Ein ganz frommes Mädchen sei sie gewesen, erzählte mir meine Mutter zuletzt. Geglaubt, gebetet, gebeichtet habe sie, was das Zeug hielt. Und wenn sie selbst nichts angestellt hatte, beichtete sie einfach die Taten ihrer Freundin. „Gott hat mich lieb und das durchzieht sich durch alle kirchlichen Instanzen“, so dachte, fühlte und glaubte sie damals.

Ein anderes Lebensglück fand sie im Rollschuhlaufen, oh, wie liebte sie es, mit den Rollschuhen durch die Gegend zu pesen. Meine Mutter war nicht nur lammfromm und brav, sondern auch mutig und geschickt. Und so sauste sie glücklich mit hochroten Wangen um die Kirche herum, Runde um Runde. Sie war im siebten Himmel – bis plötzlich wie aus dem Nichts der Pfarrer aus der Kirche schoss und ihr eine schallende Ohrfeige versetzte, peng! Das war ein gewaltiger Schock, und mit einem Hieb schlug er ihr den Glauben aus Leib und Gemüt. „Klerus – das war´s!“ wusste sie im selben Moment, ohne reflektieren zu müssen, denn zum Reflektieren war sie noch zu klein. Keine Worte, keine Reflexion, keine Entscheidung, die Kirchenhörigkeit war einfach futsch. Kehrte nie zurück. Und trug sich fort.

In Folge blieben mein Bruder und ich ungetauft, von religiösen Dingen erfuhren wir auf anderem Wege, jedenfalls nicht im Elternhaus. Ich finde das nicht weiter schlimm, mir fehlt nicht viel. Aber auch meine Kinder, wenn ich welche hätte, würden von mir keine Religiosität vermittelt bekommen können, selbst wenn ich es wollte. Dazu fehlt mir das Handwerkszeug. Das ließe sich zwar organisieren und outsourcen, via Religionsunterricht und Patenonkel, aber es ist etwas anderes, ob man den Glauben und Kirchenbezug daheim als selbstverständlichen Bestandteil des Familienalltags erlebt oder ob Onkel Norbert einem oder Tante Heidi ab und zu auf einem Spaziergang dies oder das über Gott und Kirchen erklärt.

Der Vorfall macht mich betroffen und wäre ich nicht die Tochter, würde ich zur Schwanenmutter mutieren und dem ohrfeigenden Pfarrer die Leviten lesen oder, was bei unserer Konstellation zutreffender ist, als Kampfküken meine geschlagene Mutter verteidigen und mit diesem Kerl ein Hühnchen rupfen, wenn er noch leben würde. Und schon ist sie wieder da, die Distanz zwischen der Kirche und mir. Immer, wenn ich mich gerade ein Schrittchen angenähert habe (ich berichtete von dem erstaunlich heiteren Gemeindefest, das ich besuchen durfte), kommt ein Ereignis dazwischen, das mich wieder daran erinnert, dass die Kirche nicht immer so nett ist, wie sie gern wäre oder sein sollte – gelinde gesagt (an den gewaltbereiten missionarischen Eifer will ich hier gar nicht erinnern).

Aber unabhängig solcher Wertungen ist das schon der Wahnsinn. Da hat ein Mann, der sein ganzes Leben der Vermittlung der Glaubenslehre widmet und dafür auf allerlei verzichtet, mit einem einzigen Hieb mindestens drei Generationen die Religion aus dem Leben geschallert. Ob er das weiß? Wenn er das wüsste!

Julia Siebert