Ich hatte nie was mit der Kirche zu tun, außer dass ich in der Stadt mit der größten und schönsten gotischen Kirche aufgewachsen bin. Der Kölner Dom! Ja, und ansonsten hat mir die Kirche an sich auch nie wirklich gefehlt.

Bis ich dann irgendwann ans Jobben kam, um mein Studium zu finanzieren. Es sollte nicht irgendein Job sein, wenn schon Jobben, dann sinnvoll und sozial. Gut gemeint, richtig gedacht, allein die Umsetzung scheiterte. Der Grund? Ungetauft. Päng!

Ich musste feststellen, dass sich hinter jeder sozialen Einrichtung eine Kirche mit allzu strengen – um nicht zu sagen unsozialen oder unchristlichen – Regeln verbirgt. Mit Protest und Empörung kam ich nicht weiter. Schließlich führte mich aber meine Hartnäckigkeit zu einer Pflegedienstleiterin, die erstens kraft ihrer Logik auch nicht einsah, Heiden das Pflegen zu verbieten, die sich zweitens trotz ihres Glaubens vor Gott die kleine Lüge verzieh, dass ich getauft sei, und die drittens aus der Not ihres Amtes den Pflegenotstand beheben musste.
So wurde ich also an den strengen Vorschriften vorbeigeschleust, quasi „undercover“ eingestellt und landete inmitten vieler Nonnen. Meine erste Reaktion: Panik! Mit der Zeit ließ die Panik ein wenig nach, was ich vor allem Schwester Gertrudis verdanke, die allerhand technisches Gerät gehortet hat, ständig Werbeprospekte durchblätterte, mit der Pumpgun im Spielzeugformat auf die Tauben schoss, sämtliche Pflanzen mit der Gartenschere ermordete und dabei auf der ganzen Station Blumenerde verteilte. Wenn es ans Aufräumen ging, musste sie schnell zum Beten, und der Schlamassel blieb an mir hängen.

Aber selbst Schwester Gertrudis durfte auf gar keinen Fall erfahren, dass ich ein Heidenkind bin. Da der Alltag einer Nonne zu 99 Prozent aus religiösen Taten und Worten besteht, auf die ich bis heute nicht fachkundig reagieren kann, rechnete ich mir eine sehr große Wahrscheinlichkeit aus, dass unser Schwindel früher oder später auffliegen würde. Und wenn die Nonnen zornig werden, dann Gnade mir Gott!

Jedenfalls bin ich mit heiler Haut davongekommen. Wer weiß, was ich alles falsch gemacht habe, aber an zwei Taten kann ich mich bestens erinnern: Es gehörte zu meinem Job, die Rollstuhlfahrer sonntags in die Kapelle zu bringen. Abgesehen davon, dass die Heimbewohner gar nicht dorthin wollten, weil es dort so langweilig und kalt sei, ob sie nicht lieber zum Bingo könnten. Ja, und ich musste das wieder ausbaden, wenn sie sich einen Schnupfen holten, weil der Heimpastor so gerne, aber auch so langsam sprach und sang und sich niemand wehren konnte. Da ich nicht weiß, wie man sich in einem Gottesraum bewegt, hielt ich es für besser, mich möglichst kurz dort aufzuhalten, stellte die Leute schnell irgendwo ab und verschwand wieder. Wieso sie alle an einer bestimmten Stelle ihren rechten Arm nach links hin ausstreckten, wunderte mich zwar, aber na gut.

Das Geheimnis lüftete sich erst, als ich eine Bewohnerin hatte, die sprechen konnte. „Schwester, Sie haben mich an dem Weihwasserbecken vorbei geschoben!“ Au weia, 20 Sonntage lang 15 Bewohner ungeweiht in der Kirche stehen lassen, das hätte Ärger gegeben, wenn ich erwischt worden wäre! Ein anderes Mal hieß es: „Heute ist Palmsonntag!“ In manchen Momenten ist keine Reaktion besser als irgendeine. Was, um Himmels Willen, sagt oder tut man an Palmsonntag?! „Du weißt, was du zu tun hast!“ Ich geriet in Panik. Da legte mir die Nonne einen Sack voll grüne Zweige und ein Staubtuch in die Hände und verschwand. Da kam grad die Tochter einer Bewohnerin daher, und ich versuchte, relevante Reaktionen aus ihr herauszulocken. „Heut ist Palmsonntag!“ raunte ich ihr geheimnisvoll zu. Sie zuckte zusammen und flüsterte: „Ich bin nicht getauft. Ich weiß nicht, was das heißt.“ Ich war erleichtert, aber damit auch nicht schlauer. Da wir zwar beide keine Christen, aber gute Detektive sind, haben wir erschlossen, dass man wohl die alten Palmwedel von den Jesuskreuzen in den Zimmern nehmen, Jesus abstauben und einen neuen Palmenzweig anbringen müsse. Das tat ich dann, blieb dabei unbeobachtet und weiß bis heute nicht, ob das tatsächlich der Auftrag war. Jedenfalls warf ich nach getaner Arbeit erleichtert und froh die Plastiktüte mit den alten Wedeln in die Mülltonne. Das war ein Fehler! Die nächstbeste Nonne, der ich begegnete, fragte: „Wo sind denn die Palmenzweige?“ „Hab ich schon angebracht.“ „Nein, die alten.“ Da sagte ich mir, sagste jetzt mal besser nichts. Gott sei Dank sagte die Nonne was: „Die darf man ja nicht wegwerfen, die sind geweiht und müssen verbrannt werden.“ Auf leisen Sohlen schlich ich zur Mülltonne und fischte möglichst unauffällig die Tüte wieder raus. Das war dann gerade noch mal gut gegangen.

Meine Angst im Umgang mit Kirchen wurde nicht gerade dadurch besser, dass ich in Russland von einem Mütterchen mit ihrem Stock bedroht wurde – plötzlich brauchte sie den Stock gar nicht mehr, um sich abzustützen – weil ich irgendwas falsch gemacht hatte. Immer noch bin ich bemüht, der Kirche auszuweichen, was schade ist, da ich mir schrecklich gerne Gotteshäuser ansehe, Synagogen, Moscheen, orthodoxe Kirchen, Tempel, einfach aus kulturellen und architektonischen Gründen. Aber jedes Mal habe ich höllische Angst, vom Blitz oder einem gläubigen Mütterchen erschlagen zu werden. Im besten Falle zieht mich eine Nonne an den Ohren, was ich aber auch lieber vermeiden würde.

Julia Siebert

04/04/08

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