Die Natur eines Landes entdecken und gleichzeitig die Sprache lernen, dieses Ziel hat das Sprachwandercamp. Dieses Jahr fand es zum ersten Mal in Kasachstan statt. Eine Gruppe Österreicher, Kasachstaner und Deutscher wanderte eine Woche lang durch den Nationalpark Burabai und verbesserte ihre Russisch– beziehungsweise Deutschkenntnisse.

Vier Seen, sieben Tage, rund 90 Kilometer – Eine anstrengende Woche liegt hinter den 13 Wanderern aus Österreich, Deutschland und Kasachstan. Sie machten sich Ende Juli auf, um den Nationalpark Burabay im Norden Kasachstans zu entdecken und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.

Das Sprachwandercamp begann mit der Fahrt von Astana zum Katarkol-See, wo die Teilnehmer ihre erste Nacht verbrachten. Bei einem Spaziergang rund um den See lernten sich deutsche und russische Muttersprachler langsam kennen und hofften, dass sie der einsetzende Regen nicht die ganze Woche über begleiten werde. Nach einer feuchten und kühlen ersten Nacht im Zelt hatte sich der Regen zum Glück verzogen und die Gruppe machte sich zu ihrer ersten Etappe in Richtung Borowoje auf.

Qigong und verwirrte Passanten

Beim Sprachwandercamp erweitern die deutschen Muttersprachler ihre Russischkenntnisse, die russischsprachigen Teilnehmer verbessern ihr Deutsch. Jeder erhält einen Tandempartner und die Kommunikationssprache wechselt jeden Morgen und Nachmittag. Dazu erhalten die Wanderer verschiedene Fragen zu Themen wie interkulturelle Erfahrungen. Hast du schon einmal im Ausland gelebt? Hattest du einen Kulturschock? So kommt man leicht ins Gespräch und die Wanderung vergeht wie im Flug.

Die ausgiebigen Pausen wurden zum Essen und Gymnastik genutzt. Wahlösterreicherin Lina lockerte die Gruppe immer wieder mit Qigong-Übungen auf. So erweckten die Wanderer nicht nur mit ihren riesigen Rucksäcken die Aufmerksamkeit von Passanten und vorbeifahrenden Autoinsassen, sondern auch mit ihren Verrenkungen am Straßenrand.

Nach etwa zehn Kilometern erreichten sie Worobjewka, wo sie ihr Lager für die zweite Nacht aufstellten, das neugierig von vorbeiziehenden Pferden, Gänsen und Kätzchen beäugt wurde. Am Abend zog erneut Regen auf und während ein Teil sich unter die Regenplane flüchtete, um auf heißen Tee zu warten, plauderte der andere Teil mit dem Revierförster Baurschan, was die Teekochenden (zum Leid der Wartenden) wohl die Zeit vergessen ließ.

Der Borowoje im Burabai

Der nächsten Morgen wartete wieder mit Sonnenschein und nach einem Bad im Fluss ging es weiter zum See Borowoje, dem der Nationalpark seine russische Bezeichnung verdankt. Burabai, im Russischen Borowoje genannt, ist ein bei Kasachstanern beliebtes Erholungsgebiet rund drei Stunden nordwestlich von Astana entfernt. Es besteht aus mehreren Seen, viel Wald und Bergen.

Chefkoch Ulan kocht das Abendessen. | Bild: Gabidulla Almjenbjetow

Am Borowoje angekommen, sprangen die Teilnehmer erst einmal ins kühle Nass, bevor am Strand gepicknickt wurde und das eigentliche Tagesziel, der Große Tschebatsche, angesteuert wurde. Zuvor musste allerdings noch der Proviant aufgefüllt werden, was erst nach dem Besuch mehrerer Geschäfte und einem Basar vollständig gelang. Später als gedacht, erreichte die Gruppe den Zeltplatz, wo sie die nächsten drei Nächte verbrachte. Diesmal blieb es trocken und Chefkoch Ulan aus Almaty machte sich daran ein Feuer zu entzünden und die Suppe für das Abendessen zu kochen. Endlich kam die richtige Urlaubsatmosphäre auf und abends versammelte sich die Gruppe, um ihre neu erlernten Vokabeln auszutauschen und Lieder zu singen.

