Der deutsche Theaterregisseur Andreas Merz reiste im Auftrag des Goethe-Instituts ans Deutsche Theater nach Almaty, um die Inszenierung von Franz Kafkas „Amerika“ aufzuführen. Gemeinsam mit Schauspielern aus Almaty arbeitet er seit sechs Wochen an der Inszenierung von Franz Kafkas „Amerika“.

Herr Merz, wie sind Sie gerade auf Kasachstan gekommen? Was hat Sie an diesem Land gereizt?

Ich habe erst im letzten Jahr begonnen, mit dem Goethe-Institut zusammenzuarbeiten, und wurde eingeladen, an diesem internationalen Projekt teilzuhaben. Da ich ein Faible für „den Osten“ habe und auch schon für das Goethe-Institut in der Ukraine und Russland gearbeitet habe, bin ich nun seit sechs Wochen hier in Almaty. Nach Abschluss dieses Projektes geht es weiter nach Russland.

Sie haben in München Dramaturgie und in Salzburg Regie studiert, stammen auch selbst aus Bayern. Worin unterscheidet sich die Arbeit als Regisseur in Deutschland/Europa von der in Kasachstan und Russland?

Ich denke, was man hier braucht, ist ein anderes „Kampfverhalten“, die Organisation läuft hier anders – und man braucht viel mehr Geduld. In Deutschland arbeite ich z.B. in einer bestehenden Theater-Struktur. Am Theater in Almaty mussten wir diese Struktur erst aufbauen. Außerdem sollte man neugierig sein, das ist wichtig. Wer hier als „Westler“ Theater machen will, muss das als Herausforderung verstehen. Wenn man in Kasachstan oder Russland die im Theater üblichen Strukturen nicht vorfindet, muss man viel mehr Kraft investieren. Dazu ist eine gute Portion Gelassenheit notwendig. Ich wollte einfach professioneller an die Sache herangehen.

Wie hilft Ihnen diese Einstellung in Ihrer täglichen Arbeit?

In meiner täglichen Arbeit mit den ehemaligen Schauspielern des Deutschen Theaters habe ich festgestellt, dass man nicht jeden für ein solches internationales Projekt hierher schicken kann. Man sollte bereit sein, Kompromisse einzugehen, ein gewisses kulturelles Gespür zu entwickeln. Ein Theaterstück entsteht ja auch erst im persönlichen Miteinander mit den Schauspielern vor Ort. Das ist gar kein ausschließlich bewusster Arbeitsprozess, das entsteht erst in der Zusammenarbeit.

Mit welchen Erwartungen gingen Sie an die Aufgabe heran, einen Workshop mit kasachischen und deutschen Studenten zu organisieren?

Ich habe während des Workshops für die deutsche Schauspielklasse der Kunstakademie nur mit kasachischen Studenten gearbeitet – obwohl es auch einige mit deutschem Hintergrund – d.h. Russlanddeutsche – gibt. Da habe ich mich natürlich gefragt, welche Motivation steckt bei den Studenten dahinter, warum wollen die deutsches Theater machen? Es liegt ganz einfach daran, dass das deutsche Theater hier in Almaty eine Geschichte hat. Leider ist dem Theater in der Vergangenheit durch die Auswanderungswellen der Deutschen eine große Publikumsschicht weggebrochen. Nicht alle in der Gruppe haben aber einen deutschen Hintergrund. Es gibt auch Kirgisen und Kasachen, die einfach an der Spielweise eines westlichen Theaters interessiert sind.

Die jungen Leute möchten bei Natascha Dubs, einer ehemaligen Schauspielerin aus dem Deutschen Theater und einer richtigen „Institution“ bei uns, lernen.

Welche Rolle spielt die deutsche Sprache denn beim Schauspiel?

Für die meisten Studenten ist Deutsch zunächst ja die Fremdsprache, und in einer Fremdsprache zu spielen, ist schwierig. Manch einem fehlt dann die Sprache als Werkzeug, um ein Stück richtig zu spielen. Es reicht zum Beispiel nicht, einen Text auswendig zu lernen und danach emotional einzufärben, sondern jedes einzelne Wort, jeder schwierige Gedanke ist entscheidend. Dann muss man sich eben durchbeißen!

Herr Merz, welche Projekte und Ziele haben Sie nach Beendigung Ihres Workshops in Almaty?

Ich werde ab Oktober/November 2011 in Russland „Shakespeare“ aufführen. Im Frühjahr geht es dann nach Berlin, für ein Musiktheater-Projekt.

Was wünschen Sie Ihren Studenten in Almaty und dem Kafka-Projekt?

Für unser jetziges Projekt der Kafka-Inszenierung wünsche ich mir mehr Nachhaltigkeit. Es sollte ein Anfang für eine Art „freies Theater“ sein. Ich würde mich freuen, wenn daraus Folgeprojekte mit etwas westlicher Prägung, mit einer neuen Dramatik entstehen könnten, die vor allen Dingen eigenständig weitergeführt werden können.

Herr Merz, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Malina Weindl

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Andreas Merz wurde 1980 in München geboren und studierte Dramaturgie an der Bayerischen Theaterakademie in München sowie Regie an der Universität Mozarteum in Salzburg. Nach dem Studium arbeitete Andres Merz als Regieassistent zunächst am Bayerischen Staatsschauspiel u.a. zusammen mit Dieter Dorn und Thomas Langhoff. 2008 wechselte er an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, wo er die Arbeit von Frank Castorf als persönlicher Assistent über eigene Inszenierungen realisierte; so inszenierte er u.a. Kurt Bartschs Songspiel “Der Bauch” und Ödön von Horváths “Revolte auf Côte 3018 – Die Bergbahn”. Seit 2010 reiste Andreas Merz im Auftrag des Goethe-Instituts mehrmals in die Ukraine und nach Russland und erarbeitete dort u.a. zwei Straßentheaterprojekte in russischer Sprache. Seit Sommer 2011 setzt er die Kooperation mit dem Goethe-Institut mit einer Inszenierung von Franz Kafkas “Amerika” in Almaty, Kasachstan, fort.

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