Kirgisistan ist ein Land zwischen Traditionen und Moderne. Vieles hat sich bereits verändert und dennoch gibt es nach wie vor Nomaden, die in den Sommermonaten mit ihren Schafherden auf die üppigen Weiden in den Bergen ziehen. Der Song-Kul, der zweit größte Gebirgssee des zentralasiatischen Staats, ist einer der Plätze, an denen die Hirten die warme Zeit über ihre Jurten aufschlagen.

„Natürlich will ich mit“, bestätigte ich: „Aber ich habe kein Pferd.“ So sind wir, die Deutschen, immer ein „Aber“ auf den Lippen. Es geht doch. Es dauert nur. Der Begriff Zeit definiert sich in Kirgisistan aus der Gelassenheit des Landes. Das muss ich lernen.

Hoch im Gebirge, hinter den mit ewigem Eis bedeckten Spitzen des Tienschan, leben die Nachfahren der Goldenen Horde Dschingis-Khans, die im 13. Jahrhundert Richtung Süden wanderten. Die kirgisischen Nomaden, die gleichsam den Mongolen im Sattel geboren werden, sind talentierte Reiter. Für sie ist auch heute noch das Pferd das wichtigste Transportmittel.

Doch auch sie haben sich verändert. Hier in Tasch-Rabat lebt kaum noch jemand. An der alten Karawanserei aus dem 15. Jahrhundert, harrt lediglich die Familie von Tachawi das ganze Jahr aus. „Unsere Verwandten leben am Song-Kul“, sagt Tachawi, während er mir das Pferd vorführt: „Und im Winter ziehen sie in das wärmer gelegene Tal um Naryn. Deshalb werden wir die Herden vom See ins Tal treiben.“ Mit einer mit frischem Kumys gefüllten Tasse werden wir vor der Jurte verabschiedet. Die Sonne steigt schnell über den verschneiten Spitzen des Gebirges und schickt ihre Strahlen durch das lang gezogene Tal zur Hauptstraße hin. Bis zum Song-Kul sind es 200 Kilometer, fünf bis sechs Tage zu Pferd. „Mit den Schafen zurück nach Naryn“, meint Tachawi: „vielleicht nochmals vier Tage.“ Es ist eine atemberaubende und einsame Landschaft auf über 2.500 Metern Höhe. Manchmal treffen wir entlang der Strasse auf martialisch anmutende Statuen von Arbeitern, überdimensionierten Hirschen oder Adlern. Die üppigen Weidegründe werden in den Sommermonaten von den Nomaden genutzt. Auf den Feuchtwiesen um den Song-Kul wächst nicht nur Gras für die Schafe, Kühe und Pferde der Koitschumanen, der Viehzüchter. Rosa Blüten und das unter Naturschutz stehende Edelweiß zieren die Hochebene, wie die Streifengans und der Schwarzstorch, deren Brutstätten hier liegen. Das Tal mit dem See misst 60 mal 30 Kilometer. Wir kommen vom einzigen Abfluss her, aus Naryn im Südosten, vom Koidscharti-Fluss.

Bosai, die Jurte der Kirgisen

Die Bosai, wie die Kirgisen ihre Jurten nennen, werden normalerweise auf Anhöhen errichtet, um das Vieh besser beobachten zu können. Sie wirken mit ihren in den Himmel strebenden Kuppeln, beim Einritt wie eine natürliche Fortsetzung, der den See umgebenden 3.800 Metern hohen Berge. Von weitem werden wir begrüßt. Kalamusch und Kumar, zwei Dschigiten kommen entgegen, begleiten uns die letzten hundert Meter zu den Jurten hin. Müde sinken unsere Körper auf den Teppich nieder, der ausgebreitet im Zentrum der Jurte wurde um die Kolomto, die Feuerstelle, wo sich das Leben ihrer Bewohner abspielt. Alles hat seine Ordnung, rechts vom Eingang ist der Platz für das Geschirr und andere Haushaltsutensilien, während im linken Teil die Zaumzeuge, Kamtschas (Reitpeitschen) und Jagdmesser aufbewahrt werden. Auch die Sitzreihenfolge wagt bis heute niemand anzutasten. Vor dem Dschuk, unmittelbar gegenüber des Einganges gelegen, ist der Platz ist für die Ehrengäste. Ist er nicht besetzt, nimmt diesen der Hausherr ein. Zu seiner Rechten sind die Söhne, zu seiner Linken nahe dem Eingang, die Frauen und Töchter.

