Zum Roman „Die Birkeninsel“ von Heinrich Rahn

Heinrich Rahn (geboren 1943 in der Ukraine, in einer deutschen Familie) wurde erst relativ spät in seinem Leben zum Romancier: Sein erster Roman „Der Jukagire“ erschien 2008, es folgte „Aufzug Süd-Nord“ 2011. Der Autor hatte nach eigenen Angaben an diesen beiden Romanen parallel gearbeitet.

Nach einer längeren Schaffenszeit veröffentlichte er nun 2018 abermals im Geest-Verlag seinen dritten Roman „Die Birkeninsel“. Am Anfang des Buches steht ein Zitat des russischen Schriftstellers Konstantin Paustowski: „In jedem Bereich des menschlichen Wissens befindet sich eine Unmenge von Poesie.“ Es eröffnet bestens den Roman, der nicht nur von seiner poetischen Sprache lebt, sondern auch inhaltlich mehr oder weniger der Poesie gewidmet ist.

Gefangen im Spinnennetz des Alltags

Es gibt bekanntlich hochsensible Menschen, und deren gar nicht wenige: auf ein Fünftel bis ein Sechstel wird ihr Anteil an der Bevölkerung geschätzt. Sie haben eine andere, eine breitere Wahrnehmung ihrer Umwelt, sind weitaus empfänglicher für Reize, die „gewöhnlichen“ Menschen oft verborgen bleiben. Der Protagonist von „Die Birkeninsel“ namens Rene ist ein solcher Hochsensibler, womit der Autor bei der Konzipierung seines Romans bereits eine gute „Wahl“ getroffen hat: Als Leser identifiziert man sich irgendwie gleich mit diesem Fremden, möchte mehr Einblicke in sein außergewöhnliches Innenleben bekommen, und merkt im Laufe der Handlung immer stärker die wichtige Intention des ganzen Romans: den schwierigen Weg der Selbst- und Heimatfindung eines hochsensiblen Menschen in einer Welt aufzuzeigen, die im Spinnennetz des schnellen Alltags gefangen ist.

Eine Aufgabe der Literatur schlechthin. Und zwar der belletristischen, denn in Fach- und Sachbüchern wird man sich eher weniger auf eine erleuchtende Weise dem Geheimnisvollen solcher Charaktere nähern können.

Wenn man alle Romane von Heinrich Rahn gelesen hat, weiß man um seinen Schreibstil – der etwas so Eigenes hat, dass man neugierig ist zu erfahren, wie der Schriftsteller dazu gefunden hat. Dieser Schreibstil scheint mit der ersten Seite von „Der Jukagire“ wie aus dem Nichts entstanden zu sein. Er liest sich im dritten Roman, als wäre er schon immer da gewesen, und bleibt doch weiterhin originell. Dabei ist es schwierig, eine wirkliche Entwicklung von Roman zu Roman auszumachen.

Aber eines hat der Autor bei seinem dritten Buch – möglicherweise intuitiv – besonders richtig gemacht: In keinem der anderen beiden Romane ist die Hauptfigur so leidtragend wie hier, auch schlicht von Pech verfolgt, und so fiebert man durchweg mit, wann sie denn endlich Glück haben wird. Dieser kleine Unterschied hebt „Die Birkeninsel“ gegenüber den vorherigen Werken hervor und macht sie – für den Autor dieser Rezension – zu Rahns bisher bestem Roman.

Von der Ukraine über Sibirien nach Kasachstan

Dabei steht nicht eine unreflektierte Beschreibung des Leids an sich im Fokus, sondern die Entwicklung des Protagonisten aufgrund seiner negativen Erlebnisse. Es ist auch kein künstliches, zur Erhöhung der Dramaturgie erdichtetes und daher wenig glaubwürdiges Leid, denn sehen wir uns nur die Fakten an: Die Handlung des Romans erstreckt sich über etwa vier Jahrzehnte, wurzelnd in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Als Kind muss Rene – weil er ein Russlanddeutscher ist – alle Nöte der Deportation in der Kriegszeit miterleben: die Trennung des Vaters von der Familie wegen der Verurteilung zur Zwangsarbeit ebenso wie die Freiheit und Rechte beraubende Kommandantur bis 1956.

Das Schicksal verschlägt ihn von der Ukraine über Sibirien nach Kasachstan – insofern ist es Heinrich Rahns wahrscheinlich autobiographischster Roman. Aber auch später werden Rene, nur aufgrund seiner deutschen Nationalität, Steine in den Weg gelegt: sei es bei der Arbeits- und Wohnungssuche oder gar in der Liebe. So erteilt ihm ein Mädchen eine Abfuhr, weil deren Vater einen Freund nicht russischer oder kasachischer Nationalität für seine Tochter nicht akzeptieren kann. Als ob das nicht reichen würde, ist er noch dazu ein Hochsensibler – und damit einmal mehr entfremdet.

Rene besitzt die faszinierende Gabe der feinstofflichen Kommunikation mit Pflanzen (den Birken), Tieren, dem Wind und sogar Bauwerken. Damit stößt er, wie es von jeher so ist (man erinnere sich beispielsweise an die gleiche Situation in Patrick Süskinds „Das Parfüm“), einerseits auf Unverständnis, andererseits auf die Absicht von Bösewichtern, auf diese Gabe eigennützig zuzugreifen.

Wie die Zuschauerrolle bei einem Sportereignis

Er hat wie gesagt kein Glück bei den Frauen. Generell begegnen in Rahns Romanen den männlichen Protagonisten recht viele Frauen, und es bleibt sehr lange Zeit unklar, wo, wann und mit wem die wahre Liebe sich herauskristallisieren wird – was für Spannung sorgt. Nicht zuletzt sucht der Held immer wieder einen Ausweg aus seinen Seelentiefs im Schreiben von Gedichten, doch auch hier erntet er Kritik, und diese meist in einer brüsken Form.

Der Roman begann für mich aufgrund einiger „Geschichten in der Geschichte“ noch etwas holprig. Umso wirkungsvoller wurde ich dann mit einem Mal vom Sog dieser Welt des Ich-Erzählers – stets an der Schwelle zwischen der Realität und dem Übersinnlichen – mitgerissen. Besonders rührend und in einem überzeugenden Kontrast zu der tristen Wirklichkeit mit ihrem mechanischen, alternativlosen Lauf der Dinge: die vielen Szenen mit Tieren, deren originell erdachte kleine Rollen in der Geschichte. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz.

Die Lektüre von „Die Birkeninsel“ lässt sich ein wenig vergleichen mit der Zuschauerrolle bei einem Sportereignis, wo man auf einen eigentlich sehr unwahrscheinlichen Sieg seiner Lieblingsmannschaft hofft. In diesem Fall den Sieg einer tiefen, urmenschlichen Naturverbundenheit über die bürokratischen Zwänge der Zivilisation und des politischen Systems, den Sieg der Poesie über das Merkantile und letztendlich den Sieg der Liebe trotz ihrer vielen Niederlagen.

Heinrich Rahn, „Die Birkeninsel“ (Roman), Geest-Verlag 2018, 404 Seiten, ISBN 978-3-86685-673-8

Max Schatz