Wasser ist eine knappe Ressource in Zentralasien. Der unterschiedliche Wasserbedarf der Länder ist schwer miteinander vereinbar. Während Kirgisistan und Tadschikistan im Winter das Wasser für die Energieproduktion benötigen, brauchen es Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan hingegen im Sommer für die Landwirtschaft. Ein Team von mehr als zwanzig Wissenschaftlern begab sich auf eine dreiwöchige Forschungsreise, um länderübergreifendes Verständnis und regionale Zusammenarbeit im Wassermanagement zu fördern. Am 28. April präsentierte es in Almaty die Ergebnisse seiner Forschungsreise, während derer mehrere wissenschaftliche Artikel und Projekte entstanden sind.

Eine Gruppe Wissenschaftler und Journalisten machte sich auf den Weg von Almaty an den Aralsee.

Mit sieben Autos und einem Logistikfahrzeug legten die Forscher im August 2018 mehr als 6000 Kilometer zurück. Die Reise führte sie entlang des Flusses Syrdarja von seinen Ursprüngen in den Gletschern des Tienschan-Gebirges bis in das Gebiet des Aralsees. Das Ziel: Das Becken des Aralsees zu erforschen und die Ressource Wasser aus interdisziplinärer Perspektive zu untersuchen. „Wasser ist die Basis unserer Kultur“, sagt Barbara Janusz-Pawletta von der Deutsch-Kasachischen Universität und Initiatorin des Projekts „Von den Gletschern zum Aralsee“. „Wir wollten die unterschiedlichen Aspekte der Ressource Wasser in der Region thematisieren und besuchten Gletscher, Staudämme, Wasserkraftwerke, landwirtschaftliche Bewässerungssysteme und natürlich den Aralsee.“ Die Forschungsreise ermöglichte es, jungen Wissenschaftlern aus Zentralasien Praxiserfahrungen zu sammeln. Begleitet wurden sie von einem Journalistenteam, das die Reise dokumentierte.

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Von den Gletschern zum Aralsee

Die Forschungsreise begann in Kasachstan mit der Besteigung des Gletschers „Tuyuksu“ in der Nähe von Almaty. Der Gletscher schmilzt jedes Jahr um drei bis fünf Meter. In Kirgisistan besichtigte das Team den Staudamm und das Wasserkraftwerk in Toktogul. Der Staudamm ist das größte Wasserreservoir des Naryn-Flusses, einem Zuflusse des Syrdarjas, der in den Aralsee mündet. Von dort fuhr die Truppe nach Tadschikistan in das Pamir-Gebirge, wo die höchsten Berge und die meisten Gletscher der Region sind. Sie besuchten den salzhaltigen Karakusee auf 3.900 Metern Seehöhe. In Tadschikistan liegt auch der Nurek-Staudamm, die höchste Talsperre der Welt. Von dort ging es weiter in das Ferganatal in Usbekistan, wo Wasser zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen benötigt wird. Unter anderem wird Baumwolle und Seide angebaut, die sehr wasserintensiv in Wachstum und Verarbeitung sind. Als letzter Stopp ist die Forschergruppe in die kasachische Steppe und das Gebiet des Aralsees gefahren, um die Auswirkungen einer der größten Umweltkatastrophen unserer Zeit mit eigenen Augen zu sehen.

Konfliktlinien im länderübergreifenden Wassermanagement

Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan, die flussabwärts liegen, brauchen im Sommer Wasser für die landwirtschaftliche Bewässerung. Sie sind vom Wasser aus den Staudämmen im Gebirge abhängig. Kirgisistan und Tadschikistan hingegen stauen im Sommer Wasserreserven in den Staudämmen auf, um im Winter genug Wasser zu haben, sodass sie den erhöhten Energiebedarf mit Wasserkraft decken können. Durch den erhöhten Wasserabfluss im Winter kommt es in den Gebieten flussabwärts vermehrt zu Überschwemmungen, da das Land die Wassermengen nicht aufnehmen kann. Die Wasserbedürfnisse der Länder sind schwer miteinander vereinbar. „Die Kooperation ist schwierig, aber es wird versucht. Die Länder sind sehr jung und müssen ihre Wirtschaft aufbauen. Dafür brauchen sie unter anderem Wasser“ meint Janusz-Pawletta.

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Wassermanagement
Zwei Fischer im Aralsee.

Der Aralsee war bis vor etwa 40 Jahren noch der viertgrößte Binnensee der Erde, hat seit den 1960er Jahren jedoch mehr als zwei Drittel seiner Fläche und drei Viertel seines Volumens verloren. Der Grund dafür liegt vor allem in der extensiven Wassernutzung zu Zeiten der Sowjetunion, als aus den unerschöpflich erscheinenden Flüssen Syrdarja und Amudarja enorme Wassermengen für die Baumwollproduktion in den Wüsten- und Steppenländern Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan abgezweigt wurden. Die Flüsse kommen heute nur noch als Rinnsale im Aralsee an. Trotzdem gab es in der Sowjetunion immerhin ein gemeinsames Wassermanagementregime für Zentralasien.

