Hugo Siegmeth ist deutscher Komponist und Saxophonist rumänischer Herkunft, Gründer und Leiter des bekannten Quartetts „Passacaglia“. Auf Einladung des Goethe-Instituts Kasachstan tritt „Passacaglia“ im April 2014 eine Gastreise nach Aschgabat, Almaty, Astana und Bischkek an. Wir führten ein Gespräch mit Herrn Siegmeth vor seinem Besuch in Zentralasien.

Lieber Herr Siegmeth, viele begabte europäische Musiker kommen aus Rumänien: z.B. George Enesku, Anca Parghel, Michael Cretu. Ihr Name gehört auch seit Jahren zu dieser Liste. Liegt das vielleicht an den musikalischen Fähigkeiten des rumänischen Volkes oder an der besonderen Umgebung des Balkans?

Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt, meinen Namen in so illustrer Gesellschaft eingereiht zu sehen.
Wenn man die Auswahl der von Ihnen genannten Künstler betrachtet, stellt man fest, wie stilistisch unterschiedlich und farbenreich ihr Schaffen über Epochen ist, und das schlägt direkt eine Brücke zu Rumänien als sehr buntem Land und zu der besonderen Umgebung des Balkans, die Sie ansprechen. Rumänien ist ein Land mit vielen Gegensätzen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die unter einem Dach zusammenleben. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Reichtum sich auch in der Kunst und Musik wiederspiegelt. Persönlich erlebte ich Rumänien in meiner Kindheit als ein Land mit einem ganz eigenen, ursprünglichen Zauber und meine Erinnerungen an diese Zeit sind für mich nach wie vor ein emotionaler Brunnen, aus dem ich schöpfe und der mein musikalisches Schaffen nährt.

Wer oder was hat in Ihnen die Liebe zur Musik erweckt?

Als Kind lernte ich Klarinette und Saxophon, spielte in einem Orchester und einer Rockband. Und mich hat immer interessiert, wie man improvisiert, ich glaube die Begeisterung dafür habe ich von meinem Vater – er spielt gut nach Gehör. Mein Schwager hat mir dann einmal zwei Kassetten mit einer Zusammenstellung von großen Jazzsaxophonisten überspielt – Sonny Rollins, John Coltrane, Ben Webster usw. Das hat meine schon bestehende Liebe für den Jazz weiter entflammt. Bis ich mich entschieden habe, Musik zu meinem Beruf zu machen, das hat dann allerdings noch einige Zeit gedauert.

Welche Musik hören Sie am liebsten? Warum?

Ich höre gerne unterschiedliche, aber ausgewählte Musik. Aktuell liegen bei mir CDs von Michael Brecker, AC/DC, Motörhead, Gustav Mahler, Olivier Messiaen, Lana Del Rey und ein Balkan Sampler im Auto.
Warum? Ich finde es spannend, Musik unterschiedlicher Genres zu hören und mich inspirieren zu lassen, z.B. von dem Drive von AC/DC, der Kompromisslosigkeit von Motörhead, der Klangästhetik von Messiaen, der Improvisationsfreude von Brecker usw.
Entscheidend ist für mich, ob mich die Musik berührt, was sie aussagt, was rüberkommt – und ob sie gut gespielt ist.

Wo haben Sie Ihre musikalischen Fähigkeiten erlernt?

Ich habe am Richard-Strauß-Konservatorium in München Jazz-Saxophon, klassische Klarinette und Flöte sowie Arrangement studiert. Des Weiteren hatte ich zwei Jahre Kompositionsunterricht bei Stefan Zorzor, einem wunderbaren rumänischen Komponisten mit einem unfassbaren kreativen Output. Die musikalischen Fähigkeiten entwickeln sich und reifen dann über die Jahre ständig weiter, wenn man spannende Projekte und viele Konzerte spielt… und übt.

Ihre Musik ist ein Feuerwerk aus verschiedenen Musikrichtungen – Barock, Jazz, Klassik, Blues, Folklore. Wie nennen Sie selbst diese Mischung?

Ich habe dafür keinen besonderen Namen, ich mag die Begegnung unterschiedlicher Stile und den improvisatorischen Umgang mit musikalischem Material – das ist etwas, was man im Jazz schon immer findet.

Wie kommt sie beim Publikum an?

Musiziert man mit offenen Ohren, Spielwitz, Freiheit und einem achtsamen Gespür für die Substanz der Musik, so wird das meiner Erfahrung nach vom Publikum sehr geschätzt.

Mit Ihrem Saxophon haben Sie inzwischen viele Länder besucht – glauben Sie, dass Musik Leute aus aller Welt verbinden kann?

Ich hatte bei meinen Konzertreisen, auch dank des Goethe-Instituts, oft Gelegenheit, Musikern mit unterschiedlichsten Backgrounds zu begegnen und mit Ihnen zu arbeiten: Mit Instrumentalisten und SängerInnen aus der arabischen Welt, aus dem Sudan, Indonesien, Australien, Hochzeitsmusikern aus dem Jemen und schottischen Free-Jazzern, um nur einige zu nennen. So unterschiedlich der Hintergrund auch ist, so kann ein Stück Musik, das man gemeinsam spielt, in Sekundenschnelle eine Verbindung, eine Beziehung, eine Ebene der Wahrnehmung über jede Sprachbarriere hinweg schaffen.

Die Musiker können erfahren, Teil eines multikulturellen Ganzen zu sein, ohne die eigene Identität zu verlieren und in improvisierter Musik werden Strukturen der Kommunikation schnell spürbar. Nur als kleine Zwischenbemerkung: Mittlerweile greifen auch Managerfortbildungen zum Thema Kommunikation und Führungsqualitäten auf musikalische Übungen zurück. Auch habe ich erlebt, dass bei längerer Zusammenarbeit die eine oder andere Schwierigkeit auftaucht, Missverständnisse und interkulturelle Unterschiede greifbar werden. Dies kann sehr hilfreich sein, um sich gegenseitig kennenzulernen und zu verstehen. Insofern hat Musik hier ein sehr großes kommunikatives und verbindendes Potential.

