Das Deutsche Kulturzentrum Karaganda war in den 1990er Jahren ein Hort der russlanddeutschen Kultur in Kasachstan. Die ehemalige Leiterin des Kulturzentrums, Julia Hoffmann, traf sich in Montabaur (Rheinland-Pfalz) mit über 40 ehemaligen Teilnehmern der Kulturgruppen, um auf die „Spuren der Geschichte des Deutschen Kulturzentrums Karaganda“ der 1990er Jahre zu gehen.

„Das Treffen mit meinen ehemaligen Schülern, Teilnehmern der Kulturgruppen „Blumengruß“ und „Volksquelle“, hat mich wiederholt in die 1990er Jahre versetzt, als das Deutsche Kulturzentrum Karaganda einen beachtlichen Beitrag zur Dokumentation und Entwicklung der russlanddeutschen Kultur leistete und landesweite bis internationale Bekanntheit erlangte. In solchen Augenblicken wird einem bewusst, dass die Bemühungen und das Engagement des eigenen Lebens nicht umsonst waren, dass man dadurch in den Seelen der damaligen Kinder Spuren hinterlassen hat, die noch Jahrzehnte danach im besten Sinne des Wortes nachwirken“, sagt Julia Hoffmann. Die ehemalige Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Karaganda und über 40 ehemalige Teilnehmer der deutschen Gesangs– und Tanzensembles, heute in vielen Bundesländern beheimatet, trafen sich im Gemeindehaus Montabaur in Rheinland-Pfalz, um auf die „Spuren der Geschichte des Deutschen Kulturzentrums Karaganda“ der 1990er Jahre zu gehen.

Die Initiative zur Organisation des Treffens nach über 20 Jahren ergriff Marina Samonina, die zum Kinder– und Tanzensemble „Blumengruß“ des Deutschen Kulturzentrums Karaganda gehörte. Noch in der alten Heimat hat sie sich zur Tanzleiterin ausbilden lassen und arbeitet in Montabaur in ihrem erlernten Beruf. „Ich bin in die Fußstapfen meiner ehemaligen Tanzlehrerin Julia Hoffmann getreten. Sie hat ihre Begeisterung, ihre Leidenschaft für den Tanz auf uns übertragen“, sagt Marina. Bei den Vorbereitungen zum Treffen wurde sie von ihrer ganzen Familie (Schwester, Tochter und Eltern) sowie Vitali Weiß und Witali Nesow tatkräftig unterstützt.

„Das war eine sehr schöne Zeit. Auch wenn es nur ein Jahr dauerte, so bleibt es das ganze Leben in Erinnerung.“
Natalia und Eugen Baun, „Blumengruß“

Programm des deutschen Gesangs– und Tanzensembles „Blumengruß“ 1990.
Programm des deutschen Gesangs– und Tanzensembles „Blumengruß“ 1990.

Die Erinnerungen an die vielfältigen Aktivitäten im Deutschen Kulturzentrum standen im Mittelpunkt des Treffens voller Emotionen und anregender Gespräche. Eine Bildergalerie fasste die schönsten Augenblicke jener Jahre zusammen. Die Versammelten waren Ende der 1980er Anfang der 1990er Jahre entweder noch Kinder, die im Kinder– und Tanzensemble „Blumengruß“ tanzten, oder Jugendliche, die im Jugendgesangs– und Tanzensemble „Volksquelle“ aktiv waren. Die meisten sind in den 1990er Jahren mit ihren Familien nach Deutschland gekommen, haben hier studiert, sich neu orientiert oder sind in den erlernten Beruf eingestiegen.

Julia Hoffmann, die seit über zehn Jahren mit anderen Gleichgesinnten im Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Deutschen in der Stadt und im Gebiet Karaganda stand, kam 1996 nach Deutschland. Zuvor hatte die studierte Choreographin und Regisseurin in Kasachstan gearbeitet. In den 1980er Jahren war sie als Abteilungsleiterin für Volkskunst an das wissenschaftlich-methodische Gebietszentrum Karaganda berufen worden und hatte damit ihre Glückskarte gezogen.