Im Toktogul-Stausee in Kirgisistan wurde Wasser aufgestaut und je nach Bedarf in die stromabwärts liegenden Länder abgelassen. Als Ausgleich versorgten Kasachstan und Usbekistan Kirgisistan mit zusätzlichem Strom, den es wegen der fehlenden Wasserreserven nicht selbst produzieren konnte. Heute gibt es die Zwischenstaatliche Kommission für die Wasserkoordination in Zentralasien (ICWC) und den Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees als länderübergreifende Organisationen zur Zusammenarbeit und zum gemeinsamen Schutz der Wasserressourcen.

Praxiserfahrung für junge Wissenschaftler

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Studenten in Zentralasien sehr gutes theoretisches Wissen haben, aber wenig Praxiserfahrung“, erklärt Janusz-Pawletta ihre Motivation, das Projekt ins Leben zu rufen. Ihr Anliegen ist, dass junge Wissenschaftler die Herausforderungen von Wassermanagement auch in der Praxis erfahren können. Teil der Gruppe waren zwölf Masterstudenten und Doktoranden aus Afghanistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Ein halbes Jahr lang haben sie sich auf die Forschungsreise vorbereitet. Durch die Forschungsreise hatten die Studierenden die Möglichkeit, den Wasserkreislauf und Konfliktlinien um die Wasserverteilung in der Region selbst zu sehen und dadurch besser zu verstehen. Sie konnten auch ihre eigene Forschungsprojekte im Zuge der Forschungsreise umsetzten. Der Plan ist, das Programm 2019 zu wiederholen – dieses Mal mit dem Fokus auf dem Amudarja-Becken.

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Frauen sind von Wasserproblemen besonders betroffen

Adeba Rakhmatulla erforscht den Zugang zu Wasser von Frauen. 

Adeba Rakhmatulla, Studentin aus Afghanistan, erforschte, welchen Einfluss der Zugang zu Wasser auf die Gesundheit und Bildung von Frauen in der Bergregion in Tadschikistan hat. Sie befragte Frauen in Dörfern rund um den Bulunkulsee über ihren Wasserverbrauch und Zugang zu Wasser. Der Bulunkulsee liegt auf mehr als 3.500 Metern über dem Meerespiegel und die gleichnamige Siedlung zählt zu den kältesten in Zentralasien. Obwohl der Ort in den Bergen liegt, ist Wasser eine rare Ressource. Die Häuser sind nicht an Wasserleitungen angeschlossen. Frauen und Mädchen müssen im Schnitt vier Mal am Tag Wasser holen gehen, was jedes Mal knapp zwanzig Minuten dauert. Diese Zeit fehlt den Mädchen zum Lernen. Außerdem müssen die Frauen das Wasser erst aufbereiten, bevor es trinkbar ist. Eine weitere Herausforderung ist die Wasserversorgung im Winter, da die Zuflüsse zufrieren. „Frauen erledigen den Haushalt und sind deshalb von Wasserproblemen besonders betroffen“, erklärt Rakhmatulla.

Länderübergreifendes Verständnis

„Wenn Leute miteinander reden, die Wassersituation in den Ländern sehen und verstehen, dass die Leute zu wenig Wasser haben, dann kann man Konflikte lösen“, meint Janusz-Pawletta. Sie erklärt, dass die gemeinsame Forschungsreise den Wissenschaftlern aus Zentralasien nicht nur einen wissenschaftlichen Zugang ermöglichte, sondern half auch auf zwischenmenschlicher Ebene zu erfahren, was Wasser für die Leute in der Region bedeutet. Zafar Ruziev, Student aus Tadschikistan erzählt, wie die Forschungsreise seinen Umgang mit Wasser verändert hat: „Es hat mir die Augen geöffnet, zu sehen, wie selbstverständlich Wasser für mich ist. Ich komme aus dem Gebirge und wir haben genug Wasser. Seit ich im Gebiet des Aralsees war und gesehen habe, wie hart die Leute arbeiten müssen, um an Wasser zu kommen, gehe ich viel bewusster mit Wasser um.“

Die Forschungsreise wurde von der Deutsch-Kasachischen Universität in Kooperation mit “The Smart Waters Project” vom Regional Environmental Center of Central Asia (CAREC) und mit finanzieller Unterstützung von USAID, der Schweizer Agentur für Entwicklung und Kooperation (SDC) und dem Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees (IFAS) organisiert. Website: https://glaciers2aral.wordpress.com/

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