In diesem Sommer wurde in der deutschen Stadt Herford der Film „Wind im meinem Haar“ präsentiert. Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt in Kasachstan, im Gebiet Schambyl – in Karatau. Den Film hat die junge deutsche Regisseurin Marina Anselm gedreht.

Marina, wie kam es dazu, dass du nach Kasachstan in deine alte Heimat geflogen und dort einen Film gedreht hast?
Als meine Mutter mir von ihren Plänen erzählte, nach Kasachstan zu reisen, um noch einmal die Stadt zu sehen und das Grab ihres Vaters zu besuchen, da war mir sofort klar: Das ist die Gelegenheit, einen Film über Karatau zu machen, über meine Familie und damit über die Russlanddeutschen. Wir waren in Kasachstan ein Dreierteam: Regie, Kamera und Ton.

Gehörten zu deinem Team auch Russlanddeutsche, die in Kasachstan geboren sind?
Nein, gar nicht. Fast alle, die an dem Film mitgearbeitet haben, wie der Kameramann Pius Neumaier oder die Cutterin Susanne Strobel sind Deutsche. Nur der Tonmann Boris Maximow ist Russe, das war mir vor Ort auch eine große Hilfe. Für die Arbeit am Film war es wichtig, dass die anderen sozusagen Außenstehende waren, die sich zwar sehr für die Geschichte interessiert haben, aber mit anderen Augen drauf geschaut haben. Wenn man selber Teil des Films ist, ist es schwierig, immer wieder den nötigen Abstand dazu zu bekommen. Da war mir mein Team eine große Hilfe.

Das war deine erste Reise in deine alte Heimat oder warst du früher schon mal da?
Für mich war es das zweite Mal seit der Auswanderung, dass ich Kasachstan wiedergesehen habe: 2006 bin ich mit meiner Schwester durch den Süden des Landes gereist, auf eigene Faust. Auch in Karatau kamen wir vorbei. Damals hat es mich sehr traurig gemacht, die Stadt wiederzusehen, ich habe sie nicht wiedererkannt. Dieses Mal, mit meiner Mutter, war es völlig anders. Sie hat mir geholfen, meine bruchstückhaften Erinnerungen einzuordnen und zu vervollständigen oder zu korrigieren. Ich habe durch die Dreharbeiten auch viele Leute kennen gelernt, neue Freunde gewonnen. Mich verbindet nun viel mehr mit Kasachstan als nur die Vergangenheit.

Woran erinnerst du dich, wenn du an Kasachstan denkst?
Es sind vor allem emotionale Erinnerungen, Farben, Gerüche, Gefühle, Bruchstücke aus Gesprächen und Situationen. Sehr prägend sind zum Beispiel die Ockerfarben, der Geruch des warmen Sandes, der warme Wind, der mit den Haaren spielt – daher auch der Titel. Das Gefühl von Geborgenheit und Freiheit, die Weite der Steppe, die das Herz so weitet – das hat sich mir unauslöschlich eingebrannt – und ich bin sicher, es hat mich stark geprägt. Was macht ein Ort mit einem Menschen? Das war eine der Fragen, denen ich im Film nachgehe.

Ist jemand von deinen Verwandten hier geblieben?
Eine Großtante lebt in Almaty, von weiteren Verwandten weiß ich zumindest nichts.

Als du in Karatau mit der Kamera unterwegs warst, wie haben die Bewohner reagiert?
Vor allem neugierig und die allermeisten auch sehr positiv und offen. Vor allem, wenn ich erzählt habe, dass ich auch aus Karatau komme, haben sie sich sehr gefreut, dass ich zurückgekommen bin. Ich erinnere mich besonders an einen alten Mann, der gehört hatte, wer ich bin und was ich hier tue, der kam zu mir und bedankte sich dafür, dass ich meine alte Heimat nicht vergessen habe und dass ich wieder gekommen bin. Das hat mich sehr berührt.

Die Protagonistin – nach 25 Jahren zurück in Kasachstan. | Foto: Pius Neumaier
Die Protagonistin – nach 25 Jahren zurück in Kasachstan. | Foto: Pius Neumaier

Worum geht es in deinem Film und woher kommt der Titel des Films?
In dem Film geht es um meine Mutter, die das erste Mal nach 25 Jahren wieder nach Karatau in Kasachstan reist. 1990 hat sie das damals sowjetische Land verlassen und ist nach Deutschland emigriert, in das Land ihrer Vorfahren. Nun fährt sie erstmals zurück, um noch einmal das Grab ihres Vaters zu besuchen, noch einmal vor ihrem alten Haus zu stehen, noch einmal den sanften Steppenwind zu spüren. Sie kommt an einen Ort, der ihr näher ist, als ihr jemals bewusst war. Es ist ein Dokumentarfilm, der der Frage nach Verwurzelung und Identität nachgeht und dabei ein Stück (russland-) deutscher Geschichte erzählt.

Der Titel „Wind in meinem Haar – Ferne Heimat Karatau“ gibt zum einen eine meiner stärksten Kindheitserinnerungen wieder. Wenn ich an Kasachstan denke, kann ich fast schon wieder diesen warmen Steppenwind spüren, der sanft mit meinen Haaren spielt. Ich weiß, der Steppenwind kann auch hart und streng sein, aber seine sanfte, liebevolle Seite hat sich mir unauslöschlich eingebrannt. Der Untertitel „Ferne Heimat Karatau“ benennt das Thema des Films, es geht um einen Ort, eine Ferne, es geht um die Frage nach Heimat, es geht um Karatau.

