Sagt Ingo, mein Kollege aus früheren Zeiten in Russland. Erst habe ich gestutzt, jetzt weiß ich, er hat recht. Damals waren wir jung und entdeckungslustig, aufgeregt und engagiert. Wir wollten nach Russland, ganz unbedingt, und haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, die wir greifen konnten. Bei der Robert Bosch Stiftung hat es geklappt. Juhu und los!

 

An das Damals, die Aufbruchszeit und alles, was danach kam, erinnern wir uns immer wieder gerne. Wir lachen. Wir verklären. Wenn nicht alles schön war, dann doch zumindest interessant und bereichernd. So reden wir immer wieder, wenn wir uns treffen. So auch jetzt, da wir gemeinsam nach Ungarn fahren, um unsere Erfahrungen an die jungen Boschlektoren weiterzugeben, die in wenigen Wochen in ihre Einsatzländer – Russland, China, Usbekistan, Weißrussland, Ukraine, Kasachstan usw. – aufbrechen werden. Wir freuen uns sehr auf die jungen frischen Menschen. Und weil wir das alles selbst erlebt haben, können wir ihnen viel vermitteln. So denken wir.
Doch zwischen damals und heute sind ein paar Jährchen vergangen. Damals haben wir es durch Sibirien, den Ural und Fernost geschafft, seither ist alles andere ein Pappenstiel, denken wir. Und schleppen uns schlapp und schlecht vorbereitet von Deutschland bzw. Belgien über Wien nach Ungarn. An der Busstation fällt uns auf, dass wir kein ungarisches Geld haben und weder den Kurs kennen noch die Währungsbezeichnung wissen. An einem Geldautomaten ziehen wir auf gut Glück irgendwas, ich viel zu wenig, Ingo viel zu viel, was sich wieder ausgleicht. Wir haben es auch versäumt, uns einen minimalen Grundwortschatz wie „Danke“, „Bitte“, „Guten Tag“ und „Ich spreche leider kein Ungarisch“ anzueignen. Was uns reichlich peinlich ist, ein Muss für erfahrene Auslandsrückkehrer.
An der Bushaltestelle ist Bewegung, aber alle anderen, die wir als Mitstreiter des Seminars wähnen, steigen in andere Busse, die wir für falsch halten oder gehen wieder weg, um was auch immer zu tun, so dass schließlich nur noch wir dort stehen. Wir sind kurz davor, ein Taxi zu nehmen, da wir in unserem Alter nur ein Abenteuer von maximal 20 Minuten verkraften können und nur noch ins Hotel wollen, um uns auszuruhen, als der Bus um die Ecke kommt. Als wir schon eine Weile fahren, fällt uns ein, dass wir gar nicht wissen, wann wir aussteigen müssen, da die ungarischen Busse keine Digitalanzeige oder Sprachdurchsage haben. Wir fahren so vor uns hin, von Station zu Station, und blicken uns ratlos an, ohne jedoch tätig zu werden, zucken müde mit den Schultern, bis ich schließlich einen Fahrgast frage. Die nächste müssen wir raus. Puh, gerade noch rechtzeitig. Schließlich stehen wir vor einem heruntergekommenen Gebäude mit kaputten Fenstern, zucken wieder ratlos und müde mit den Schultern. Und landen dann doch endlich in unserem Hotel.
So gut wie am Ziel gibt es allerdings ein kleines Problem – ich muss am folgenden Tag das Zimmer wechseln. Eigentlich ein winziges Problemchen. Aber das ist mir alles zu viel. In meinem Alter will ich eigentlich nur noch, dass alles reibungslos klappt. Wir haben noch ein wenig Zeit, um uns vor dem Abendempfang auszuruhen. Genießen schließlich den Anblick der jungen, eifrigen Menschen. Auf Gespräche haben wir eigentlich keine Lust. Was nicht zum Problem wird, da sich sowieso niemand für uns interessiert – „Wir spielen hier heute keine Rolle, wir sind alt!“, so Ingo. Prima, dann können wir schnell ins Bett. Den nächsten Tag über versuchen wir, die jungen Lektoren auf ihre Zeit nach dem Lektorat vorzubereiten, Berufsorientierung nennt sich das Ganze. Die Zeit nach dem Lektorat, eine ernste Angelegenheit, während das Lektorat eine lustige Zeit ist. So sehen wir das im Rückblick.
In der Vorausschau sieht das Ganze, wie alles im Leben, vollkommen anders aus. Für die Lektoren ist das Ankommen im neuen Land ernst genug. Sie verstehen nicht, wieso sie noch vor der Ankunft schon über ihre Rückkehr nachdenken sollen. Da haben sie irgendwie recht und wir fühlen uns als Spaßbremsen. Wir lavieren den Tag über zwischen Spaß und Ernst, alt und jung. Die kreativen Spiele sind einigen zu spielerisch. Die Verspielten unter den Lektoren finden die ernsten Methoden zu ernst. Trotz aller Differenzen kriegen wir den Tag irgendwie miteinander rum. Nach dem Tag und nur zwei Bier sind wir total erledigt, während wir früher, wie die Lektoren heute, noch lange in die Nacht hinein eiferten. Wir schleppen die Schlappheit in den nächsten Tag mit rein und sind mächtig froh, dass wir nur noch in aller Gemächlichkeit Frühstücken, Spazierengehen und Heimreisen auf dem Programm haben.
Die Teilnehmer sind hingegen noch frisch, eben jung, und freuen sich auf eine komplette Woche Weiterbildung. So waren wir damals auch. So sind wir heute nicht mehr. Was ist in den circa sieben Jahren passiert? Was trennt uns? Wir sinnieren. Uns fehlt der Kick und Pepp, etwas ganz Bestimmtes erreichen zu wollen. Das ist schade. Dafür aber fühlen wir uns angekommen. In unserem Leben. In unserem Beruf. Bei unseren Standpunkten. An unserem Heimatort. Das ist schön. Und so freuen wir uns aufs vertraute Heim, wo alles an seinem rechten Platz ist und wir wissen, in welche Busse wir steigen müssen, wo wir uns verständigen können und mit Euro bezahlen dürfen. Alles hat eben seine Zeit.

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