Traditionelles Nomadenleben oder modernes Stadtleben: Der Film „Nomaden des Himmels“ zeigt, was eine beginnende Verstädterung für Nomaden in Kirgisistan bedeuten kann. Eine Filmkritik.

„Als ich in deinem Alter war, habe ich eingefeuert, und ich habe Wasser geholt“, sagt Karatschatsch zu ihrer Enkelin. Die beiden leben als Nomaden in den Bergtälern Kirgisistans. Während die Großmutter schon arbeitet, liegt die Enkelin noch im Bett. Damals war alles anders.

Mirlan Abdykalykow erzählt in seinem ersten Langfilm „Nomaden des Himmels“ vom Verschwinden der Kultur seiner Kindheit, der Kultur der Nomaden Kirgisistans. Immer mehr Nomaden werden sesshaft, die Stadt erhält Einzug. Im Zentrum des Films steht ein Hirte (Tabyldy Aktanow) und seine Frau (Anar Nasarkulowa), seine Schwiegertochter Schaiyr (Taalaikan Abasowa) und ihre kleine Tochter Umsunai (Schibek Baktybekowa). Schaiyrs Ehemann ist vor vielen Jahren in einem Fluss ertrunken, und sie blieb bei seiner Familie. Doch dann taucht der Meteorologe Jermek (Jenisch Kangeldijew) auf, und Schaiyr scheint mit dem Gedanken zu spielen, das Nomadenleben aufzugeben und mit Jermek in die Stadt zu ziehen. Ihr Sohn Ulan (Myrsa Subanbekow) lebt bereits dort.

Ganz nah am Nomadenleben

Filmstill „Nomaden des Himmels“ – Generationen nebeneinander. | © Neue Visionen Filmverleih

Bergschluchten, Adler fliegen umher, weit und breit sind nur wenige Menschen zu sehen, und lediglich ein Haus steht einsam da: In wunderschönen Panoramabildern und langen Kameraeinstellungen zeigt Mirlan Abdykalykow die Landschaft, in der die kleine Nomadenfamilie lebt. Dazu komponiert der Regisseur sorgsam ausgesuchte Naheinstellungen. Er zeigt die einfachen, täglichen Abläufe im Nomadenleben: Feuer machen, melken, Wasser holen. Alles geschieht ruhig, langsam und routiniert, geradezu ritualisiert.

Dass der kirgisische Regisseur dabei mit wenig Sprache und noch weniger Musik auskommt, ist wunderbar. Denn obwohl die Protagonisten allein und auf engstem Raum zusammenleben, verlieren sie nicht viele Worte; dafür sind ihre Blicke und Handlungen umso vielsagender. Doch der aus der Stadt zurückgekehrte Sohn und plötzlich auftauchende Baufahrzeuge kündigen Veränderungen an. Während der Sohn und auch der Meteorologe von der Stadt schwärmen, zeigt sich der Rest der Nomadenfamilie eher zurückhaltend, gar abweisend. Und dennoch nähert sich der Regisseur dem Konflikt vorsichtig. Denn Mirlan Abdykalykow stellt die traditionelle und die moderne Lebensweise nebeneinander, ohne eine der Varianten zu idealisieren. „Nomaden des Himmels“ ist ein fast schon ethnografisches Portrait des Nomadenlebens in Kirgisistan. Bewusst lässt der Regisseur traditionelle Rituale und Legenden und städtisch-moderne Symbole nebeneinander stehen. Und es bleibt offen, wie die Zukunft der Nomaden Kirgisistans aussehen wird.

Kirgistan 2015, Regie: Mirlan Abdykalykow, Darsteller: Taalaikan Abazowa, Tabyldy Aktanow, Jibek Baktybekowa, 81 Minuten.

Christina Heuschen

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