Mit dem Pferd in den kirgisischen Bergen

Früh am Morgen sind die Kirgisen auf den Beinen, das heißt auf den Pferden. Im Samovar klimmt noch das Holz. Schanel schiebt ein paar Scheite nach. Das Feuer entfacht von neuem, Tee erwärmt sich. Die Kinder stecken die Augen unter den Decken hervor. Und die Männer haben die Pferde gesattelt, noch bevor es Tee gibt. Sie werden den gesamten Tag auf dem Rücken ihrer Tiere verbringen. Bald sind auch die beiden Mädchen, Asselj und Sejde, wach und schleppen die schweren Wassereimer vom schmalen Rinnsaal des Flusses hinauf zur Jurte. Im Spätsommer herrscht hier Wassermangel, die Gletscher sind fast abgetaut. Und der Schnee im Winter reicht kaum noch aus, um neue Gletscher entstehen zu lassen. „Früher gab es mehr Wasser“, sagt Tachawi, „da waren die Gletscher in den Bergen noch größer.“ Jetzt gibt es von Jahr zu Jahr weniger Wasser. Der Badekessel ist aufgefüllt. Alle setzen sich kreisförmig auf eine Decke am Boden und frühstücken. Es gibt Plow und Fleisch in einer Brühe, die Reste des Vortags. Die übliche Mahlzeit der Nomaden. Sie schmatzen. Worte fallen wenig. Alles ist gesagt, meinen die Männer. Zum Schluss kaut lediglich der jüngste Spross der Familie an einem Knochen. Das wird er bis zum Mittag tun, um seinen Kalziumhaushalt zu fördern.

Ab September ins Winterlager

Langsam, aber in erstaunlicher Ordnung und Akribie wird die Jurte von ihrem Inhalt befreit. „Es ist Zeit“, sagt Shanel: „der Sommer ist vorbei, das Winterlager ruft.“ Und dieses befindet sich unten im Tal von Naryn, vor den Toren dieser alten russischen Garnisonsstadt, die einen noch älteren mongolischen Namen trägt. Dort steht ihr Winterhaus, stehen ihre Stallungen. Die Männer haben aufgesessen. Mit dem Fernglas hat Tachawi, der Alte, die Herde zusammen gesucht. Sie kennt ihren Weg. Wir reiten zum Fluss, Tachawi hält seine Hand in das kalte Nass. „Der Winter kommt“, murmelt er. „Das sagt dir das Wasser?“, frage ich. „Ja, und noch einiges mehr. Wann gibt es Regen? Und wann kommt Wind?“ Das Wasser ist ihr Leben, noch wichtiger als die Herde. Doch es ist gut, wenn sie über den Winter kommen, denn für neues Vieh fehlt ihnen das Geld. „Was ist so ein Pferd wert?“ frage ich. „Ein gutes ungefähr 10 bis fünfzehn Schafe. Der Preis für ein Schaf ist ungefähr 200 Dollar. Das Männchen ist oft kräftiger. Es ist teurer“, meint Tachawi. „Tschok, tschok“, treiben die Hirten ihre Pferde an. Sie jagen über die Hochebene, die wahren Meister im Sattel. Mit einem niesenden Ausdruck: „U-Tsch“ werden die Schafe und Rinder zusammengetrieben. Die Erde bebt vom Getrampel der Tiere. Keiner möge sich ihnen in den Weg stellen. Hunde bellen, sofern sich ein Schaf von der Herde abwendet. Sie werden belohnt, wenn sie die Herde zusammen halten. Dann schwingen sich die Dschigiten in den Sattel. So lange die Männer mit dem Abbau der Jurten beschäftigt sind, übernehmen Kalamusch und Kumar die Bewachung der Herde. Das Filzstück über dem Tündük, dem Zentrum der Jurte, wird entfernt. Es folgen die Filzschichten, zuerst die Außenseiten mit ihren reichlich verzierten Ornamenten. Die Kuppelstangen von der Kanate, ein Gitter mit rautenförmigen Durchbrüchen, werden getrennt. Weit bis in den Nachmittag dauert diese Prozedur, bis alles sorgsam verschnürt und gestapelt ist. Kurz darauf kommt ein naher Verwandter, Kospan, in die Hochebene. Er nennt einen alten Lada sein Eigen. Das ganze Jahr über lebt er in Naryn, der Arbeit als Händler wegen, er erklärt: „Es war schön zu Sowjetzeiten, doch jetzt kann ich mehr Geld verdienen.“ Binnen einer halben Stunde sind die wenigen privaten Utensilien der Familie aus der Jurte im Fahrzeug verstaut. Die einzige Truhe, welche die Sachwerte der Familie enthält, landet auf dem Dach. Und immer wieder ist die Tasse Tee der Abschluss vor der Verabschiedung. Der Lada braucht Starthilfe. Kräftig schieben die Männer. Kospan gibt Gas, hüllt die Helfenden in eine graue Wolke und hupt. Bis bald. Den Winter werden sie gemeinsam im Tal verbringen.