„ Wir hatten eine wunderbare Jugendzeit, die bleibt für immer in Erinnerung. Schade, dass unsere Kinder das nicht kennen lernen durften.“
Wera Schurawljowa, „Blumengruß“

Schon seit 1987 nahm sie engagiert den Aufbau des Deutschen Kulturzentrums Karaganda (1992 offiziell registriert) in Angriff und gründete bald darauf die Kulturgruppen „Blumengruß“ und „Volksquelle“. Auch engagierte sie sich mit Erfolg als Regisseurin großangelegter Kulturveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern (z.B. in Kostanai, Orenburg oder Karaganda) und führte Regie bei mehreren Festivals der deutschen Kultur im Gebiet Karaganda und in anderen Regionen des Landes. Ohne kulturelle Aktivitäten konnte sie sich ihr Leben auch in Deutschland nicht vorstellen. So kam es 1997 unter anderem zur Gründung des Kulturvereins „Goldene Brücke“ im niedersächsischen Rotenburg/Wümme. Mit ihrem Videovortrag unter dem Motto „Keine Zukunft ohne Vergangenheit“ und der Videoübersicht „Das sind wir“ entführte Julia Hoffmann ihre ehemaligen Schüler in die 1990er Jahre.

Das Gebiet Karaganda, wo vor der massenhaften Auswanderungswelle Anfang der 1990er Jahre 143.000 Deutsche lebten [1994 waren es 80.000, Anm. d. Redaktion], hatte einen besonderen Stellenwert im Bereich Kultur. 1960/1961 gründete sich in Kostanai das erste deutsche Nachkriegsensemble „Hand in Hand” und 1968 wurde in Karaganda das deutsche Berufsestradenensemble „Freundschaft” ins Leben gerufen. 1980 eröffnete das Deutsche Schauspieltheater in Temirtau, das als Wanderbühne der zerstreut lebenden Russlanddeutschen dem deutschen Kulturleben neue Impulse verlieh.

Teilnehmer der Kulturgruppen „Blumengruß“ und „Volksquelle“ 1994.
Teilnehmer der Kulturgruppen „Blumengruß“ und „Volksquelle“ 1994. | Fotos: Julia Hoffmann, Marina Samonina, Galina Vicentij.

Federführend in der Wiedergeburtsbewegung der russlanddeutschen Kulturtradition nach Beginn der Perestroika 1985 waren die „Kreative Werkstatt für deutsche Volkskunst“ und das „Deutsche Gebietskulturzentrum“ in Karaganda. Mit der „Kreativen Werkstatt für deutsche Volkskunst“ (Koordination und Leitung: Julia Hoffmann), die 1987 in Karaganda gegründet wurde, fing alles an. Die Werkstatt hatte die Aufgabe, die deutsche Volkskunst zu erforschen, zu dokumentieren, zu fördern und zu propagieren. Um die Choreografin Julia Hoffmann und den Musiker Johann Windholz sammelte sich ein engagiertes Team von Gleichgesinnten. Eine spürbare Unterstützung erhielt die Werkstatt durch das deutsche Fernsehprogramm „Guten Abend!“ aus Kasachstan (Leiterin: Rosa Steinmark): Die deutschen Kulturgruppen waren ständige Gäste der Sendung und propagierten live die deutsche Volkskunst.

„ Wir danken für die besten Jahre unseres Lebens. Für die Möglichkeit, die Welt zu erleben, interessante Menschen kennen zu lernen und zu sich selbst zu finden.“
Elena Kratz und Alexej Sadtschenko, „Volksquelle“

Vorgesehen waren die wissenschaftlich-methodische Unterstützung, die Organisation und Förderung der deutschen Laienkunst– und Folkloregruppen, die Durchführung von theoretischen und praktischen Seminaren, Erfahrungsaustausch, Weiterbildung, Konzerttätigkeit und andere Förderungsmaßnahmen. Über die Tanzseminare im Bildungs– und Informationszentrum Luberzy/Mamontowka bei Moskau, durchgeführt im Auftrag des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland e.V.) für die deutschen Kulturleiter, wurden Kontakte zu regionalen Kulturstätten landesweit und zu Deutschland geknüpft. Julia Hoffmann wurde oft als Referentin zu Seminaren in andere Teile der Sowjetunion eingeladen, etwa nach Kiew, Barnaul, Omsk, Anapa und mehrfach nach Moskau. Das Kulturzentrum praktizierte auch Tage der deutschen Kultur und Festivals der deutschen Volkskunst im Gebiet Karaganda.

Als Folge dieser vielfältigen Aktivitäten waren vielerorts neue Volkskunstgruppen entstanden. Speziell für die neuen Kulturgruppen wurden Modelle der Bühnentrachten kreiert, die sich auf die Stilistik der traditionellen deutschen Trachten bezogen, gleichzeitig aber Elemente aufnahmen, die auf die Entwicklung und Tradition der Russ-landdeutschen zurückgingen.