Die Heldin deines Films ist deine Mutter. Wie hat sie die Reise und die Dreharbeiten empfunden? Hatte sie die Möglichkeit, dort dir bekannte Menschen zu treffen?
Meine Mutter hat sich in Karatau sehr wohl gefühlt, viel wohler, als sie es sich je hat träumen lassen. Ich denke, das ist im Film auch herausgearbeitet. Die Kamera hatte sie sehr schnell vergessen – ich war selbst überrascht, wie unbefangen und natürlich sie sich vor der Kamera bewegt hat, wie sie sich geöffnet hat. Sie ist nämlich eher schüchtern. Wir haben aber ein sehr enges Verhältnis, sie vertraut mir – anders wäre es nicht möglich gewesen, diesen Film zu machen.

Was kannst du über deine Eindrücke von deiner Reise sagen? Hast du alles gemacht und bekommen, was du geplant hast?
Es war eine sehr intensive Reise, sehr intensive Dreharbeiten, vor allem, weil ich persönlich betroffen bin, vom Ort, von der Geschichte, von der Hauptfigur. Ich habe mich neu in Kasachstan und insbesondere in Karatau verliebt und der Film hat mir sicherlich geholfen, mich selbst und meine Familie besser zu verstehen. Beim Dreh selbst haben wir viel Glück gehabt – ohne das kommt ja bekanntlich kein Filmemacher aus. Tatsächlich habe ich fast alles bekommen, was ich mir erhofft und gewünscht habe.

Gab es Schwierigkeiten während deiner Reise?
Von Deutschland aus den Dreh zu organisieren, das war sehr schwierig. Deshalb habe ich vieles erst vor Ort anstoßen könnten und musste darauf vertrauen, dass es relativ kurzfristig klappt. Der persönliche Kontakt ist den Menschen in Kasachstan aber auch sehr wichtig, so war jedenfalls mein Eindruck, und das Meiste ließ sich dann auch wirklich realisieren.
Das Schwierigste war aber sicherlich meine persönliche Betroffenheit. Es ist ein Film über meine Mutter, meine Familie – und damit auch ein Film über mich. Damit habe ich sowohl in der Buchentwicklung, als auch beim Dreh und im Schnitt am meisten gerungen.

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Du bist in Kasachstan geboren, aber in Deutschland lebst du schon viel länger. Welches Land ist für dich Heimat?
Für Kasachstan hege ich heimatliche Gefühle. Wenn ich dort bin, spüre ich so viel in mir, was in Deutschland keinen Raum hat, was nur in der Steppe hervorkommen darf.
Aber auch Deutschland ist mir Heimat. Es ist das Land meiner Vorfahren, meiner Sprache, meiner Bildung, es ist das Land meines Mannes und meiner Kinder. Und doch haben die 200 Jahre, in denen meine Familie im Russischen Reich, bzw. in der Sowjetunion gelebt hat, meine Familie und mich stark geprägt – zum Beispiel, wenn es um die Bedeutung der Gastfreundschaft geht oder um den Wert einer Freundschaft.

Bis du sieben Jahre alt warst, hast du Russisch gesprochen. Kannst du noch Russisch?
Das stimmt nicht ganz. Meine Eltern sprachen mit uns Kindern immer Deutsch zu Hause, Russisch war also immer eine Fremdsprache für mich. Ich verstehe Russisch aber sehr gut und spreche es auch. Das liegt auch daran, dass ich während meines Studiums ein Jahr lang in Moskau gelebt habe und dort mein Russisch aufgebessert habe.

Erzähl bitte über die Vorführung des Films und die Reaktionen der Zuschauer.
Der Film hat seine erste öffentliche Vorführung im Juni 2016 in einem Kino in Herford gefeiert. Herford liegt in Nordrhein-Westfalen, dort bin ich aufgewachsen, dort leben meine Eltern und Geschwister noch heute. Der Saal war voll, etwa 240 Zuschauer kamen, um den Film zu sehen. Es war wunderschön, den Film endlich, nach zwei Jahren Arbeit, einem Publikum präsentieren zu dürfen. Gefreut hat mich auch, dass der Film innerhalb der Russlanddeutschen eine Diskussion angestoßen hat über Heimat und Identität, über die Frage ihrer eigenen Verwurzelung und dass in vielen der Wunsch aufgekommen ist, selbst einmal zurückzufahren und mit eigenen Augen zu sehen, was sie auf der Leinwand gesehen haben: Ein wunderschönes Land und bezaubernde Menschen.
Im Herbst wird der Film noch mindestens drei weitere Vorführungen haben und dann, voraussichtlich Ende des Jahres, wird er im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Warum hast du beschlossen, Regie zu studieren?
Ich glaube, dass dies der Beruf ist, der mir am meisten entspricht. Nach Geschichten zu graben, zu suchen, mich in sie zu vertiefen, an ihnen zu feilen, das macht mir unheimlich viel Freude. Ich liebe aber auch die Arbeit am Set, im Team. Ich mag das Technische, genauso wie das Kreative an der Arbeit. Der Beruf ist so vielfältig, einen schöneren kann ich mir gar nicht vorstellen.

Was denkst du über diesen Beruf, was willst du in der Zukunft machen?
Es ist heutzutage nicht einfach, allein von der Regie-Arbeit zu leben, vor allem, wenn man eine Familie hat. Ob ich bis ins hohe Rentenalter noch Filme mache weiß ich nicht – ich hoffe es aber.

Dann wünsche ich dir viel Erfolg und vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Aljona Alexandrowa-Jüdina.

Die 33-jahrige Regisseurin Marina Anselm lebt in München und studiert dort an der Filmhochschule. Aber sie ist in eben dieser kleinen Stadt Karatau geboren. „Damals war es noch Sowjetunion“, erinnert sich Marina. Sie war sieben Jahre alt, als ihre Familie nach Deutschland ausgewandert ist. | Foto: Ahmed El Nagar

Hier geht es zum Trailer.

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