Kritische Distanz: In seiner Studie „Die Umkehr. Deutsche Wandlungen“ rekonstruiert der Historiker Konrad Jarausch den Weg der Deutschen zur Demokratie

Geschichtsschreibung kommt offenbar ohne Metaphern nicht aus: Wer sich die deutsche Geschichte zu veranschaulichen sucht, verfällt beinahe automatisch in räumliche Metaphern des Abwegs, des Sonderwegs oder der Umkehr. In dieser Leitmetaphorik präsentiert auch der renommierte Historiker Konrad Jarausch – in Deutschland berühmt für seine analytisch scharfe Darstellung des Einigungsprozesses – eine Rekonstruktion der deutschen Wandlungen nach 1945. Die Geschichte der deutschen „Umkehr“, so Jarauschs These, vollzog sich anhand dreier Bruchdaten: der Reeducation nach 1945, der Protestwelle um 1968 und schließlich anhand des Einigungsprozesses selbst, also um das Epochenjahr 1989/90.

Jarausch setzt in seiner Darstellung nicht nur die richtigen Akzente, er übt nicht nur Zurückhaltung bei der Bewertung und Ausgewogenheit im Urteil, sondern schreibt vor allem flüssig und zugleich konzentriert. Die Aufarbeitung des umfangreichen Materials ist rundweg gelungen, auch wenn so mancher Fachkollege über gewisse Zitationsweisen die Nase rümpfen mag: So viel Ellenbogenfreiheit ist nicht nur erlaubt, sondern ein Gebot, will die Geschichtswissenschaft nicht im Elfenbeinturm oder in den Archivgewölben des Wissenschaftsbetriebs ihr Dasein fristen. Als Geschichte der deutschen Nachkriegszeit wird diese Darstellung zum Standardwerk an unseren Schulen werden – und das kann man diesem Buch nur wünschen.

Doch wie jedes gute Buch der Geschichtswissenschaft ist auch Jarauschs Werk nicht nur eine Darstellung – es hat auch eine These, die er zu begründen und zu plausibilisieren versucht. Sie lautet: Die Umkehr der Deutschen ist im Wesentlichen gelungen. Die Deutschen sind – mit kleinen Abstrichen und trotz aller Schwierigkeiten – auf dem richtigen Weg. Diese These mag zunächst wenig Widerspruch hervorrufen, ja sie spiegelt sicher auch ein neues Selbstverständnis wider. Zwar droht die Selbstdistanz und Selbstkritikfähigkeit der Deutschen bisweilen in langatmiges Lamentieren abzugleiten, letztlich stellt sie jedoch einen Gewinn und ein Anzeichen von Zivilisiertheit dar. Deutschland ist nicht mehr gefährlich und die Demokratie nicht ernstlich gefährdet. Der Institutionenrahmen funktioniert, die Verfassung steht nicht mehr zur Diskussion. Deutschland und die Deutschen sind berechenbar geworden.

Natürlich rekonstruiert Jarausch die Nachkriegsgeschichte nicht als eine bloße Erfolgstory, sondern aus der kritischen Distanz des Historikers. Er ist sensibel genug, um auch die mehr oder minder offene Fremdenfeindlichkeit als das zu interpretieren, was sie ist: ein Anzeichen für Barbarei und Provinzialität. Auch für Jarausch bleibt die deutsche Zivilgesellschaft kein ein für allemal erreichtes Ziel, sondern sozusagen die regulative Idee einer beständigen Entwicklung: Auch die Deutschen sind immer nur unterwegs zur freien Bürgergesellschaft.

Doch auch wenn man Jarausch in der zentralen These zustimmen wird, so scheint an einem Punkt Widerspruch angezeigt: Ja, es stimmt, die Deutschen haben durch die doppelte Diktaturerfahrung ein sensibles Sensorium für undemokratischen Spuk, und sie haben ein relativ starkes Bekämpfungsinstrumentarium gegen antidemokratische Gruppen entwickelt. Die negative Bezugsgröße ist in der Tat die Erfahrung des Totalitarimus. Aber offenbar fordern die Deutschen mehr von ihrem Staat: Wohlstand.

Jarausch selbst räumt ein, dass zumindest in Ostdeutschland „zwar die Institutionen formal funktionieren, aber eine von Performanz unabhängige Bindung noch aussteht“. Diese Diagnose ist richtig: Schon während des Einigungsprozesses wurzelte der eigentliche Handlungsdruck in der Forderung nach der ökonomischen Performanz des demokratischen Systems: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr!“ Diese Devise ist sicherlich legitim für Menschen, die über 40 Jahre auf den Massenkonsum verzichten mussten. Aber für die Bürgerrechtler blieb diese „Wende in der Wende“ eine harte Enttäuschung, weil sie schonungslos offenbarte, wo die Prioritäten lagen. Freiheit hieß und heißt offenbar für viele Deutsche: Freiheit des Konsums. Es ist äußerst zweifelhaft, dass diese Hierarchisierung in Westdeutschland wirklich anders ist.

Auch hier wuchs das Ansehen der Demokratie mit dem Bruttosozialprodukt in den Zeiten des Wirtschaftswunders, das beschreibt Jarausch selbst sehr plastisch. Aber die Politik wird nun den Geist, den sie rief, nicht mehr los: Die Legitimation des politischen Systems gerät in Schwierigkeiten, wenn das Wachstum ausbleibt. Die Bundesrepublik ist zwar ein Sozialstaat und die Toleranz echten Elends daher nichts weniger als ein Verfassungsbruch. Aber die Bundesrepublik ist eben ein politisches, kein ökonomisches Gebilde, auch wenn der neue Präsident aufgrund seiner ökonomischen Kompetenzen gewählt wurde und der Bundeskanzler auf seinen China-Reisen bisweilen den Eindruck eines Handelsvertreters erweckt. Dass sich ein Gemeinwesen oder zumindest eine Regierung über ökonomischen Erfolg definiert, mag auch in anderen Demokratien üblich sein – demokratisch muss diese „Legitimation durch Performanz“ deshalb noch lange nicht sein. Politikverdrossenheit ist dann vorprogrammiert.

Man könnte darüber nachdenken, ob eine „Umkehr der Deutschen“ nicht auch eine Abkehr von einem Staatsverständnis beinhalten müsste, demzufolge das politische System immer weiter wachsende ökonomische Performanz produzieren muß. Jarauschs spannendes Buch lädt an diesem Punkt zur Diskussion ein.

Jarausch, Konrad, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995, DVA, gebunden.