Seit dem Umzug in das ehemalige sowjetische Prestige-Kino im Zentrum von Almaty ist das „Tselinny“ eine hippe Institution für moderne kasachische Zeitgeist-Künstler. Neben Ausstellungen und Workshops werden hier auch inklusive Körper-Performances angeboten, deren aktuelle Reihe „Körper & Raum“ heißt. Ein Besuch des „Tselinny“ ist wie ein Selbstversuch an einem Ort, der seine Umgebung weiter in die Welt hinein stupsen möchte.

Das Gebäude steht immer noch wie ein Museumsexponat im Herzen von Almaty. Ein quadratischer Glaswürfel, geschwungene, eng aneinander gereihte Betonsäulen, die sich wie rissige Haut um den Würfel herumranken, eine große Eingangshalle mit einem Designer-Rezeptionstisch. Auch optisch wäre es kaum zu verheimlichen, dass das „Tselinny“, wenngleich heute frisch renoviert, einst ein sozialistisches Aushängeschild war. Zur Zeit der Sowjetunion lief hier noch Andrei Tarkowsky auf einer riesigen Leinwand, heute wird zwischen den vier Wänden gelesen, gezeichnet, gegessen und getanzt, wenn’s gut läuft, alles am gleichen Tag. Es gibt hier nicht nur den Ausstellungsraum, sondern auch ein Café, ein Atelier, ein Restaurant und eine private Bibliothek.

Ich bin an diesem Tag zum zweiten Mal im Tselinny. Letzte Woche ging es noch darum, einen ersten Eindruck zu gewinnen und die Frühjahrsausstellung „Union of Artists“ zu sehen. Sie ist eine Hommage an kasachische Künstler-Paare der Avantgarde, die in der Sowjetunion höchstens geduldet, nie aber aktiv unterstützt wurden. Im heutigen Kasachstan ist das anders. Alles steht im Zeichen einer Zeitenwende.

Die Betonung liegt auf „zeitgenössisch“

Ein kurzer Abstecher zur Garderobe, ehe die Körper-Performance losgeht. Das Treppenhaus glänzt in kühlem Silberglas. Es würde nicht wundern, wenn unten die Ausgabe der Raumanzüge stattfände, mit denen es dann ab ins All ginge. Wieder oben angekommen, hat sich schon eine kleine Traube an Wartenden im Foyer breit gemacht. Das Publikum ist, wie fast schon selbstverständlich, dreisprachig: Kasachisch, Russisch und Englisch. Die Gesprächsthemen sind, auch das ist wenig überraschend, akademisch geprägt. Vielleicht aber auch schon eine Mini-Performance des „freien Geistes“, was ja passend wäre, hier in der kasachischen Herzkammer der kreativen Grenzenlosigkeit.

Das Tselinny wird, ebenso wie das Almaty Museum of Arts, von einem wohlhabenden Geschäftsmann finanziert. Die Mitarbeiter*innen laufen in den gleichen Corporate Outfits herum, die in Berlin zum Goldstandard gehören: Dunkle Farben, dezentes Pastell, kreative Schriftarten auf den Shirts.

Kooperation mit inklusivem Theater

Katja Dzvonik kommt strahlend durch die Eingangstür. Niemand weiß, ob sie später noch bei frühlingshaftem Sonnenschein mit ein paar Zugvögeln über das Tian-Shan-Gebirge fliegt, oder ob sie auch an gewöhnlichen Tagen so gut aufgelegt ist. Vielleicht liegt es aber auch am Kulturzentrum selbst, den sie als einen der „einladendsten Orte der Stadt“ bezeichnet. „Ich liebe es, hier zu sein“, sagt sie. Sie gehört zum Ensemble „Deistvie Bukval’no“ oder auch „Action Literally“, dem ersten inklusiven Theater in Almaty, das mit Menschen mit Behinderung zusammenarbeitet.

Das Tselinny bietet in Kooperation mit Action Literally seit diesem März jeden Mittwoch um 12 Uhr kostenfreie Performances an, bei denen weniger die Kreativität des Geistes, sondern des Körpers im Vordergrund steht. Übersetzt heißt das in etwa folgendes: Alles, was sich im dreidimensionalen Raum von Meditation, Körpertherapie und Theater befindet, wird spielerisch ausgelebt, oder eher „entdeckt“. Raus aus dem Kopf, rein in den Körper. Katja Dzvonik legt ihre Bluetooth-Lautsprecher auf eine der Bänke im Foyer und scrollt auf dem Handy nach dem richtigen Song für den Einstieg. Das Genre lässt sich vielleicht mit Yoga-Techno beschreiben. Na, dann kann es ja losgehen!

Was bedeutet es, seinen Körper zu spüren?

Wir stehen im Kreis und lauschen der Mission, die in den nächsten 90 Minuten ansteht. Die Achsen des Körpers spüren, den Schwerpunkt seiner horizontalen und vertikalen Linien erkennen. Ich fühle mich ertappt. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal horizontale und vertikale Linien in mir gespürt habe, aber ich bin ja zum Lernen hier. Katja Dzvonik fängt glücklicherweise langsam an. Im ersten Schritt reicht es, eine Stelle im Raum zu finden, in der man sich fest verankert fühlt.

