In Deutschland wird gern geplant. Dahinter steckt die Frage „Was ist, wenn?!“ Und man denkt an all die vielen schrecklichen Tragödien, die einen heimsuchen könnten.

Damit keine Panik aufkommt, werden alle Möglichkeiten ergriffen, sich beraten und absichern zu lassen. Weil man niemandem wirklich traut, auch den Beratern nicht, liest man sich gern das erforderliche Wissen selbst an, auch das Kleingedruckte. Je mehr Broschüren, desto besser. Und weil das fast immer so ist, ist das erst recht so, wenn es um etwas besonders Wichtiges geht, wie zum Beispiel die Gründung eines Unternehmens. Ganze Aktenordner voll Papier werden Monate bis Jahre durchgearbeitet und ausgewertet, alle Eventualitäten mit dem Taschenrechner durchkalkuliert. Und wenn man dann so weit ist, fallen den Behörden und Banken noch weitere mögliche Katastrophen ein. Wenn man auch darauf eine Antwort hat, dann endlich wird das Geschäft eröffnet. Und der Plan geht auf oder eben auch nicht. Die Katastrophen bleiben meist aus, dafür manchmal aber leider auch die Kunden. Das ist bei Deutschen so wie bei Migranten. Der Unterschied ist – Migranten kämen schneller zu diesem Punkt, würde man sie denn lassen. Zwischen dem Wunsch, sich selbstständig zu machen und der tatsächlichen Realisierung liegen bei Deutschen sechs Monate bis zu fünf Jahre; bei Migranten sechs Tage bis fünf Monate. Das geht dann in etwa so: Ladenlokal entdeckt, angemietet, eine günstige Gelegenheit ergriffen, Waren zu bekommen. Schnell ein paar Handzettel kopiert und schon kann es losgehen. Dann schauen, wie das Geschäft läuft und gegebenenfalls umdisponieren, die Angebotspalette verändern oder etwas komplett anderes anbieten. Notfalls das Geschäft wieder schließen und woanders neu eröffnen. So kann es auch gehen. So wollen das aber die deutschen Behörden nicht. Auch der Migrant braucht einen Geschäftsplan, in dem alles genau festgelegt ist, finden die Behörden. Das können sie aber nicht verstehen, die Migranten. Was sich nicht vermitteln lässt, ist die angsterfüllte Fragekultur „Was ist, wenn?!“ „Na, das sehen wir dann“, findet der Migrant. Reagieren, wenn der Fall eintritt. Vielleicht tritt er ja gar nicht ein. Tja, Recht hat er, der Migrant. „Aber trotzdem“, bohren wir dann weiter, denn man muss es doch zumindest planen. Weil das die Deutschen so wollen, lassen sich die Migranten kiloweise mit Informationsmaterial bepacken, das sie nicht lesen, besuchen Seminare, die sie nicht verstehen, weil sie zwar Deutsch verstehen aber nicht, warum die Deutschen ständig fragen „Was ist, wenn?!“ Und weil der Deutsche seinen eigenen Plänen mehr traut als dem Treiben auf der Straße, versteht er nicht, warum Migranten mehrmals täglich ihren Plan ändern – was die logische Folge ist, wenn sie neue Angebote, Möglichkeiten, Kontakte und Preise ermitteln. Und müssen sich vorwerfen lassen, dass sie sich so gar nicht auf ihre Gründung vorbereiten – und haben doch den ganzen Tag telefoniert, Kontakte aufgebaut und verhandelt. Und verstehen nicht, dass sie an ihrem Schreibtisch hätten sitzen und über Planzahlen brüten sollen und nur zu schreiben, was sie tun werden, anstatt es wirklich zu tun. Da hilft auch nicht die Übersetzung der Infobroschüren in andere Sprachen, denn auch in seiner Muttersprache versteht der Migrant sie nicht – die Frage „Was ist, wenn?!“

Von Julia Siebert

26/05/06

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