Was Leipzig so russisch macht

Die orthodoxe Gedächtniskirche Leipzig, erbaut 1913.
Die orthodoxe Gedächtniskirche Leipzig, erbaut 1913. | Foto: Autor

Sie heißen Kalinka, Moskwa oder Lenta – die kleinen russischen Ladengeschäfte in Leipzig. Schon sie allein zeugen von den vielfältigen Beziehungen der Stadt zu Russland. Leipzig, die ehemalige Industrie– und Messe-Metropole in Sachsen, ist in den letzten Jahren zu einem Magneten für russisches Leben und russische Kultur geworden. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen weit zurück und nicht erst in der DDR-Zeit. Die Stadt versucht nun an alte Verbindungslinien anzuknüpfen und die Kontakte nach Russland zu intensivieren.

Spätestens mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/1991 setzte der Zuzug aus dem Osten ein, der bis heute für Leipzig so charakteristisch ist. Einwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bilden heute die größte Migrantengruppe der Stadt. Von den knapp 550.000 Einwohnern in Leipzig haben etwa zehn Prozent einen sogenannten Migrationshintergrund.
7.000 Menschen von ihnen stammen aus Russland. Zählt man die Zuwanderer aus den Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion hinzu, sind es fast 13.000 Menschen.

Ob Völkerschlachtdenkmal oder “Moskauer Nächte” – wie viel Russland steckt in Leipzig?
Ob Völkerschlachtdenkmal oder “Moskauer Nächte” – wie viel Russland steckt in Leipzig? | Foto: pixabay

„Was uns alle eint, sind unsere gemeinsamen Wurzeln, also Sprache, Tradition und Kultur“, sagt Alina Gonscharenko. Die Frau jüdischen Glaubens kam vor 16 Jahren aus der Ukraine nach Leipzig. Heute leitet sie die Tanzgruppe „Joker“, mit der sie regelmäßig internationale Erfolge feiert. Wenn sie ihren deutschen Pass zeigt, verdrückt sie stets ein paar Tränen. Sie ist zwar stolz, Deutsche zu sein, aber ihre Seele, so sagt sie, „ist immer noch ukrainisch“. So geht es vielen Menschen in Leipzig, die zwischen den Kulturen leben.

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In Leipzig finden die Zuwanderer ideale Bedingungen: Hier befindet sich nicht nur eines der drei russischen Generalkonsulate auf deutschem Boden, sondern auch noch eine der größten russisch-orthodoxen Kirchgemeinden zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Die Gedächtniskirche wurde 1913 gebaut, um an die 130.000 russischen Soldaten zu erinnern, die 100 Jahre zuvor in der Völkerschlacht von Leipzig gefallen sind.

Vom Gedenkort zur Messe-Metropole

Im Krieg gegen Napoleon kämpften neben britischen auch deutsche und russische Soldaten Seite an Seite. Bekanntestes Zeugnis dafür ist das 1913 erbaute Völkerschlachtdenkmal im Leipziger Süden, mit dem an die toten Helden von damals erinnert werden sollte. Auch wenn die DDR-Führung die Schlacht später als heroischen Brüderkampf gegen die französische Bourgeoisie idealisierte und verkitschte, um der politisch forcierten deutsch-russischen Freundschaft ein vermeintlich historisches Fundament zu schaffen, belegen heute immer noch zahlreiche russische Reisebusse vor dem Monument, wie groß der Bekanntheitsgrad des vermeintlich deutsch-russischen Bruderkampfes im frühen 19. Jahrhundert ist.

Manch russischer Tourist kommt wohl auch nach Leipzig, weil er wissen will, wie und wo seine Väter oder Großväter als Rotarmisten Militärdienst leisteten. Leipzig war schließlich – so wie viele andere Städte der DDR auch – ein wichtiger Truppenstandort der sowjetischen Besatzungsmacht. Eine noch bedeutendere Stellung hatte Leipzig allerdings als Handelsplatz. Noch heute zeugt der riesige sowjetische Pavillon an der Alten Messe von den Wirtschaftsbeziehungen, die Moskau und Leipzig pflegten.

Das sogenannte Achilleion wurde 1950 erbaut, um von hier aus Produkte aus der Sowjetunion nach Mitteleuropa zu vermarkten. Seit ihrer Schließung in den 1990er Jahren ist die Messehalle jedoch zusehends baufällig geworden. Ihre sozialistische Symbolik ist nur noch an der Dachpyramide abzulesen, auf der ein charakteristischer roter Stern weithin sichtbar thront.

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Impulse für eine deutsch-russische Beziehung

All diese historischen Bezüge versteht Leipzig als Chance aber auch als Verpflichtung, erklärt Christoph Sorger von der Stadtverwaltung: „Wir pflegen eine themenbezogene Zusammenarbeit mit einer ganzen Anzahl russischer Städte wie etwa Woronesh, Tomsk oder Nischni Nowgorod.“ Dabei will es das Leipziger Rathaus nicht allein bei einfachen Städtepartnerschaften belassen, sondern strebt ein intensives Austauschverhältnis an, auch mit der russischen Hauptstadt: „Wir haben 2014 ein sehr umfangreiches Kooperationsabkommen mit Moskau abgeschlossen, das gemeinsame Vorhaben im Bereich Messewesen, Stadt– und Verkehrsentwicklung, Denkmalpflege, Schüleraustausch, kulturelle Projekte, Berufsausbildung, universitäre Ausbildung und Forschungskooperation umfasst.“

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Eines der markantesten Events dieser Zusammenarbeit stellt wohl der Leipziger Opernball dar, der im Herbst 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ veranstaltet werden soll. Die Veranstaltung, zu der sich zahlreiche Musiker und Designer aus Moskau angekündigt haben, hat den Anspruch, „eine Brücke zwischen deutscher und russischer Tradition zu schlagen“, wie es im Ankündigungstext der Organisatoren heißt.

Einen weiteren Eindruck dieser kulturellen „Brücke“ kann man von der Sanierung des bereits erwähnten Messe-Pavillons bekommen. Die derzeit durchgeführten Bauarbeiten an Fassade und Fundament zeigen, dass das russische Erbe in Leipzig eine Aufwertung erfährt. In die sowjetische Messehalle soll bis April 2018 das Stadtarchiv einziehen. So erweist sich das robuste Betonskelett des Gebäudes stabil genug, um eine sichere Verwahrung Zehntausender Zeitdokumente zu gewährleisten. Nach der Eröffnung sollen Fotos und Texte im Innenbereich des Gebäudes an die wechselvolle Geschichte des Achilleion erinnern.

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Dies alles zeigt: Leipzig will die russische Geschichte der Stadt wiederentdecken und sichtbar machen. Und vielleicht werden auf diese Weise von Sachsen Impulse ausgehen, um das deutsche Verhältnis zu Russland nachhaltig zu verbessern.