Wie hört sich eigentlich „Gletschermusik“ an? Was haben Töne vom Gletscher Tujuksu mit Klimawandel und Gletscherschmelze zu tun? Das Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts Almaty und dem Geographischen Institut Almaty möchte mit dem internationalen Kunstprojekt auf die Problematik Klimawandel und Gletscherschmelze aufmerksam machen. Am 26. Juli veranstaltete das Goethe-Institut mit beteiligten Partnern dazu eine Pressekonferenz.

„Das leise Drama, was sich da oben abspielt, hat mich sehr beeindruckt…“, so Christian Freis Worte auf die Frage, welche Eindrücke er von der Tujuksu-Expedition mitgebracht hat. Der bekannte Schweizer Dokumentarfilmer und Regisseur kam gemeinsam mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten nach Almaty, um an der ersten Phase des Projekts „Gletschermusik“ teilzuhaben.

Vom 22. bis 25. Juli bestiegen die „Freunde des Tujuksu-Gletschers“ den Gletscher Tujuksu, dessen Name so viel wie „zurückgehaltenes Wasser“ bedeutet. Das Gletscherteam von Dagmar Schreiber hatte bereits das Camp auf 3450 Meter Höhe wohnfähig gemacht.
Gletschermusik – was so unverfänglich klingt, ist von weit größerer Tragweite, als man vermuten mag. Das Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts Almaty/Taschkent sowie des Geographischen Instituts Almaty möchte mit einem langfristig angelegten Kunstprojekt auf die Herausforderungen des weltweiten Klimawandels aufmerksam machen.

Die Leiterin des Goethe-Instituts Almaty, Barbara Fraenkel-Thonet, koordiniert das Projekt gemeinsam mit dem Geographischen Institut Almaty. Die Expedition zum Tujuksu und die Tonaufnahmen dort auf dem Eis waren lediglich der Auftakt eines zweijährigen Kunstprojektes, welches am 22. September in Almaty mit einer Uraufführung der Töne offiziell eröffnet wird.

Christian Frei filmte den gesamten Prozess der Tonaufnahmen. Im Rahmen seiner Arbeit hat der Dokumentarfilmer ebenfalls intensiv mit Geräuschen zu tun: „Das Eintauchen in die Musik der Gletscher war für mich sehr inspirierend. Gerade die Kunst hilft uns, dieses leise Drama der Gletscherschmelze zu verstehen“, so Frei.

Das Goethe-Institut versucht mit „Gletschermusik“, Kunst, Kultur und Wissenschaft und damit auch Menschen und Kulturen in diesem einzigartigen Projekt zu vereinen. Vor den Künstlern aus Europa und Zentralasien steht nun die spannende Aufgabe, die aufgenommenen Gletschertöne zu Musik oder anderen Kunstwerken zu verarbeiten.

Die künstlerischen Werke sollen nun im Rahmen von Festivals und Konzerten in ganz Zentralasien gezeigt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.
Neben dem Schweizer Regisseur Christian Frei konnte auch der bekannte deutsche visuelle Künstler Lillevan für das Projekt gewonnen werden. Er wird aus den Tujuksu-Tönen eine Installation kreieren, in der die Töne visualisiert werden.

Wonach klingen eigentlich Gletschergeräusche? Christian Frei vermutete, zunächst nur das Rauschen von Schmelzwasser zu hören: „Neben dem Schmelzwasser gab es jedoch auch noch ein anderes faszinierendes Geräusch: rhythmische Töne, etwa wie Pferdegalopp. Auf jeden Fall etwas sehr Eigenes“, erzählt Frei begeistert.

Das Erlebnis, auf 3450 Metern Höhe in ein völlig anderes Leben einzutauchen, eins zu sein mit der Natur und den Naturgewalten, inspirierte alle Teilnehmer ausnahmslos. Dass das Wetter in Bergregionen solcher Höhen blitzschnell umschlagen kann, erlebten die Gletscherfreunde am eigenen Leibe. Innerhalb von Minuten wurde es auf einer Wanderung schlagartig dunkel, ein Sturm kam auf und ein Gewitter brach los, sogar Hagel prasselte nieder. Diese Wetterlagen können sich zudem erheblich auf die Stimmung auswirken.

