Das französische Wort „au pair“ beschreibt im allgemeinen Sprachgebrauch, wenn junge Menschen für Verpflegung, Unterkunft und Taschengeld bei einer Gastfamilie im Ausland tätig sind, um im Gegenzug Sprache und Kultur des Gastlandes kennen zu lernen. Einer solchen Beschäftigung ist auch eine junge Kasachin aus der Stadt Karaganda in Deutschland nachgegangen. Gulschat Tugambajewa ist 25 Jahre alt und verbrachte zehn Monate in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Hennef an der Sieg. Josef Bata, unser Korrespondent aus Bonn, sprach mit ihr darüber.

Frau Tugambajewa, was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet nach Deutschland als Aupair-Mädchen zu kommen, und welche Voraussetzungen mussten Sie erfüllen, um so eine Stelle zu bekommen?

Ich bin eigentlich ein sehr reiselustiger Mensch. Und darunter verstehe ich nicht nur einen kurzen zweiwöchigen Urlaub in irgendeinem Land, sondern wirklich einen längeren Aufenthalt im Ausland, wo man die Kultur, die Sprache und die Lebensweise näher kennen lernen und sich sogar aneignen kann. Mein erster Auslandsaufenthalt war in den USA, wo ich ein fünfmonatiges Praktikum in der Sozialarbeit geleistet habe. Nachdem ich wieder nach Kasachstan zurückgekommen war, habe ich gemerkt, dass ich mehr reisen will. Warum ausgerechnet nach Deutschland? Erstens, weil ich in Kasachstan Germanistik studiert habe, und ich sah es daher als meine Pflicht an, die Heimat von Goethe und Schiller zu besuchen. Zweitens, weil ich hier in Deutschland schon viele Freunde aus Kasachstan hatte, die genauso wie ich als Aupair angefangen hatten und dann auch ihren Wunsch nach einem Studienaufenthalt verwirklichen konnten. Die Voraussetzungen für eine Beschäftigung als Aupair sind ganz einfach: Man muss zwischen 18 und 24 Jahre alt sein, fließend Deutsch können und bereits ein wenig Erfahrung im Spielen, Basteln und Singen mit Kindern gesammelt haben. Kontaktfreudigkeit, Selbstständigkeit und Freude an der Teilnahme am Familienleben sind von Vorteil. Erforderlich ist bei der Bewerbung auch ein Gesundheitszeugnis.

Was hat Sie dann in Deutschland erwartet, wie war der Empfang, wie sind Sie mit der hiesigen Mentalität zurechtgekommen?

Ich glaube, der erste Schock für die meisten, die ins Ausland gehen, ist der kulturelle Schock, weil einfach alles anders ist als in der Heimat. Den ersten kulturellen Schock habe ich bereits in den USA erlebt, und war dadurch sozusagen auf meinen Aufenthalt in Deutschland schon vorbereitet. Mir ist aufgefallen, dass Deutschland wirklich „multi-kulti“ ist. Ich habe zwar auch vorher gewusst, dass es in Deutschland sehr viele Ausländer gibt, konnte es mir aber nicht vorstellen, dass die Zahl der Ausländer tatsächlich so hoch ist. Die meisten von ihnen sind ziemlich gut integriert, was ich als sehr positiv bewerte. Natürlich merkt man auch Unterschiede in den Mentalitäten zwischen unserer „postsowjetischen“ und der deutschen bzw. der Mentalität der westlichen multikulturellen Gesellschaft. Ich glaube, es kommt aber darauf an, wie man selbst dazu eingestellt ist, die Unterschiede wahrzunehmen und damit umzugehen. Ich habe persönlich im Allgemeinen keine Schwierigkeiten gehabt, ich hatte einfach Spaß daran, Neues zu erfahren und neue Kontakte zu knüpfen.

Welche konkreten Aufgaben mussten Sie in der Gastfamilie übernehmen? Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich hatte eigentlich ein ziemlich ruhiges Leben. Ich habe in einer modernen deutschen Familie gelebt. Meine Gastmutter war tagsüber geschäftlich unterwegs, mein älterer Gastbruder hat gerade in dieser Zeit ein Jahr als Austauschschüler in Kanada verbracht, so dass ich die ganze Zeit mit meinem 15-jährigen jüngeren Gastbruder Gustav beschäftigt war. Es gab natürlich sehr viele verblüffende Situationen. Oft wurde ich gefragt, warum mein Gastbruder schon 15 Jahre alt ist, denn als Aupair kümmert man sich ja eigentlich um die Kinder der Familie. So zum Beispiel „Was machst du mit ihm?“, „Was machst du überhaupt zu Hause in der Familie?“ Ich habe für uns gekocht, ihm beim Wortschatzlernen geholfen, insgesamt den Haushalt geführt. Morgens haben wir zu dritt gefrühstückt, dann sind meine Gastmutter zur Arbeit und mein Gastbruder zur Schule gefahren. Bis Mittag war ich allein, entweder habe ich Bücher gelesen oder Sport gemacht, dann habe ich für mich und Gustav gekocht. Manchmal haben wir auch Besuch bekommen, so dass dann auch die Freunde von Gustav bei uns zu Mittag gegessen haben. Nachmittags war Hausaufgabenzeit für Gustav, und ich habe ihm dabei geholfen. Nach dem Abendbrot haben wir ferngesehen, beispielsweise habe ich mir die deutsche Krimiserie „Tatort“ angeschaut.

Haben Sie mit der Gastfamilie auch einiges unternommen, sind Sie beispielsweise zusammen verreist, haben Sie etwas besichtigt, Freunde oder Bekannte der Gastfamilie kennen gelernt?