Ihre Audio-CD „Passacaglia“ ist unseres Erachtens sehr berührend. Wie entstand das Programm?

Das Programm habe ich anlässlich einer Einladung zu den Neuburger Barocktagen, einem Barockfestival in Deutschland, konzipiert und arrangiert. Das Festival lädt traditionsgemäß einen Jazzmusiker ein, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Auf die Idee, nur Passacaglien, eine Musikform des Barock, zu verwenden, hat mich der Rundfunkredakteur Roland Spiegel gestoßen, da er meine Komposition „Under The Tree“, die an die Form der Passacaglia angelehnt ist, sehr schätzt.

Welche Ihrer CDs würden Sie uns weiterempfehlen?

Weitere CDs von mir sind u.a. „Oracle“ eine Modern Jazz Aufnahme in klassischer Quartettbesetzung, „Red Onions“ eine Hommage an den New Orleans Saxophonisten Sidney Bechet und eine Auftragsarbeit für das renommierte Label ACT und „La Bordei“, in der ich rumänische Themen in das Jazz-Idiom übersetzt habe.

Auch das von Ihnen gegründete Ensemble heißt „Passacaglia“. Wie entstand das Quartett, wie ist Ihnen die Phase der Einarbeitung gelungen?

Da das Programm eine Begegnung von klassischer Musik und Jazz ist, habe ich über eine Besetzung nachgedacht, die dies wiederspiegeln und realisieren kann. Inspiriert von Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ habe ich dann nach Mitmusikern für das Ensemble gesucht. Mit dem Geiger Max Grosch, dem ukrainischen Cellisten Eugen Bazijan, beide ausgebildete klassische Musiker mit einem ausgesprochenen Hang zur Improvisation, und dem spielerisch zwischen den Stilen wandelnden Pianisten Stefan Schmid habe ich eine ideale Besetzung gefunden.

Die Phase der Einarbeitung war intensiv und aufwendig, da wir erst den Sound für das Ensemble und die Musik finden mussten. Das Switchen zwischen klassischer Geste und fließender Improvisation in dieser Besetzung ist neu.

Um ein Beispiel zu nennen: ich spiele in einigen Ensemblepassagen das Saxophon eher wie eine Bratsche in einem Streichertrio. Sich da einzufinden braucht Zeit, ist aber auch spannend. Im Lauf der Proben und Konzerte ist unser Ensemblesound gewachsen, und ich bin sehr froh, wie wir jetzt die Musik spielen.

Im vorigen Jahr haben Sie mit dem Ensemble „Zapf&Zapf’nstreich“ Almaty, Astana und Bischkek besucht. Welche Erinnerungen haben Sie von dieser Reise?

Ich erinnere mich sehr gut an die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde, an die Konzerte an ganz unterschiedlichen Orten, z.B. in einem Frauengefängnis, in einem modernen Hotel in Astana, im Konservatorium in Almaty und im großen und vollen Konzertsaal in Bischkek.

Für mich ist es immer bereichernd und inspirierend, wenn ich ein Stück Alltag in einem anderen Land miterleben darf. Einen bleibenden Eindruck hat auf mich das Taxifahren in Privatautos hinterlassen. So was ist in Deutschland in der Form undenkbar.

Wie schätzen Sie Ihre Zusammenarbeit mit Rudi Zapf, Harald Scharf und Andreas Seifinger ein?

Die Zusammenarbeit mit Rudi Zapf, Harald Scharf und Andreas Seifinger schätze ich sehr. Sowohl auf musikalischer als auch auf zwischenmenschlicher Ebene haben wir eine sehr gute Chemie. Und das befruchtet sich gegenseitig und wird auf der Bühne auch sichtbar.

In diesem Jahr steht neben Kasachstan und Kirgisistan auch Turkmenistan auf dem Reiseplan. Mit welchen Erwartungen kommen Sie nach Aschgabat?

Wir werden mit einem turkmenischen Musiker ein Stück gemeinsam erarbeiten, worauf ich mich sehr freue. Natürlich bin ich schon gespannt, wie unsere Musik bei den Zuhörern aufgenommen wird – und freue mich auf interessante Begegnungen auf und neben der Bühne.

Was steht auf Ihrem zentralasiatischen Konzertprogramm?

Wir spielen aus unserem Programm Passacaglia, Themen aus mehreren Jahrhunderten, von Kerrl, Händel, Bach, aber auch von Ligeti, Webern und Eigenkompositionen. Für unser zentralasiatisches Programm haben wir zusätzlich noch die eine oder andere Überraschung mit dabei.

Ein paar Tipps für junge Musiker, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen?

Das ist so allgemein nicht leich. Mir hat immer der Rat weitergeholfen, ein Suchender zu bleiben – das hilft, offen zu bleiben, für sich und für andere. Und dann noch das Zitat des Komponisten Hans Eisler: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“

Vielen Dank für das Interview.

Copyright: Goethe-Institut Kasachstan

Konzerttournee mit “Passacaglia” Hugo Siegmeth Ensemble:
5. April, Almaty, 17:00, Kasachische Staatliche Schambyl-Philharmonie (Kaldajakow-Str. 35)
9. April, Astana, 19:00, Kasachische Nationale Universität für Künste
11. April, Bischkek, 18:00, Kirgisische Staatliche Satylganow-Philharmonie (Chui Ave 253)
Ticketinformation: www.jazz.kz