Das goEast-Filmfestival lockt jedes Jahr im April Regisseure, Filmkritiker, Cineasten und Filmstudenten von Lissabon bis Wladiwostok nach Wiesbaden. Auch ein Streifen aus Kasachstan wird dieses Jahr über die große Leinwand flimmern.

Was das Internationale Filmfestival von Cannes für das globale Glamour- und Kassenschlagerkino ist, ist das goEast-Festival in Wiesbaden für das etwas bescheidenere osteuropäische (Sparten-) Kino. Vom 5. bis 11. April findet das sechste Festival des mittel- und osteuropäischen Films in den Kinos unter den fünf goldenen Zwiebeltürmen der Wiesbadener Russisch-Orthodoxen Kirche der heiligen Elisabeth statt. Laut Programm gibt es vom „russischen Blockbuster bis zum kompromisslosen litauischen Filmkünstler“ Beiträge aus Mittelosteuropa, dem Baltikum, vom Balkan und aus dem Kosovo und den GUS-Staaten zu sehen.

Eine Woche wird die Vielfalt des Filmschaffens in Osteuropa, einer Region im gesellschaftlichen Umbruch, filmisch erlebbar sein. „Mit inzwischen acht dotierten Auszeichnungen sowie dem renommierten Preis der Internationalen Filmkritik ist das Festival eine attraktive Plattform für Regisseure und Produzenten aus den Ländern Mittel- und Osteuropas“, so Christine Kopf, die goEast-Festivaldirektorin.

Kasachische Parallelstimmen in Wiesbaden

Aus zentralasiatischer Perspektive ist der Festivalhöhepunkt der 6. April. Dann wird die kasachisch-russische Koproduktion „Vokalnye Paralleli“ („Parallelstimmen“, 2005) von Regisseur Rustam Chamdamow gezeigt. Der 1944 in Taschkent geborene Filmemacher ist heute meistens in Moskau anzutreffen. Er stellte sein Musik- und Filmdrama letztes Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig der Weltöffentlichkeit vor. Mit den „Parallelstimmen“ hat er ein modernes Filmkonzert in Anlehnung an die Blütezeit des Genres unter Stalin gedreht. Surreal lässt er Opernstars der Sowjetzeit in einer aufgegebenen Fabrik oder einer Jurte irgendwo in der Weite der kasachischen Steppe Arien von Operngranden wie Michail Glinka oder Guiseppe Verdi singen. In Szene gesetzt wird das alles mit Renata Litwinowa, der viel zitierten „russischen Greta Garbo“. „Als Zeremonienmeisterin hält Renata Litwinowa, postsowjetische Venus im Pelz und Diva des neuen russischen Films, die Opernfragmente zusammen und kommentiert sie mit melancholischen Statements über den Niedergang imperialer Größe. Ein raffiniertes Spiel von Licht und Farben, absurder Komik und fantasievoller, vom Regisseur selbst entworfener Kostüme verleihen dem Film seinen Zauber“, so die Programmankündigung. Man darf gespannt sein, wie das deutsche und internationale Publikum in Wiesbaden das 65 Minuten dauernde Spiel von Licht, Farben und Schatten, die Hommage an Opernkunst und postsowjetische Melancholie in der kasachischen Steppe, aufnimmt.

Wer bekommt goldene Lilien?

Ab kommenden Mittwoch dreht sich in Wiesbaden wieder alles ums Kino – auch das kasachische Kino – und Filmpreise. Über 100 Kino-, Dokumentar- und Kurzfilme aus über 15 Ländern – alleine über 20 Streifen aus dem heutigen Russland oder Klassiker der Sowjetzeit, von Alexej Balabanows neuem Werk „Blindekuh“ (2005) oder dem legendären „Brat 2“ (2000) bis zu Grigori Alexandrows Musikkomödie „Wolga-Wolga“ (1938) – locken vor die Leinwand. Außerdem gibt es ein Rahmenprogramm mit dem Symposium „Mainstream Made in Russia“, mit einer Lesung Viktor Jerofejews oder dem Auftritt der Band „Leningrad“.

Wie in Cannes Filmschaffende und Cineasten der Verleihung der Goldenen Palme entgegenfiebern, so wird in Wiesbaden der Verleihung der mit 10.000 Euro dotierten „Goldenen Lilie“ an den besten Film im Hauptwettbewerb mit Spannung erwartet. Für die beste Regie, künstlerische Qualität und den Regisseurnachwuchs sind weitere Preise ausgelobt. Letztes Jahr konnte die tiefgründig-romantische kasachische Produktion „Kaladan Kelgen Kyz“ („Die Insel der Wiedergeburt“, 2004) von Rustam Abdraschow einen Sonderpreis einheimsen.

Von Gunter Deuber

31/03/06