Angehörige der deutschen Minderheit in Kirgisistan drängen offenbar verstärkt darauf, das Land verlassen zu können. Der Rat der Deutschen, der die Interessen der Bevölkerungsgruppe vertritt, hat die Botschaft der Bundesrepublik in Bischkek aufgefordert, sich in Deutschland für eine beschleunigte Prüfung von Ausreiseanträgen einzusetzen

In dem mittelasiatischen Land ist die politische Lage seit dem erzwungenen Machtwechsel im März weiterhin unsicher. Der Vorsitzendes des Rates der Deutschen, Valerij Dill, sagte gegenüber der Deutschen Welle: „Die Ereignisse im Land haben dazu geführt, dass immer mehr religiöse und nationalistische Parolen laut werden und die Kriminalität zunimmt. Das beeinflusst die Stimmung der Menschen.“ Derzeit leben noch rund 15.000 Angehörige der deutschen Minderheit in Kirgisistan, vor zehn Jahren waren es noch über 100.000. Der Rat plädierte dafür, angesichts der Lage auch solche Anträge auf Ausreise nach Deutschland erneut zu prüfen, die zuvor bereits abgelehnt worden sind.

Nach unbestätigten Berichten aus Bischkek soll der Rat sich auch an die Botschaft der Russischen Föderation gewandt haben mit der Bitte, ausreisewilligen Deutschen eine Siedlung in Russland zur Verfügung zu stellen. Selbst Deutschstämmige, die bislang nicht an Ausreise gedacht haben, scheinen sich anders zu besinnen. Unter ihnen sind zahlreiche Familien des ehemaligen Vorzeigebetriebs „Rot Front“, der von Nachfahren mennonitischer Siedler 1927 gegründet worden war und in der Bevölkerung den Beinamen „Klein-Deutschland“ hatte. Die Regierung dagegen bekundet ihr Interesse daran, dass die Deutschen weiterhin im Land bleiben. Das war auch unter dem abgetretenen Regierungschef Askar Akajew so.

Beobachter rechnen damit, dass der Ausreisedruck, dem vornehmlich Russen in dem mittelasiatischen Land ausgesetzt sind, zum Verfall der Immobilienpreise führen wird. Das wiederum könnte eine Sogwirkung auf jene haben, die derzeit noch unschlüssig sind. Von einer gespannten Lage berichten auch Mitarbeiter von Sozialstationen, die mit bundesdeutschen Mitteln für bedürftige Deutschstämmige unterhalten werden. Allerdings sei im privaten

Umfeld von einer Diskriminierung durch nationalistische Kräfte noch nichts zu spüren. (ID)