Barbara Fraenkel-Thonet erinnert sich lebhaft: Den stärksten Eindruck vom Gletscher hatte sie von den unzähligen kleinen Schmelzbächen, die in der Sonne glitzernd hinab ins Tal flossen. „Das war wunderschön und tieftraurig zugleich“, erzählt sie, denn das fröhliche Bild beweise eine traurige Wahrheit. Das Problem der Gletscherschmelze wirke sich hier in Zentralasien besonders dramatisch aus, so Barbara Fraenkel-Thonet.

Der Glaziologe und Gletscherforscher Konstantin Makarewitsch beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit dem „ewigen Eis“ auf dem Tujuksu. In Kooperation mit dem Geographischen Institut nahm er auch am Projekt „Gletschermusik“ teil und lieferte einige handfeste Daten zur Gletscherschmelze. Seit 1959 führte der mittlerweile schon neunzigjährige Wissenschaftler Messungen auf dem Tujuksu durch und kam zum alarmierenden Ergebnis, dass der Gletscher seit 1958 zirka 57 Millionen Kubikmeter Eis durch die Gletscherschmelze verloren hat. Von ehemals vier Kilometern Länge sei der Gletscher im Laufe der Jahrzehnte nun auf zwei Kilometer Länge geschrumpft.

Für den Architekten und wissenschaftlichen Leiter des Projekts, Daniel Dendra, hat die Gletscherschmelze ebenfalls Einfluss auf seine tägliche Arbeit. Sie sei für ihn ein wichtiges Symptom des Klimawandels: „Das Projekt Gletschermusik ist ein Versuch, den Leuten die Problematik des Klimawandels und der Gletscherschmelze durch die Sinne –durch Hören und Sehen – näherzubringen. Es ist wichtig, dieses Thema zu kommunizieren, aber nicht belehrend mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf eine positive Art und Weise.“

Auf insgesamt vier Symposien in vier zentralasiatischen Ländern werden beginnend ab September diesen Jahres Wissenschaftler und Projektpartner darüber diskutieren, was in Zukunft zu tun ist. Im Rahmen dieser dreiwöchigen Reise durch ganz Zentralasien werden Wissenschaftler aus Deutschland und Zentralasien anwesend sein und auf die Gefahr in den Gletschern Zentralasiens aufmerksam machen. Geplant ist, die Ergebnisse der Kunstprojekte im Mai 2013 in allen zentralasiatischen Ländern zu präsentieren.

Gemeinsam mit dem Geographischen Institut Almaty konnte das Deutsche Generalkonsulat bereits einen Fotoatlas mit beeindruckenden Bildern zur Gletscherschmelze des Tujuksu in neuer Auflage herausgeben. Dadurch möchte man noch mehr Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen.

Ein Nachdenken und vor allem neues Denken verlangt auch Daniel Dendra. Er appelliert in der Pressekonferenz am 26. Juli in Almaty für ein neues Umweltbewusstsein: „Jeder muss bei sich selbst anfangen und etwas ändern. Nachhaltiges Leben heißt nicht, sich einzuschränken, sondern einfach „bewusster“ zu leben!“

Wenn man bedenkt, dass Klimakatastrophen wie anormale Hitzeperioden, Waldbrände und Überschwemmungen bald schon gewöhnliche Phänomene sein werden, wenn nichts gegen den Klimawandel getan wird, ist dies ein deutliches Zeichen zum Handeln.

Die Stadt Almaty, so Daniel Dendra, wurde in direkter Symbiose mit dem Tujuksu-Gletscher erbaut. Die Menschen leben von den klimatischen Erscheinungen der kühlenden Winde und des Wasserhaushalts auf dem Berg. Eine dramatische Gletscherschmelze würde zur Folge haben, dass es den Tujuksu-Gletscher 2050 wahrscheinlich nicht mehr geben wird, führt Dendra aus.

Es werde also direkte Auswirkungen auf Almaty und seine Bewohner haben, wenn der Tujuksu nicht mehr existiert.

Mit dieser Prognose vor Augen wurde auf der Pressekonferenz des Goethe-Instituts am 26. Juli vor allem eines deutlich gemacht: Schnelles und dennoch nachhaltiges Handeln ist erforderlich – und ein bewussterer Umgang mit der Natur, denn es gibt nur die eine.

Von Malina Weindl