Hans-Peter Schwarz beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer als erinnerungswürdiges Gegenmodell zu Hitler – ohne dabei Widersprüche zu vertuschen

Als das Publikum im deutschen Fernsehen vor einiger Zeit ausgerechnet Konrad Adenauer zum größten Deutschen wählte, überraschte das Land sich selbst. Adenauer? Lange galt der erste Kanzler der Bundesrepublik als Symbolfigur für die spießige Welt der fünfziger und frühen sechziger Jahre, eine Welt der Autoritätsgläubigkeit und Wohllebigkeit. Doch mit dem historischen Abstand scheinen die Vorbehalte zu schwinden: Das Deutschland der Gegenwart, ein Land der Verunsicherung und der wirtschaftlichen Krise, scheint sich nun plötzlich mit Freude an die gute alte Zeit des wirtschaftlichen Wachstums und wiedererwachenden Selbstvertrauens zu erinnern.

Diese neue Sehnsucht nach Bürgerlichkeit und Verlässlichkeit ist wohl nicht nur durch einen Überdruss an der Generation der regierenden 68er hervorgerufen, sondern vor allem durch die ökonomische Verunsicherung. Insofern passt es in die Zeit, dass Hans-Peter Schwarz nun mit seinem Buch „Anmerkungen zu Adenauer“ eine Charakteranalyse des großen Deutschen liefert. Denn damit wird zugleich eine Historisierung der Bundesrepublik gefördert, die es erlaubt, in der deutschen Geschichte auch Vorbilder zu finden und nicht nur einen krummen Sonderweg, der von den Anfängen der Nationenbildung direkt zum Faschismus führt.

Eine solche Leseart der deutschen Geschichte war lange dominant. Hans-Peter Schwarz zeigt, wie verkürzend eine solche Sichtweise wäre. „Anmerkungen zu Adenauer“ – dieser Titel erinnert nicht zufällig an Sebastian Haffners berühmte „Anmerkungen zu Hitler“. Denn hier wird Adenauer als das durchgängige Gegenmodell Hitlers dargestellt: Adenauer als der bessere Deutsche, der lebenslustige Rheinländer, ausgestattet mit klarer Moral durch religiösen Rückhalt, mit weitem Horizont und nicht zuletzt mit einer Gewitztheit, die man den Kölnern bisweilen nachsagt. Was Hitler zerstörte, konnte Adenauer zwar nicht wiederaufbauen, doch zumindest vermochte er das Rettbare zu retten. Hitler hat die Deutschen zu den Verbrechern unter den Nationen gemacht – Adenauer sie wieder so weit wie möglich zurückgeführt auf die internationale Bühne.

Trotz dieser erklärten und erkennbaren Aufgabenstellung – Adenauer als erinnerungswürdiges Gegenmodell zu Hitler vorzuführen und damit den nationalen Erinnerungshaushalt wesentlich zu bereichern – verliert sich Hans-Peter Schwarz jedoch nicht in einen verklärenden Ton. Im Gegenteil: lesenswert, ja brillant ist das Buch dort, wo es auf die Widersprüche zielt, wo es niemanden schont, auch die Deutschen nicht. So beschreibt Schwarz auf wenigen Seiten, wie sich die Deutschen im Nachkriegsdeutschland von Hitler ab und Adenauer zuwenden. 1950 sind noch 10 Prozent der Deutschen der Ansicht, Hitler habe am meisten für die Deutschen getan. Erst 1953 liegen dann Hitler und Adenauer in der Gunst der Deutschen gleichauf bei 9 Prozent. Doch erst das Wirtschaftswunder lässt Adenauer zum neuen Liebling der Deutschen werden. Noch 1952 gaben lediglich 47 Prozent der Deutschen an, von Hitler keine gute Meinung zu haben – auch dies gehört zur Geschichte der jungen Bundesrepublik.

Wunderbar schonungslos ist auch die Rekonstruktion des berüchtigten „geringen Respekts vor den Institutionen“, die Adenauer zu Recht nachgesagt wurde. Die formalen Regeln der Demokratie waren Adenauer ein Mittel zum Zweck, aber nicht mehr. Und das bedeutete eben, dass Adenauer keine Skrupel kannte, sie zu dehnen und nicht nur, wie Schwarz schreibt, „am Rande des Zulässigen zu operieren“ sondern bisweilen auch darüber hinaus. Nicht nur die positiven Seiten der Bundesrepublik nehmen in der Adenauer-Republik ihren Anfang, auch das mangelnde Verständnis dafür, dass in der Demokratie formale Regeln eben nicht nur Beiwerk, sondern Kern einer Legitimation durch Verfahren sind.

Soweit geht Schwarz in seiner Darstellung nicht. Vielmehr endet er mit der provokanten Frage, ob nicht das blockierte Deutschland einer Persönlichkeit bedarf, die im Stile Adenauers auch mal mit „recht unkorrekten Methoden“ das Land erneuert. Nachdem der Leser über zweihundert Seiten angenehm belehrt und unterhalten wurde, wünscht man nun dazwischenzurufen: „Nein danke!“ Die Regeln der Demokratie, und seien sie noch so formal, würden wir heute schon gerne ernst genommen wissen. Insofern liegt die Adenauer-Zeit vielleicht doch schon weit zurück.

Schwarz, Hans-Peter: Anmerkungen zu Adenauer, DVA, München 2004. 17,90 EUR