Die Veränderung der Wechselkurse hat für diejenigen Länder eine starke Bedeutung, die in besonders hohem Maße vom Außenhandel abhängen. Dazu gehören beispielsweise Kasachstan und Deutschland, deren Produktion zu etwa 50 beziehungsweise 40 Prozent exportiert wird.

Für die deutsche Wirtschaft sind im Vergleich zu Kasachstan allerdings die – positiven oder negativen – Wirkungen von Wechselkursschwankungen stark begrenzt, da etwa zwei Drittel der deutschen Exporte in die Länder der Eurozone gehen. Die gemeinsame Währung von mittlerweile 16 Mitgliedstaaten der EU macht Erträge und Aufwendungen im Außenhandel insofern kalkulierbar, als dass das Wechselkursrisiko entfällt. Kasachstan hat eine solche Möglichkeit nicht, sondern kann die Wechselkurse eigentlich nur über die Einmischung der Nationalbank in den Devisenmarkt steuern. Da die Wechselkurse durch Angebot (vorwiegend die Exporteure) und Nachfrage (vorwiegend die Importeure) gebildet werden, muss die Nationalbank für den Fall gewünschter relativ stabiler Wechselkurse entweder am Markt nicht nachgefragte Devisen gegen nationale Währung aufkaufen oder im Falle einer höheren Nachfrage im Vergleich zum aktuellen Angebot Devisen gegen Tenge verkaufen. Bis etwa zur Mitte des vergangenen Jahres hat die Nationalbank eher Devisen gekauft und schrittweise entsprechende Reserven von über 20 Milliarden US-Dollar angelegt. Etwa 45 Prozent davon sind wirklich in US-Dollar vorhanden, der Rest in anderen frei konvertierbaren Devisen beziehungsweise in etwa 40 Tonnen Gold.

Nun ist aber abzusehen, dass die Zeit anbrechen wird, in der die kasachische Nationalbank ihre bisherige Stabilisierungspolitik des US-Dollar-Kurses ändern muss. Da die Weltmarktpreise für die kasachischen Exportprodukte stark gesunken sind, fällt auch der Zustrom von Devisen wesentlich geringer aus als bisher. Die Nachfrage nach den ausländischen Geldscheinen wird aber hoch bleiben, nicht zuletzt wegen der starken Importabhängigkeit des Landes und der Notwendigkeit der Rückzahlung ausländischer Kredite, im Moment besonders durch den Bankensektor. Wollte die Nationalbank den Wechselkurs nun weiter bei etwa 120 Tenge pro Dollar halten, müsste sie aus ihren Reserven zunehmend Dollar verkaufen. Das hat sie auch schon getan, die Devisenreserven sind in den letzten Monaten schon nicht unbedeutend geschrumpft. Reserven sollte man jedoch schonen und deshalb wird nun die Flucht nach vorn angetreten. Die Nationalbank verabschiedete sich von ihrem alten Wechselkursziel und erwartet nun, dass sich der Wechselkurs bei 150 Tenge pro Dollar einpendelt. Das bringt den Exporteuren mehr Erlös in Tenge und eine Verteuerung der Importwaren (auch in Tenge). Nun hat diese Abwertung, wie jeder wirtschaftliche Prozess, Gewinner und Verlierer. Vorsicht ist jedoch geboten. Das aktuelle Beispiel Russland zeigt, dass Wechselkurs-Zielvorgaben sehr schnell von der Realität überholt werden können.

Sicher wird im Moment die Nationalbank – und mit ihr die Regierung – kaum anders handeln können. Dennoch weist dieser Vorgang ein weiteres Mal auf die Notwendigkeit grundlegender Reformen der Strukturen der hiesigen Wirtschaft hin. Zwar sind die Dinge bekannt, sie müssen aber dennoch immer wieder ausdrücklich benannt werden: die extreme Außenwirtschaftsabhängigkeit und die schwach entwickelte Inlandsproduktion machen Kasachstan sehr anfällig gegenüber auch relativ kleinen Wechselkursveränderungen. Die Veränderung dieser Zustände wird zwar deklariert, sie vollziehen sich aber – wenn überhaupt – nur schmerzhaft langsam. Demnach verändern sich die strukturellen Angebots- und Nachfragerelationen auf dem nationalen Devisenmarkt erst irgendwann; Kasachstan wird also noch lange mit dem Problem der Auf- und Abwertungen leben müssen.

Einen Beitrag zur Entspannung des Problems können natürlich auch andere Maßnahmen als nur die Interventionen der Nationalbank bringen. Die Begrenzung der Devisenströme und -geschäfte könnte eine – wenn auch ungeliebte – Option sein. Damit ist die Begrenzung der Umtauschmöglichkeiten von Tenge in Devisen für die Bevölkerung oder auch die Importeure gemeint, zum Beispiel eine Begrenzung des Imports von Luxuswaren. Eine andere Variante wäre der Versuch, nicht frei konvertierbare Währungen wie den Rubel oder den chinesischen Renminbi anstelle des Dollar im internationalen Zahlungsverkehr zuzulassen. Zwar sind die genannten Währungen dann nur für den zweiseitigen Handel zu gebrauchen, hier könnten sie als Verrechnungseinheit aber durchaus sinnvoll sein. In jedem Fall müssen Regierung und Nationalbank künftig ein hohes Maß an Kreativität an den Tag legen. Vielleicht ist die – erneute – Ernennung eines neuen Notenbankchefs in dieser Hinsicht ein Signal.

Bodo Lochmann

06/02/09