Kalte Nächte am Song-Kol

Die Nächte am Song-Kul sind klar und kalt. Selbst im Hochsommer friert es leicht in Bodennähe. Noch eine Nacht werden die Kirgisen in der letzten stehen gebliebenen Jurte verbringen, ehe sie ins Tal hinab ziehen. Noch einmal werden sie den Duft aus 2.500 Metern Höhe erhaschen, bevor sie hinabsteigen.

Von fernen und nahen Hügeln ziehen wie Schiffe auf dem Meer lange Schafketten heran. Reiter strömen zum Tal hinab, wo im blauen Dunst zahlreicher Lagerfeuer die Umrisse von einigen Jurten und Holzhütten erkennbar sind, in denen Freunde und kühler Kumys schon auf sie warten. Mit den ersten gleißenden Sonnenstrahlen erwacht das ganze Tal, füllt sich mit dröhnendem Getrappel und dem Blöcken der zur Tränke strebenden Schafe, zwischen den lauten Rufen der Reiter. Naryn, die „Stadt der Säufer“, so erzählen die Einwohner im Bezug auf die dort stationierten Soldaten, die ihren Sold meist dem örtlichen Wodkaladen oder Kumysverkäufer zukommen lassen, liegt schön und abgeschottet zugleich. Unser Ziel ist erreicht. Neben den Jurten knistern die Feuer, belecken mit ihren Flammenzungen riesige schwarze Kasane, gusseiserne Kessel, in die große Stücke schlachtfrisches Schafsfleisch geworfen werden. Kinder halten ihre Lieblingslämmer oder andere Kleintiere fest im Arm. Dschigite, deren Pferde böse an ihren Zaumzeugen zerren und sich gegenseitig angreifen, schauen zu den Mädchen, die schüchtern zurück lächeln. Schließlich, als sich alle versammelt, die Tiere versorgt und die Pferde angebunden sind, ruft der grauhaarige Tachawi zum Gebet. Er segnet alle für die großen Taten und die Erfüllung der innigsten Träume. Orchestral mischt der Alte die leisen Töne seiner Komus, dem beliebtesten Zupfinstrument der Kirgisen, unter die Anwesenden. Leicht und beschwingt schlägt er die drei Saiten. Aus den murmelnden Geräuschen wird ein zartes Summen, der das Volksepos „Manas“ der Stimme Tachawis entlockt. Über 1.000 Jahre alt und mehr als eine Million Verse ist das Epos lang. Das längste Heldengedicht der Weltliteratur besingt die Geschichte des kirgisischen Volkes. Und jeder der Versammelten denkt an den einzigartigen Helden Manas, dem großen Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit.

Von Jan Balster

08/12/06

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