren durch Ost-Berlin und fotografierte, was ihm vor die Linse kam: Kleine Szenen des Alltags, einsame und alte Menschen, verliebte junge Pärchen, Rocker, Hooligans und junge Leute, die sich in der Kirche für Frieden und Umweltschutz einsetzten. Die Fotos tragen Titel wie „Jugend“, „Einsamkeit“, „Macht“ oder „Abschied“. Seine späteren Bilder zeigen bereits einen untergehenden Staat, dessen Schicksal nach mehr als 40 Jahren Existenz besiegelt war.

Die Ausstellung präsentiert auf 20 Tafeln über 100 bekannte und unbekannte Fotos von Hauswald. Die Texte der Ausstellung hat der Historiker und Buchautor Stefan Wolle verfasst, der wie der Fotograf in der DDR aufgewachsen ist. Auf jeder Tafel gibt es einen QR-Code, welchen die Besucher mit dem Telefon einscannen können. Dieser leitet sie zu kurzen Videointerviews, in denen der Fotograf darüber berichtet, wie und in welchem Kontext das jeweils zentrale Foto der Tafel entstanden ist. Herausgegeben wurde die Ausstellung von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Agentur OSTKREUZ.

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Wie Hauswald und Wolle hat auch Graff seine Jugend in Ostdeutschland verbracht. „Ich habe ein ganz normales Leben in der DDR geführt“, erzählt der Banker den anwesenden Gästen und Studierenden. Er sei junger Pionier gewesen, habe Brieffreundschaften mit Kindern in der Sowjetunion unterhalten und „mit großem Enthusiasmus Russisch gelernt“. Aufgrund seiner guten Sprachkenntnisse schickte ihn die DDR zum Studium der Japanologie nach Moskau. Doch obwohl dies zur damaligen Zeit ein Privileg war, wies Graff auch darauf hin, dass die heutigen Studierenden einen viel größeren Spielraum bei der Planung ihrer Zukunft haben.

Voll der Osten
Der Fotograf Harald Hauswald hat das Leben der 80er Jahre in Ost-Berlin festgehalten. | Foto: Anton Turovininoll der

Wie ein getrenntes Land aussieht, kann man heute noch in Korea beobachten. Seit 1953 geteilt in Nord und Süd, haben sich die beiden Teile komplett unterschiedlich entwickelt. Während ein Wirtschaftsaufschwung Südkorea zu einem modernen Industriestaat machte, gehört Nordkorea zu den abgeschottesten Ländern der Welt. Auch das kapitalistische West- und das sozialistische Ostdeutschland haben sich in der Zeit der Teilung unterschiedlich entwickelt – vor allem wirtschaftlich. Die Auswirkungen sind heute noch spürbar. Löhne und Renten, aber auch Lebenshaltungskosten sind in den neuen Bundesländern niedriger. Die Arbeitslosenquote ist dafür höher.

Dass im 30. Jahr des Mauerfalls Mauern keinesfalls Geschichte sind, zeigen sowohl die Pläne von US-Präsident Donald Trump, der die USA vor Migranten aus Südamerika mit einem Wall abschotten will, als auch die Sperranlage, die Israel rund um den Gaza-Streifen errichtet hat. Der Politikprofessor Bulat Sultanow zweifelte in seiner Rede die Wirksamkeit von Mauern an. „Sicherheit in Europa geht nicht ohne Sicherheit in Asien.“ Er sprach sich für ein Groß-Eurasien aus: „Wir müssen eine Linie ziehen von Berlin über Moskau und Astana bis nach Peking.“ Er wünsche sich eine Zukunft und Welt ohne Grenzen und Mauern, so Sultanow.

„Ich kann nicht sagen, dass ich in der DDR unglücklich gelebt habe. Auf den Fotos sieht man einige traurige Gesichter. Aber das ist nur ein Ausschnitt des Lebens“, sagte Marco Graff am Ende seiner Rede. Auch die Jugend im Osten haben ihre Lehrer geliebt oder gehasst, sich verliebt und sei in die Disko gegangen – ganz so wie die westdeutschen Jugendlichen.

Die Ausstellung „Voll der Osten. Leben in der DDR“ ist noch bis zum 8. März im zweiten Stock der Fakultät für Internationale Beziehungen der Al-Farabi-Universität in Almaty zu sehen.

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