Gute Idee eigentlich, aber in modernen Kunsthallen ist alles weitläufig und steril, deswegen macht es keinen großen Unterschied, wo man steht. Die Gruppe einigt sich non-verbal darauf, dass sich jeder da am wohlsten fühlt, wo links und rechts drei Meter Sicherheitsabstand zur nächsten Person sind. „Ich weiß, dass ihr hier seid, ihr müsst nicht auf mich schauen“, ruft Katja in die Runde. Ratlose Blicke in der Gruppe. „Ihr könnt nichts falsch machen“, schickt sie hinterher. Das Eis im Körper zu brechen, ist keine dankbare Aufgabe.

Aber dann löst sich etwas. Wir sollen uns fünf Punkte in unseren Körper vorstellen, durch die eine gerade Linie gehe. Den Kopf, den Oberkörper, die Hüfte, das Knie und das Sprunggelenk. Alle stehen kerzengerade. Ob es sich wie eine feste, unbewegliche Linie anfühle oder ob da auch ein wenig Spielraum, ein bisschen Beweglichkeit zu spüren sei, ob sich unsere Beine bewegen, die Hüften abkippen oder die Schädel nach oben strecken lassen, das alles will Katja wissen.

Ich beuge meine Knie und spüre, nun ja, irgendwann kommt das Gleichgewicht an sein Ende. Alsdann das gleiche Spiel mit dem Oberkörper, einmal vor, einmal zurück. Ich schaue in die Runde, und sehe viele Körper in schiefer Haltung. Eine Person gleitet tänzelnd durch das Foyer, die Arme durchgestreckt und jede Bewegung so flüssig, so harmonisch, ich wünschte es wäre auch für mich so leicht. Irgendetwas schämt sich in mir, dass das mehr nach Ergotherapie als nach flüssigen Bewegungen bei mir aussieht.

Es braucht Zeit, Übung und Geduld

Ein Glück, dass die zweite, vertikale Linie ins Spiel kommt. Jetzt werden nämlich die Arme ausgebreitet – die drei Meter Sicherheitsabstand waren wohl sehr vorausschauend – und auf einmal fühlt sich der Körper mehr nach dreidimensionaler Materie als nach an der Schnur gezogenem Strichmännchen an. Die Bewegungen werden flüssiger. Auf einmal entdecken die Knie eine besondere Funktion: Sie lassen sich anwinkeln. Jetzt steuert das Fußgelenk die Richtung, und nicht mehr die Brust.

Ein Schritt nach rechts, den Oberkörper hinterhergezogen, aber mein Kopf hat eine andere Idee und bewegt sich wieder in die andere Richtung. Ich bin nicht sicher, ob ich alle Achsen im Körper ihrem eigenen Plan überlassen soll. Aber zum Nachdenken bleibt eh keine Zeit, denn Katja hat die nächste Anweisung parat. In die Höhe soll es gehen, zur Decke, zu den Wolken, in den Himmel. Auf Zehenspitzen zieht der Körper den Geist hinter sich her. Ein Impuls folgt dem nächsten. Ich balanciere von einem Fuß auf den anderen, mein Rumpf hält alle vier Extremitäten wie geschmeidige Knete zusammen und nicht mehr wie ein harter Felsbrocken.

Ich merke, dass ich schwitze. Die Hände steigen über den Kopf und die Augen schauen, geöffnet und klar, nicht mehr nach unten, sondern nach vorne, in das weite Foyer, in den Horizont, der – zugegeben – vor allem aus hoher Decke, Glasfenstern und vielen Autos auf asphaltierten Straßen besteht. Irgendwo muss man ja anfangen, auch in urbanen Räumen.

Ein 90-minütiger Traum

Kurze Reflektionsrunde mit der Gruppe im kleinen Kreis. Die Person, deren harmonisches Bewegungstalent ich beneide, stellt sich als ehemalige Tänzerin heraus. Das erklärt natürlich vieles. Ich fühle mich leicht, komme aber auch nicht um den Gedanken herum, wie albern ein paar wild umhertänzelnde Personen in einem offenen Museumsfoyer aussehen müssen. Die schmunzelnden Gesichter der Ausstellungs- und Cafébesucher*innen im Tselinny sind mir nicht entgangen. Andererseits: Der Name Performance, eine etwas künstliche Selbstdarstellung, ist sicher nicht ganz falsch gewählt.

„In Kasachstan liegen Wirklichkeit und Potential immer noch weit auseinander“, sagt Katja Dzvonik nach der Bewegungsübung. Die 90 Minuten sind wirklich schnell rumgegangen. „Aber, was die Menschen hier auszeichnet, ist, dass sie immer weiter machen, in der Hoffnung, dass es eines Tages besser wird.“ Die Sonne steht hoch über dem Tselinny. Sofern man Mittwochmittags um 12.00 Uhr nichts anderes zu tun hat, lässt sich hier nach etwas Höherem greifen, zumindest für anderthalb Stunden. Zur zeitgenössischen Wirklichkeit gehört aber auch, dass es für die meisten Menschen danach wieder an den Laptop am Schreibtisch geht.

Yannik Yeşilgöz

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