Mystische Orte

Das Sprachwandercamp findet seit 2011 jährlich in der Ukraine statt, zunächst auf der Krim und seit 2014 in den Karpaten. In diesem Jahr fand es zum ersten Mal auch in Kasachstan statt. Organisiert wurde es von Gisela Zeindlinger, die zuvor neun Monate lang als Sprachassistentin am Sprachlernzentrum des Goethe-Instituts in Pawlodar gearbeitet hatte.
Ganz ohne Rucksäcke (was für ein leichtes Gefühl!) ging es in den nächsten Tagen auf Entdeckungstour rund um den Borowoje. Das Denkmal von Ablai Chan ragt vor einer Bergkulisse in die Höhe. Etwas weiter oben gibt es einen mystischen Stein, den man sieben bis zehn Mal (die Angaben variieren) im Uhrzeigersinn umrunden muss, damit ein Wunsch in Erfüllung geht. Dabei kann es schon einmal passieren, dass man zufällig auf Kasachen trifft, die gleich ihr Deutsch mit den Muttersprachlern üben möchten.

Ein Aufstieg, auf den mit etwa 900m höchsten Berg in der Umgebung, endete in einer halbstündigen Suchaktion für den 18-jährigen Danja aus Pawlodar, der einen anderen Rückweg als die restliche Gruppe gewählt hatte. Erleichtert ihn widergefunden zu haben, sprangen die Teilnehmer noch einmal in den Großen Tschebatsche, um am nächsten Tag erfrischt zu einer neuen Etappe aufzubrechen.

Lange Wege, klare Antworten

Laut Bergführer Gabidulla Almjenbjetow sollten es 15 Kilometer bis zum nächsten Lagerplatz sein. Am Ende des Tages wird die Gruppe fast doppelt so viel gelaufen und geklettert sein, über Stock und Stein, vorbei am Kleinen Tschebatsche, durch Wiesen und Felder. Auch das Wetter zeigte sich unerbittlich und brachte Wind und Regen mit sich. Erschöpft und hungrig wurden die Zelte aufgeschlagen und auf dem Gasbrenner noch schnell die Suppe für den Abend zubereitet, bevor alle müde in ihren Schlafsäcken versanken.

Eigentlich sollte es am letzten Tag zur Endstation, dem Tschutsche-See, gehen. Doch die Gruppe, noch geschafft vom Vortag, entschied sich gemeinschaftlich dagegen. Ein Teil machte sich dann auf den Weg zum Schwimmen an einem näher gelegenen See, ein anderer suchte Pilze und Beeren und der Rest blieb einfach entspannt im Lager zurück und erholte sich. Auch Spiele wurde gespielt, die nicht ohne Kontroversen verliefen. So führte die Frage, ob man seinen Kindern erlauben sollte, mit Spielzeugwaffen zu spielen, zu einer längeren Diskussion. Während sich die Kasachstaner klar dafür aussprachen, positionierten sich die Deutschen und Österreicher mehrheitlich dagegen. Dabei erfuhren die Europäer auch, dass es in Kasachstan noch so etwas wie Wehrunterricht in der Schule gibt.

Conchita Wurst in Kasachstan

Am letzten Abend fand ein buntes Programm statt, mit Gedichten, Liedern, Gymnastik, Massagekreis und Conchita Wurst. Sarah und Sabrina aus Österreich begeisterten das Publikum mit ihrer Darstellung der österreichischen Eurovision-Gewinnerin. Aleksej aus Pawlodar überraschte mit einem selbstgeschriebenen Gedicht auf Deutsch über das Sprachwandercamp, das alle Höhepunkte noch einmal zusammenfasste. Vor allem der Gopnik und die für ihn charakteristische Russenhocke wurden zum „running-gag“ in dieser Woche und am Ende ein Merkmal für den Grazer Levin. Auch der „tajnij drug“ wurde aufgelöst. Jeder in der Gruppe hatte einen geheimen Freund zugelost bekommen, der ihm während der Woche eine kleine Freude machen sollte.

Es wurde oft geflucht während des Sprachwandercamps, aber auch viel gelacht. Der Wortschatz wurde auf beiden Seiten um nützliche und weniger alltagstaugliche Begriffe erweitert. Man hat ein neues Verständnis für die kulturellen Eigenheiten von Deutschen, Österreichern und Kasachstanern erhalten. Und nach einer Woche Wandern und Camping lernt man ein richtiges Bett und eine heiße Dusche ganz anders zu schätzen.

Morgengymnastik mit Lina (2.v.l.). | Bild: Gabidulla Almjenbjetow

* Gopnik – Eigenname für Jugendliche mit kleinkriminellem Lebensstil. Zu den Merkmalen der Gopniki gehören oftmals Trainingsanzüge, Alkohol auf der Straße sowie klischeemäßig eine Vorliebe für das Sitzen in der Hocke.

Othmara Glas