Edgar Seibel (31) hat nach jahrelangen Recherchen sein Buch „Der Davidstern über der Wolga“ veröffentlicht. Es behandelt ausführlich Gemeinsamkeiten von russlanddeutschen Spätaussiedlern und jüdischen Kontingentflüchtlingen, bis hin zu engsten familiären Beziehungen seit der Zarenepoche, und zeigt auch eine Liste bekannter Persönlichkeiten, die aus deutsch-jüdischen Familien stammen.

Auf das Thema gekommen sei Seibel durch immer wieder aufkeimende Fragen von Spätaussiedlern in Foren wie etwa auf wolgadeutsch.net. „Ich erinnere mich, da war so eine Frau, die einfach nicht glauben konnte, dass ihr Urgroßvater, ein gewisser Salomon Rosenzweig oder so ähnlich, aus einer christlichen wolgadeutschen Familie stammte. Egal, was ihre Familie ihr einzureden versuchte, sie glaubte es nicht und forschte weiter, stellte Fragen. Obwohl sogar im Sowjet-Pass dieses Uropas stand: Deutscher nach Abstammung… Man muss dabei erwähnen, dass in der Sowjetunion pedantisch auch noch die jeweilige ethnische Abstammung eines Bürgers mit eingetragen wurde. Und Juden galten dort ebenfalls als Ethnie, als Hebräer. Religion spielte keine Rolle. Was ich dann herausfand, ist aber: Dass vor einem sogenannten ‚Hebräer-Erlass‘ der deutschstämmigen Zarin Katharina II. Juden aus dem Westen sehr wohl die Möglichkeiten hatten, zu konvertieren, und so als deutsche Christen nach Russland gelangen konnten.“

Streitgespräch mit einem Historiker

Ein weiterer Ansporn für den Autor war ein kleines Streitgespräch mit einem Historiker in Kasachstan während einer von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. organisierten Reise im Jahr 2014. „Als ich ihn auf das Thema ansprach, reagierte er gereizt. Er meinte, beide Gruppen, Wolgadeutsche und die russischen Hebräer, hätten nicht viel füreinander übrig und es habe niemals Juden in den autonomen Regionen der Russlanddeutschen gegeben. Zum Schluss erinnerte er mich auch noch an den Propaganda-Journalisten jüdischer Herkunft Ilja Ehrenburg, der während des Krieges gegen die deutschen Angreifer hetzte.“

Wenige Jahre später fand Edgar Seibel – eigentlich Werbetexter und Übersetzer, der Geschichte zwar nicht an einer Hochschule, aber autodidaktisch studiert hat und Sohn eines ehemaligen Schulleiters und Historikers aus Sibirien ist –, dass gar nichts von dem, was ihm der Herr in Kasachstan gesagt hatte, wirklich stimmt. Seibel fand heraus, dass Ilja Ehrenburg Post von einem verzweifelten wolgadeutsch-jüdischen Mädchen namens Valeria Dimowa erhielt und sich beide zu einer Diskussion trafen, des Weiteren dass russlanddeutsche Kulturschaffende wie der Komponist Alfred Schnittke oder die Schauspielerin Tatjana Peltzer jüdische Wurzeln hatten (so auch der amtierende Präsident Lettlands Egils Levits, der in Deutschland studiert hat), dass es in der Ukraine eine Kolonie namens Neu-Goldstadt (Nowo-Slatopol) gab, in der Juden und Deutsche friedlich zusammenarbeiteten, oder dass es noch lange nach dem Krieg christlich-jüdische und judaisierende Glaubensgruppen unter den Russlanddeutschen gab, z.B. die messianischen Juden oder die so genannten „Subbotniki“.

Vom Altai nach Deutschland

Die Familie Seibel ist im Oktober 1998 aus dem Altaigebirge in Westsibirien nach Deutschland gekommen und ließ sich in Hallenberg im Sauerland nieder; ursprünglich stammten ihre Vorfahren zum Großteil aus den noch heute bestehenden Gemeinden Stahlberg (Donnersbergkreis, Rheinland-Pfalz) und Spielberg-Brachttal (Hessen).
Das Buch „Davidstern über der Wolga“ ist als Hardcover– und Taschenbuch-Ausgabe auf bekannten Plattformen wie Amazon erhältlich.

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