Ja, ich habe ziemlich viel mit meiner Gastfamilie unternommen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass meine Gasteltern auch aus einer großen Familie stammen, genauso wie ich. Es hat mir zum Beispiel viel Spaß gemacht, die Großeltern von Gustav während der Weihnachtszeit zu besuchen. Da gab’s richtige deutsche Küche bei den Omas, wir schauten uns die alten Familienfotos an, und es kam dabei eine richtige gemütliche Familienstimmung auf. Ich habe auch guten Kontakt zu den Freunden und Bekannten der Gastfamilie gefunden. Wir haben Straßenfeste besucht, Karneval, Silvester und viele andere Feiertage zusammen gefeiert. An einem Adventsonntag im Dezember des letzten Jahres hat eine Nachbarin sogar die traditionelle Festtagsgans zubereitet. Und zusammen mit den Kindern aus der Nachbarschaft habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Adventskranz gebastelt.

Womit haben Sie ihre Freizeit verbracht?

Ich habe ziemlich viel gelesen. Es war für mich eine gute Gelegenheit, die deutsche und die Weltliteratur besser kennen zu lernen. Ich habe oft schöne klassische Musik gehört, ziemlich viel Sport gemacht, indem ich mit einer Freundin aus Brasilien, die auch als Aupair arbeitete, Fahrrad gefahren bin. Gemeinsam haben wir Museen und Ausstellungen besucht, und auch das Nachtleben von Köln und Bonn genossen. Außerdem habe ich eine Sprachschule besucht, wo ich Englisch und Spanisch lernte.

Zwischen Kasachstan und Deutschland liegen über 6.000 Kilometer. Haben Sie zwischendurch mal Heimweh gehabt, und welche Möglichkeiten hatten Sie, Ihre Eltern, Verwandten und Bekannten in der Heimat zu kontaktieren?

Ich kann nicht sagen, dass ich während meiner Aupair-Zeit tatsächlich Heimweh gehabt hätte. Ich war schon 24 Jahre alt, und bei meiner Gastfamilie habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich war eigentlich schon mit 18 Jahren vom Elternhaus weg, und das Wort „Selbstständigkeit“ ist kein Fremdwort für mich. Mit meinen Eltern, Geschwistern und Freunden in Kasachstan habe ich über das Internet, durch Telefonate oder auch über das Handy per SMS Kontakt gehalten. Jetzt, nachdem ich von der Gastfamilie weg bin und allein wohne, bekomme ich schon ab und zu etwas Heimweh und ich merke, dass meine Eltern und meine Geschwister in Kasachstan für mich sehr wichtig sind. Zu meiner Gastfamilie habe ich aber weiterhin noch Kontakt, und sie hat für mich immer ein offenes Ohr.

Was würden Sie jungen Menschen aus Kasachstan empfehlen, falls sie sich auch für eine Aupair-Tätigkeit in Deutschland entscheiden? Worauf sollen sie besonders achten?

Sehr wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass wenn man als Aupair zu einer Gastfamilie kommt, zugleich auch die eigene Kultur mitbringt, während man sich in einer neuen Kultur einlebt. Deswegen sind solche Eigenschaften wie Offenheit, Kontaktfreudigkeit und Lernbereitschaft sehr wichtig. Außerdem würde ich empfehlen, die rechtlichen Grundlagen zu kennen, um sich im Konfliktfall mit der Gastfamilie schützen zu können. Aupair bedeutet nicht nur, den ganzen Tag mit den Kindern zu verbringen oder das Familienleben mitzugestalten. Um Konflikte zu vermeiden, ist es sehr wichtig, von Anfang an klare Grenzen zu schaffen, um beispielsweise die eigene Freizeit in Ruhe gestalten zu können. Und wenn man die deutsche Kultur etwas gründlicher kennen lernen will, ist es besser, in größere Städte zu gehen oder mindestens in die Nähe von Großstädten, wo es gute Nahverkehrsverbindungen mit Bahn oder Bus gibt. Man kann viele neue Freunde in den Sprachkursen oder bei den von den Aupair-Agenturen organisierten Veranstaltungen finden. Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass diese Erfahrung als Aupair gerade für junge Menschen wertvoll ist. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus, wie lange beabsichtigen Sie, noch in Deutschland zu bleiben?

Nach meinem Aupair-Aufenthalt habe ich sofort mit einem Studium begonnen. Ich habe mich für das Fach Sozialmanagement an der Fachhochschule Köln eingeschrieben. Mein Studium dauert noch zwei Jahre und danach möchte ich noch nach Lateinamerika reisen. Wie ich schon erwähnt habe, macht es mir unheimlich viel Spaß, zu reisen und neue Kulturen, Länder und Sprachen für mich zu entdecken. Aber meine Zukunft sehe ich nur in Kasachstan, wo ich meine theoretischen Kenntnisse und meine Auslandserfahrung in die Praxis umsetzen kann. Das will ich genau in den Bereichen tun, die sich noch weiterentwickeln müssen.

Frau Tugambajewa, haben Sie vielen herzlichen Dank für das Interview.

16/02/07

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Josef Bata ist ein gebürtiger Ungar, lebt seit 37 Jahre in Deutschland. Er ist unter anderem ein freier Journalist für diverse Medien. Einer seiner Schwerpunkte sind die im Mitteleuropa und Zentralasien lebenden Deutschen. Hauptberuflich ist Bata Internetredakteur im Bereich Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Bonn. Auch für die DAZ verfasste er etliche Beiträge.