Von Chruschtschowkas und glänzenden Einkaufszentren – das neue urbane Eurasien

Fassade eines Wohnhauses in Taschkent, Usbekistan.
Fassade eines Wohnhauses in Taschkent, Usbekistan. | Foto: Philipp Meuser

Wie gehen postsowjetische Staaten mit ihrem Architekturerbe aus Zeiten der UdSSR um und wie flechten sich diese Strukturen in die zeitgenössische Urbanistik ein? Beiträge von Fachautoren aus verschiedenen Ländern, darunter auch ehemaligen Sowjetrepubliken, sind nun bei DOM publishers erschienen. Dénes Jäger gibt einen Einblick in den Grundlagenband.

In der sowjetischen Ideologie nahmen der rasante Urbanisierungsprozess und die daraus resultierenden Großstädte eine zentrale Rolle ein. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die urbanen Räume Eurasiens nun ein sichtbares Biotop für die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte. Wie unterschiedlich die Transformation aussehen kann, zeigt das Beispiel der zwei größten Städte Kasachstans: Während mit dem Hauptstadtprojekt Astana laut Philipp Meuser der Prototyp der zentralasiatischen Stadt geschaffen wurde, blieb in Almaty ein gewisses sowjetisches Flair durch die Einbindung der alten Strukturen in einen neuen Kontext erhalten.

Letzteres trifft auf viele Städte des ehemaligen Einflussbereichs der Sowjetunion von der estnischen Küste bis in den tadschikischen Pamir zu. Zur Frage, mit welchen Folgen Bewohner und Planer der Stadt dadurch konfrontiert sind, ist nun bei DOM publishers das Buch „Urban Eurasia. Cities in Transformation“ erschienen.

Grundlagenwerk zur eurasischen Urbanistik

Urban Eurasia. Cities in Transformation
Urban Eurasia. Cities in Transformation

In vier Kapiteln zu urbanen Netzwerken, Wohnraum, urbanen Wirtschaftsräumen und Vielfalt in Städten haben die Herausgeberinnen Isolde Brade und Carola S. Neugebauer grundverschiedene Aspekte zur Stadtentwicklung zusammengetragen. Die Bandbreite der Fragestellungen unterstreicht den Anspruch, ein erstes Grundlagenwerk zu einem bisher außerhalb der Wissenschaft wenig beachteten Thema zu schaffen. Entsprechend bunt gemischt ist die Auswahl der AutorInnen, die in der Mehrheit aus den Staaten der ehemaligen UdSSR stammen und in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen arbeiten.

Mit zahlreichen illustrierten Beispielen sind besonders die Kapitel zum Thema Wohnraum und den neuen urbanen Wirtschaftsräumen hervorzuheben. Ihre Lektüre lässt LeserInnen mit einem neuen Blick durch die postsowjetische Stadt gehen: Welcher ideologischen Phase entstammt dieses Wohnhaus, wie wird es jetzt genutzt – und warum gibt es eigentlich so viele kleine Verkaufskiosks in der Nähe von Bahnhöfen und Unterführungen? Daneben wird sich komplexeren Themen angenähert, wie der Frage, ob es in Städten heute oder zu sowjetischen Zeiten mehr Zugang zum öffentlichen Raum gegeben hat.

Auch die Rolle von öffentlichen Plätzen und Monumenten bei der Vergangenheitsbewältigung und Identitätsbildung der neuen Nationalstaaten wird kritisch betrachtet. Ein Manko ist das Fehlen eines Literaturverzeichnisses und von Hinweisen zu weiterführenden Quellen als Ergänzung zu den oft sehr kurzen Artikeln. Denn insgesamt wirft das Buch mehr Fragen auf als es beantwortet – ein gutes Urteil für einen Grundlagenband, der vor allem zum Nachdenken über die eurasische Stadt anregen möchte.

Isolde Brade/ Carola S. Neugebauer (Hg.), Urban Eurasia. Cities in Transformation, 288 Seiten, ISBN 978-3-86922-506-7, Erschienen im Juni 2017 bei DOM publishers, Berlin