Wir wollen multikulturell sein, wir wollen voneinander lernen und Grenzen überwinden, eigene und nationale. Und am Ende wollen wir unbedingt eines sein – international. Das ist alles gut und richtig. An sich. Aber bei alldem sollten wir auch das andere – Grenzen wahren.

Denn nicht jeder ist für alles geschaffen. Das können wir schon aus der Natur lernen. Der Mensch ist eben nicht dafür gedacht, in der Luft zu fliegen und unter Wasser zu schwimmen. Eigentlich. Aber das wollen wir nicht einsehen und wollen das trotzdem. Denn wenn wir etwas sehen, wollen wir es nicht nur haben, sondern auch selber machen. Drum tüfteln und lernen und mühen wir uns ab. Und darüber ist es uns auch egal, ob wir im Taucheranzug eine komische Figur abgeben, denn schön ist es wirklich nicht anzuschauen. Aber schön soll es ja auch nicht sein, Hauptsache, es macht uns Spaß. Und darüber ist es uns auch egal, dass wir manchmal vom Himmel fallen oder vom Hai verspeist werden. Das Ergebnis stimmt eben nicht immer. Ähnlich ist es auch mit der Kultur. Einige Kulturen können eben manche Dinge besser als andere. Die einen können gut singen und tanzen, andere können schnell laufen und wiederum andere können gut Autos bauen oder leckeres Eis herstellen. Das kann ja nicht so schwer sein, denken wir. Und dieser erste Gedanke ist dabei gar nicht so falsch – gucken, wie es die anderen machen, nachmachen, auch Erfolg haben. Eigentlich. Aber es lässt sich eben nicht alles kopieren. Wir sehen ja, was dabei herauskommt, wenn die Amerikaner französische Filme neu verfilmen. Irgendetwas geht dabei immer verloren – vor allem der Witz.

Dass man nicht alles nachmachen kann, musste ich selbst früh einsehen. Ich passte genau auf, wie meine Großmutter gekocht und gebacken hat. Aber trotzdem – der Kuchen blieb zu flach und trocken, das Fleisch war nicht so zart und der Pfannkuchen pappig. Wieso?! Na, weil einem eben immer etwas entgeht, auch wenn man noch so genau aufpasst. Weil eben der Teufel im Detail steckt. Weil die Oma vermutlich nicht nur drei Mal, sondern vier Mal umgerührt hat, weil sie es wahrscheinlich fester und bestimmter tat und weil ihre Zutaten und Kochgeräte andere waren und weil es schließlich immer etwas in der Welt gibt, das man weder sieht, noch versteht. Und weil meine Großmutter eine weise Frau war, hat sie auch die Finger von der Lasagne gelassen. „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“, hat sie immer gesagt. Aber weil das nicht alle einsehen wollen, singen Weiße Gospel und versuchen sich Deutsche in Bauchtanz oder Meditation – und das sieht reichlich peinlich aus. Und als hätten nicht schon alle alles versucht, wollen die Chinesen nun einen Kunstmarkt etablieren. Aber das kann man nicht einfach tun, als gäbe es dafür eine Strategie oder ein Rezept; das muss sich entwickeln und muss wachsen. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Die Chinesen sind in allem vor allem eines – schnell. Das mag zu manchem passen – zum Wirtschaftswachstum, zum Tourismus, zum Lernen. Aber zur Kunst passt es ganz bestimmt nicht. Was derzeit auf dem Kunstmarkt in China passiert, eine schwindelerregende Geschwindigkeit in der Produktion von Gemälden und der hektische Verkauf zu horrenden Preisen, bleibt mit Argwohn zu beobachten. Das mag zwar einigen schnell zu Reichtum verhelfen, aber eines geht dabei gewiss verloren – die Kultur. Multikulturell und international sollte bedeuten, dass wir uns gegenseitig mit Respekt und Anerkennung zusehen und aneinander erfreuen – aber von manchem einfach die Finger lassen.

Julia Siebert

16/02/07