„Zwei Herzen – schlagen in deiner Brust“, singt die deutsche Band Klee. „Zwei Herzen – doch nicht im selben Rhythmus.“ – Wlada Kolosowa war zwölf Jahre alt als sie von einer Kleinstadt nahe Moskau nach Deutschland zog. Seitdem fragt sich die 24-Jährige immer wieder wer sie eigentlich ist. Eine Antwort.

/Bild: privat. ‚Wlada Kolosowa wird immer wieder gefragt in welcher Sprache sie träume: „Kommt auf den Gesprächspartner in meinem Traum an.“/

In welcher Sprache ich träume, werde ich oft gefragt. Das soll der ultimative Lackmustest sein, um zu überprüfen, zu welchem Kulturkreis man im Herzen gehört. Früher rollte ich nur die Augen, weil ich es leid war, zu erklären, dass die Antwort Russisch oder Deutsch sein kann. Inzwischen bin ich geduldiger. Ist ja nur nett gemeint, genauso wie das Kompliment, dass man „ja ganz ohne Akzent“ spreche.

Heute ist einer dieser Frage-Abende. Zusammen mit fünf Freunden stehe ich in der Schlange vor dem Club. Der fies aussehende Türsteher rückt immer näher. Mit steinerner Miene mustert er jeden Ausweis, siebt die Minderjährigen aus und die mit den falschen Klamotten.

Nicht von hier

Ich habe vorsorglich meinen Pass gezückt. Sofort bildet sich eine Traube um das zerfledderte Büchlein mit den kyrillischen Buchstaben auf dem Umschlag. Oh, man ich habe ja inzwischen ganz vergessen, dass ich „nicht von hier“ bin, wie witzig, als Staatsangehörigkeit steht ja tatsächlich „Russisch“ drin. Ein paar obligatorische Kommunistenwitze später kommt sie natürlich, die berüchtigte Frage: „In welcher Sprache träumst du eigentlich?“ Ich hole tief Luft, erkläre, dass das so einfach nicht sei. Kommt auf den Gesprächspartner in meinem Traum an, sage ich, und darauf, in welches Land ich im Schlaf reise. In russischen Träumen spreche ich Russisch, in deutschen – Deutsch. „Und welche hast du öfter?“ Mehr deutsche, würde ich sagen, aber die allerschönsten und die allerschlimmsten Träume sind auf Russisch.

Ich bin 24 und lebe genauso lang in Deutschland, wie vorher in Russland. Meine Mutter kommt aus einer Kleinstadt nahe Moskau, mein Papa aus einer Siedlung nahe Murmansk. Sie lernten sich als Studenten in St. Petersburg kennen, dort kam ich auch zur Welt. Als ich zwölf Jahre alt war, heiratete meine Mama zum zweiten Mal, einen Russlanddeutschen. Mein Stiefvater zog nach Ulm, wir folgten.

Neun Jahre lang ging ich in Ulm auf das Gymnasium, machte das deutsche Abitur. „Krieg und Frieden“ mag ich immer noch lieber als „Effi Briest“. Dafür habe ich noch nie eine russische Email geschrieben, auf der Tastatur mit kyrillischen Buchstaben verirren sich meine Finger. Ich finde Würste und Spätzle ungenießbar, Kotleti und Golubzi um ehrlich zu sein aber auch. Am liebsten esse ich Italienisch. Meine Lieblingsserie ist „Glee“, meine Lieblingsstadt Tokio. Mein Genpool ist 100 Prozent russisch, im Kopf bin ich ein internationaler Flickenteppich, in dem das Gros der Stoffstückchen Schwarz-Rot-Gold ist. Manchmal wünsche ich mir, meine Eltern hätten in mir mehr Weiß-Blau-Rot erhalten als nur den Pass.

„Generation Golf“

Die Schlange vor dem Club rückt immer näher an den eisernen Türsteher, mein russischer Pass ist inzwischen durch mindestens zehn Hände gegangen. An manchen Abenden, wird man nicht nach Träumen, sondern nach dieser „nationalen Identität“ gefragt. Lange mochte ich das Wort nicht. Identität bedeutet die Summe meiner Eigenschaften, die mich von anderen Menschen unterscheidet, die mich individuell macht. Ein Teil davon ist diese nationale Identität: die Menge der Merkmale, die alle Deutschen oder alle Russen gemeinsam haben und die das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausmacht. Identität kommt von dem Lateinischen Wort „idem“, das „derselbe“‚ „der Gleiche“, bedeutet. Ich war aber nie „die Gleiche“. In Russland war ich Russisch, in Deutschland war ich Deutsch. Aber irgendwie nie richtig. Welche Identität hatte ich dann? Gar keine?

Wenn meine deutschen Freunde über Pumuckl, Capri Sonne, Das lustige Taschenbuch und andere Kindheitserinnerungen reden, halte ich still. Meine – leicht veraltete – Vorstellungen von einer deutschen Kindheit entsprangen zum größten Teil dem Buch „Generation Golf“ von Florian Illies, wo er beschreibt, wie es war in der BRD der Achtziger Jahre aufzuwachsen. Mit dabei war ich nicht.