Aus Kindern der Schule Nr. 35 gründete Julia Hoffmann zusammen mit dem Musiklehrer Ewald Kuck 1987 das deutsche Kinderensemble für Gesang und Tanz „Blumengruß“. Die Schule lag im Stadtbezirk, der im Volksmund „Berlin“ hieß, wo damals noch über 40 Prozent Kinder aus russlanddeutschen Familien lernten. Für die nächsten Jahre wurde die Schule zum Grundstein vieler Kulturinitiativen, die aus Karaganda ausgingen.

Die Organisatoren stellten sich die Aufgabe, den Kindern das russlanddeutsche Lied– und Tanzgut beizubringen. Schon bald konnte das Ensemble ein beeindruckendes Programm mit deutschen Volksliedern und Volkstänzen vorlegen, das die Gruppe auf verschiedenen Bühnen in Karaganda und in der Fernsehsendung „Rundschau“ präsentierte. „Blumengruß” war Teilnehmer der Festivals der deutschen Kultur in Orenburg, Kustanai, Karaganda, im Wolgagebiet, in Omsk, Moskau und Alma-Ata. 1993 reiste das Ensemble zum Volkstanzfest nach Deutschland.

„ Die Reisen und Auftritte in Moskau, Wolgograd, Deutschland und an anderen Orten bleiben unvergesslich. In meinem Leben spielt der Tanz immer noch eine große Rolle.“
Olga Jaufmann, „Blumengruß“.

1989 wurde das Jugendfolkloreensemble „Volksquelle“ mit einer Instrumentalgruppe, Tänzern und Sängern ins Leben gerufen. Es wurden Konzertblocks eingeübt, die die Volkskunst der Wolgadeutschen beziehungsweise anderer Russlanddeutscher präsentierten. Mit diesen Konzertprogrammen trat „Volksquelle“ in den nächsten Jahren auf verschiedenen Veranstaltungen, Festivals und Tagen der deutschen Kultur auf, die in den Städten Russlands und Kasachstans durchgeführt wurden: darunter Omsk, Samara, Wolgograd, Orenburg, Karaganda oder Kustanai. 1994 reiste „Volksquelle“ auf Einladung des West-Ost-Kulturwerks e.V. nach Bonn zum traditionellen Fest „Bonner Sommer“.

Die Tänzer beider Kulturgruppen waren Teilnehmer des Festivals der deutschen Volkstanzkunst 1992 in Karaganda, dem ersten und einzigen dieser Art – zu den Teilnehmern zählten auch 20 Tanzleiter aus Deutschland. Beide Ensembles tanzten auch auf dem 4. Internationalen Festival der deutschen Kultur an der Wolga 1994 mit Gala-Konzerten in Samara, Uljanowsk, Wolgograd und Saratow.

Im Laufe des Treffens war immer wieder zu hören, wie viel den Teilnehmern diese Zeit gebracht und auch später bedeutet hat. Wie sie auch ihr weiteres Leben positiv beeinflusst und nicht zuletzt auch die Integration in Deutschland erleichtert hat. Auch die Eintragungen in das Erinnerungsheft bestätigen das.

„ Herzlichen Dank für die schöne, prägende Zeit in meiner Jugend. Diese Erfahrung, die Begeisterung für den Tanz und die Kunst begleiten mich durch das Leben, auch wenn ich nicht mehr aktiv dabei bin“
Irina Hilgenberg, „Volksquelle“.

„Julia sprudelte nur so von Ideen und Energie, sie leistete ihre Arbeit mit vollem Engagement und Verantwortung. So konnten wir klein und groß mit Liebe zur deutschen Kultur anstecken. Wir haben vielen russlanddeutschen Künstlern, aber auch Laienkünstlern die Möglichkeit gegeben, sich zu verwirklichen“, schreibt Helena Preis („Volksquelle“), damals „rechte Hand“ von Julia Hoffmann – sie sang im Ensemble und leitete die Kinder-Sonntagsschule des Deutschen Kulturzentrums.

Unter dem Motto „Endlich mal wieder richtig tanzen!“ ging es auch so richtig zur Sache. Tanz der Bierbrauer, Hopsa Polka, Stern-Polka, Israelischer Tanz, Amerikanische Promenade und weitere internationale Tänze in unterschiedlichen Tanzvariationen unter Anleitung von Julia Hoffmann und Marina Samonina erzeugten eine unvergessliche Stimmung. Davon nahm jeder ein Stück mit nach Hause in der Hoffnung auf ein neues Treffen – gemeinsam mit den Sängern und Instrumentalisten der beiden Kulturgruppen.

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