Kasachstan und das Müllproblem

Schönes Land. Besungen von Akyns, beschrieben von den Großen der Literatur, dargestellt in Tänzen, Konzerten und Prospekten. Und wirklich: Kasachstan, so groß wie ganz Europa zusammen, bezaubert mit unterschiedlichen Landschaftstypen, Vegetationszonen und einer erstaunlichen Artenvielfalt. In gut fünf Jahren Aufenthalt zwischen Almaty und Kokschetau, zwischen Taras und Ust-Kamenogorsk habe ich einiges von der Pracht der reichhaltigen Natur gesehen. Meistens war ich allein unterwegs: in Steppe, auf Hügeln, im Gebirge, an Flüssen, Seen, in Siedlungen und Großstädten. Allerdings war, wohin ich auch kam, meist schon jemand vor mir da. Und hinterließ wie einen frechen Gruß des Igels an den Hasen ein Sammelsurium an Picknickresten, von Reparaturarbeiten und allem möglichen Gepäck.

Zu Sowjetzeiten hielten sich brave Kommunismus-Erbauer an die ungeschriebene Verabredung „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – vergruben mehr oder weniger tief das, was zuviel war für Rucksack, Auto oder Reisebus auf dem Heimweg. Oder sie zündeten den Müll einfach an.

Heute geben sich die Genießer von Freiheit und Marktwirtschaft kaum noch die Mühe, mit dem Spaten Spuren in der Landschaft zu verwischen. Die Feigen kippen nachts ihren Müll ab, die große Masse verstößt am hellen Tage gegen Umweltgesetze und hat dabei keinerlei Sanktionen zu befürchten. Denn Müll zu entsorgen, ihn wenigstens zu den Sammelstellen zu bringen, von wo er (nach Wer-weiß-wohin) abtransportiert werden soll, gehört scheinbar nicht zu den Pflichten der Bürgerinnen und Bürger Kasachstans.

Schon beim Aussteigen aus dem Bus flattern Fahrscheine aus Händen und Taschen zu Boden. Niemand, der daran Anstoß nähme. Oder auf Parkbänken: eine gesellige Runde hinterlässt den berühmten „Schw…stall“ und muss nicht einmal damit rechnen, von anderen PassantInnen angesprochen zu werden. Zivilcourage gibt es in der Müllfrage nicht.

Auch der alljährliche Subbotnik, der traditionsbewusst am Geburtstag Lenins angesetzt wurde, hilft da nicht viel. Mit seinem aufgesetzten Aktivismus und dem angeordneten Sauberkeitswahn wirkt er eben doch hilflos. Und weil keine persönliche Haltung und Überzeugung dahinter stehen, bleibt er folgenlos. Da fegen Kinder und Erwachsene bereits gesäuberte Flächen stundenlang mit dem Besen. Und lassen dabei den wirklichen Schmutz in der näheren Umgebung unbeachtet.

In Almaty tauchten im vergangenen Frühjahr Mülltonnen auf Rädern auf. Hamburger Produktionen. Know How auf dem Weg in Richtung Osten. Die südliche Metropole arbeitet sogar an einem gemeinsamen Projekt zur Errichtung einer Müllverwertungsanlage nach deutschem Vorbild. Doch auch die modernste Technologie und das schickste Werk können nur wenig bewirken, solange die Auffassung von „Ex und Hop“ so verbreitet bleibt wie der Müll in der Gegend.

Nur beginnend beim Einzelnen, beim Ich und Du und Wir, wäre ein Umdenken möglich. Wie weit die meisten davon entfernt sind, beweisen Situationen, in denen sich Einheimische beschämt oder vorwurfsvoll zeigen, sobald ausländische Gäste auf den Zustand öffentlicher Anlagen, der Höfe, Hauseingänge oder Naturflecken zu sprechen kommen. Da wird flink auf die „anderen“ verwiesen, auf die Mentalität und Tradition und auf die Verwaltung.

Vor der Verurteilung der eigenen Kinder sei überprüft, welches Vorbild die Eltern selbst abgeben: streng vor die Tür verwiesene rauchhungrige Väter hinterlassen auf Treppenabsätzen ganze Lebensmittelrestmärkte, Flaschenarsenale und Ascheberge, so dass der Hausflur zum ersten unangenehmen Anblick eines jeden Kindes gehören muss. Die Fahrschein-Entsorgung ist viel häufiger bei den Großen zu beobachten. Ebenso wie die Müll-Orgien, genannt „Ausflüge“, „Erholung“ oder „Picknick“.

Wer könnte als Vorbild dienen. Die Vorfahren?

Die letzten Nomaden und die heutigen Hirten sind anhand ihrer Spuren leicht ausfindig zu machen. Doch wo sind ihre Hochachtung und Verehrung für die Reichtümer der Natur geblieben? Neben den Rastplätzen der Schaf, Pferde- und Rinderherden finden sich Plastikflaschen wie auf einer Linie verstreut.

An den Feuerstellen und Jurten in Steppe und Gebirge bleiben Büchsen, Folien, Behälter, Schrott und Farbeimer zurück.

Neben der Erziehung und Gewohnheit liegt das Problem aber auch in dem unzureichenden Müllerfassungssystem, vor allem in den ländlichen Regionen. Weil es keinen Abtransport zur Halde gibt, wird die Peripherie jeder beliebigen Siedlung dazu umfunktioniert. Fraglos, bedenkenlos, skrupellos fliegt Unrat in Büsche, Wälder und Wiesen, in alle jene Ecken, wohin angeblich niemand schauen wird. Von dieser „Entsorgungspraxis“ bleiben weitreichende ökologische Folgen.