Mit russischen Gleichaltrigen kann ich wunderbar über den Zeichentrickfilm „Nu Pogodi“ und Zitroneneis für 6 Kopeek reden. Mit ihnen fühle ich mich aber ständig wie eine Minderjährige, die sich zum ersten Mal vom Kindertisch zu den Erwachsenen umsetzen darf. Zum Teil liegt es an der Sprache. Ich bin erwachsen geworden, mein Wortschatz nicht. Der blieb auf dem Level einer Zwölfjährigen hängen. Wenn ich mit meiner Familie über Bewerbungen, Praktika, oder die Pille spreche, bleiben sie – Bewerbungen, Praktika, Pille.

Oft verstehe ich aber auch die Welt hinter den Worten nicht. Warum weinen Bratki – die aufgepumpten, volltätoowierten Rowdys – bei Telenovelas? Warum stöckeln Power-Russinnen so zielsicher über alle Köpfe – stolpern aber sofort, sobald starke männliche Arme in Sicht kommen, die sie auffangen? Und kann mir bitte einer erklären, was es mit diesem Mini-Pferdeschwänzchen in der Haarfrisur der jungen Russen auf sich hat?

Was früher Stigma war, ist heute eine Auszeichnung

Einmal im Jahr besuche ich meine Verwandten in der alten Heimat. Meistens bleibe ich ein-zwei Wochen – genug Zeit, um sich am Mischka-Konfekt satt zu essen, den U-Bahnfahrplan zu kapieren und sich von Oma abwechselnd anzuhören, dass ich zu dünn (am Esstisch) und zu dick bin (wenn es darum geht, mich in ein drei Nummer zu kleines Kleid zu quetschen, das meine Weiblichkeit vorteilhaft zum Markt tragen soll). Und doch bleibe ich ein Tourist in dem Land, das meinen Pass ausstellt. Einen Deutschen Pass habe ich nicht, weil ich sonst meinen Russischen abgeben müsste. Oft habe ich darüber nachgedacht, aber es dann doch nicht übers Herz gebracht. Ich mag das rote zerfledderte Büchlein. Es erinnert mich daran, wo ich herkomme.

Das war nicht immer so. Mit 17 wollte ich unbedingt eine standardisierte Plastikidentität: den Führerschein. Deshalb kämpfte ich mich anderthalb Jahre durch die Fahrschule, trotz schreiender Unbegabung und einer fast schon pathologischen Furcht vor dem Straßenverkehr. Den Führerschein benutzte ich nur zum Ausweisen, auf dem Fahrersitz habe ich seit der Prüfung nie wieder gesessen. Damals war es sehr wichtig, so zu sein, wie alle anderen. Erst an der Uni ist die Individualität, das Anderssein, zu einem Wert geworden. Mir wurde das Geschenk bewusst, eine Sprache, eine Kultur einfach so, für umsonst, bekommen zu haben. Was früher Stigma war, ist heute eine Auszeichnung.

Ich bin überintegriert

Und es ist noch sehr viel in mir, was als typisch Russisch gilt: Die Ganz-Oder-Garnicht-Mentalität. Die Fähigkeit, auf himmelhohen Absätzen zu laufen.

Die Unfähigkeit, Smalltalk zu halten, weil ich alle Unterhaltungen auf die philosophische Schiene zu lenken versuche. Und gleichzeitig ist die Deutsche in mir präsent. Ich fühle mich Zuhause in Deutschland. Ich passe gut da rein. Ich würde sogar sagen – ich bin überintegriert. Mein Leben könnte man so skizzieren, wie deutsche Medien gern die deutsche Jugend zeichnen. Ich habe „Irgend was mit Medien“ studiert, acht Praktika und zwei Auslandsaufenthalte absolviert und meine Adresse in den letzten zwei Jahren viermal gewechselt. Ich wohne in einem Viertel mit über-proportionalen Anteil an Undercuts und Überschals, die sich wie ein Möbiusband aus groben Strick um den Hals schlingen. In meinem Malm-Bett träume ich recht uniforme Träume vom einem bohemischen Lebensentwurf, der trotzdem alle Versicherungen zahlt und irgendwann später eine stillgelegte Farm in Brandenburg.

„Zwei Herzen – schlagen in deiner Brust“, singt die deutsche Band Klee. „Zwei Herzen – doch nicht im selben Rhythmus.“ Ich bin Russisch. Und ich bin Deutsch. Ich bin Deutschrussisch. Ich bin Russischdeutsch. Und ich bin ich. Und das unabhängig vom Dokument. Und wenn das so ist, ist es auch egal, welchen Pass ich habe.

Dem Türsteher gefällt der russische übrigens besser. „Dobrij Wetscher, krasawitza“, sagt er, nachdem er meinen Ausweis gemustert hat, „guten Abend, Schöne.“ Zum ersten Mal geht sein steinernes Gesicht in einem Lächeln auf.

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Bewerbung um die Teilnahme an der V. Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM). Die ZAM findet vom 22. bis 26. August in Almaty statt und wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem Goethe Institut veranstaltet.

Von Wlada Kolosowa

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