Markus Niedobitek

Zehn Monate als DAAD-Sprachassistent im kirgisischen Osch liegen hinter mir. Zum Abschluss meiner Zeit in Zentralasien reise ich fünf Wochen lang durch Kirgisistan und Kasachstan. Von Osch aus fuhr ich per Sammeltaxi und Marschrutka, einem Minibus vom Typus Mercedes Sprinter, nach Taschkumir, wo ein amerikanischer Friedenscorps-Freiwilliger wohnt, bei dessen Gastfamilie ich übernachten konnte. Taschkumir ist eine verlassene ehemalige sowjetische Minengegend, die heutzutage lediglich den Charme von Öde und Tristesse versprüht. Die Wasserversorgung in den Plattenbauten ist schon seit längerer Zeit auf zwei Stunden pro Tag reduziert worden, weshalb man zwischen 18 und 20 Uhr möglichst zuhause sein sollte, falls man sich warm (oder auch nur kalt) duschen möchte. An die Sowjetzeiten erinnern auch noch die in ländlichen Regionen selten aufzufindenden Sitzklos, die aber aufgrund der geschilderten Situation nur in der entsprechenden Zeit am Abend genutzt werden sollten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch: Wer es schafft, verlässt das Dorf und versucht sein Glück in Bischkek (oder wenigstens Osch), ansonsten gibt es kaum Perspektiven.

Nach einer Nacht sollte es weiter ins deutlich beschaulichere Toktogul gehen: Ich stelle mich an den Taxistand in Tashkumir, um irgendwie weiter gen Norden zu gelangen. Wie befürchtet, stellt sich dies als schwieriges Unterfangen heraus, und so warte ich mehrere Stunden, bis ich ein Taxi finde. Der Fahrer nimmt mich für umgerechnet zwei Euro in die nächstgelegene größere Stadt mit und schenkt mir nebenbei zahlreiche Aprikosen. Von dort komme ich per Marschrutka problemlos nach Toktogul, das sich in Laufnähe des gleichnamigen Stausees befindet. Das Städtchen liegt etwa auf halber Distanz zwischen Osch und Bischkek und eignet sich deshalb perfekt als Zwischenstopp für diejenigen, denen die zehn- bis zwölfstündige Reise per Auto von Osch nach Bischkek etwas zu viel an lauter kirgisischer Popmusik, Gesprächen über deutsche Autos sowie waghalsigen, mitunter lebensbedrohlichen Überholmanövern ist.

Nach einem kurzen Aufenthalt im malerischen Chychkan-Tal fahre ich per Anhalter weiter nach Norden. Ich treffe Fahad, einen pensionierten Piloten aus Saudi-Arabien, der alleine per Mietwagen das Land erkundet. Wir sind uns sofort sympathisch und es ist angenehm, sich nach langer Zeit mal wieder auf (gutem) Englisch unterhalten zu können. Fahad nimmt mich also in seinem kleinen, nicht gerade geländetauglichen Auto mit und erzählt mir stolz, dass er nur 20 Dollar pro Tag für die Miete bezahle. Alle meine Angebote, mich an den Benzinkosten zu beteiligen, schlägt er aus, und so fahren wir gemeinsam von Suusamyr nach Kyzyl-Oi. Eigentlich wollen wir von dort weiter zum berühmten Song-Köl, dem zweitgrößten See in Kirgisistan. In einem Dorf frage ich nach dem Weg, doch als die Bewohner das Auto sehen, legen sie uns nahe, eine andere Destination für unsere Reise zu wählen, da es mit dem Auto unmöglich sei, den Pass zum See zu überqueren.

Wir fahren zurück Richtung Suusamyr und steuern den Bauernhof einer Familie an, bei der Fahad zuvor bereits einmal übernachtet hatte. Dort könne man für umgerechnet vier Euro eine bescheidene, aber gemütliche Schlafgelegenheit erhalten. Der einzige, aber folgeschwere Haken an der Sache: Der Bauernhof liegt hinter einem kleinen Fluss. Ohne groß nachzudenken versucht Fahad, mit dem nur minder geländetauglichen Auto den Fluss zu durchqueren. Als wir schon fast auf der anderen Seite sind, schwappt eine riesige Welle Wasser in den Motor. Der Wagen geht sofort aus; jegliche Versuche, ihn wieder zu starten, sind erfolglos. So stehen wir kurz vor dem Bauernhof und wissen nicht weiter. Zum Glück kommt ein Bekannter von Fahad vorbei, der sich als Familienvater und Besitzer des Bauernhofes herausstellt. Fahad bittet ihn händeringend um Hilfe, und kurze Zeit später trifft ein riesiger Abschleppwagen ein und bringt den Wagen ins nächstgelegene Dorf.

Ohne Auto laufen wir die restliche Strecke zum Hof und machen es uns in einer Art Container gemütlich. Die Wände bestehen aus zusammengepressten Holzspänen und auf dem Boden liegen zahlreiche bunt verzierte Decken, von denen die zwei dicksten als unsere Betten fungieren. Aufgrund der Strapazen schlafen wir schnell ein und machen uns am nächsten Tag auf den Weg ins Dorf, wo das lädierte Auto vorübergehend geparkt ist. Es gibt eine kleine Werkstatt und Fahad setzt alle Hoffnung daran, dass sie es dort schaffen, den Wagen wieder in Gang zu bringen. Da Fahad kein Wort Russisch oder gar Kirgisisch spricht, kommt mir nun die Aufgabe zu, als Dolmetscher zwischen einem aufgeregten Saudi, der übrigens nie den vorgeschlagenen Preis akzeptieren wollte, und geschäftstüchtigen Kirgisen, die sich ob Fahads Nationalität sicher waren, dass es sich bei ihm um einen Millionär handelt, zu vermitteln. Nach einigen Stunden stellt sich heraus, dass die Werkstatt nichts für den Wagen tun kann. Da sich Fahads Autovermietung in Bischkek befindet, ist er wohl oder übel dazu gezwungen, den Wagen mithilfe eines Abtransporters bis in die etwa 200 Kilometer entfernte Hauptstadt bringen zu lassen. Fahad und der Fahrer einigen sich nach einigem hin und her auf einen Preis von umgerechnet 100 Dollar, und so fahren wir gemeinsam auf dem Vordersitz des riesigen Abschleppwagens über einen mehrere Kilometer hohen Bergpass auf teils ungepflasterten Straßen. Noch in Suusamyr kauft der Fahrer zahlreiche Flaschen kymys, gegorene Stutenmilch, das kirgisische Nationalgetränk, und händigt diese auf der Fahrt immer wieder Polizisten aus, die an Kontrollpunkten Geschwindigkeitsüberprüfungen durchführten.

Nach etwa vier Stunden kommen wir endlich in Bischkek bei der Autovermietung an, und was ich schon befürchtet hatte, soll sich bewahrheiten: Kompletter Motorschaden, keine Aussicht auf Reparatur. Fahad ist geknickt, nimmt es dann aber doch irgendwie gelassen hin, und wir verabschieden uns mit einer herzlichen Umarmung.

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