Anne Klemm (22) aus Deutschland studiert für ein Semester an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty. Für die Leser der DAZ notiert sie ihre Alltagsbeobachtungen in Kasachstan. Dieses Mal hat sie Almaty für ein paar Tage verlassen und sich auf eine „Pilgerreise“  nach Turkistan begeben.

Freitagnachmittag. Das Wochenende steht vor der Tür. Die nächsten 2 Tage und Nächte werde ich in einem Bus verbringen. Mit mir reist eine größere Gruppe von Studenten und Familien aus Almaty. Der Plan ist, Teile Südkasachstans zu entdecken – Taras, Schimkent und Turkistan sind die Hauptziele. Wir werden einige Mausoleen und Ausgrabungsstätten besichtigen, die zu der Blütezeit des Handels auf der Seidenstraße große Bedeutung hatten. Heute zählen einige von ihnen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Vorbei an Almatys Banken, Schönheitssalons, exklusiven Kleidungsgeschäften, zahlreichen Universitäten und Museen fahren wir Richtung Westen und verlassen die Stadt. Bevor es dunkel wird, lässt sich die Weite der Steppe bereits erahnen. Um zwei Uhr nachts (!) kommen wir zu unserem ersten Haltepunkt: dem Mausoleum Aulie-Ata in Taras. Uns erwartet bereits Rosa Golubewa, eine enthusiastisch und anschaulich erzählende ältere Dame, die uns cirka eine Stunde durch das menschenleere Taras begleitet. Rosa schafft es, uns sehr für die Stadt und ihre Legenden und Geschichten zu begeistern. Taras war einst ein florierendes Handelszentrum an der großen Seidenstraße. Leider ist von der alten Stadt, wie sie einmal bestand, kaum etwas übrig geblieben. Sie wurde mehrmals erobert und zerstört. Unter anderem auch von den mongolischen Truppen Dschingis Khans.

Um vier Uhr morgens steigen wir am Mausoleum Aischa Bibis aus. Aischa Bibi, der Braut von Karachan, dem Herrscher von Taraz im 11. und 12. Jahrhundert, wurde hier ein Denkmal gesetzt. Die unglückliche Liebesgeschichte von Karachan und Aischa Bibi ist landesweit bekannt. Nach weiteren drei Stunden kommen wir schließlich zum Frühstück in Schimkent, der inoffiziellen Hauptstadt Südkasachstans, an. Das Flair der Stadt erinnert bereits sehr an Usbekistan. Taschkent liegt nur 100 Kilometer entfernt. Nach dieser Stärkung geht es weiter durch die beeindruckenden Weiten der Steppe. So weit man schaut, nichts als ebene, wüstenartige Landschaft. Diese wechselt sich zeitweilig mit Baumwollfeldern und Sträuchern ab. Wir fahren vorbei an Pferde-, Rinder-, Ziegen-, Schaf- und Kamelherden, die mitunter die Straßen queren. Hirten zu Pferd treiben sie vor der Kulisse des Gebirges zusammen. Das erinnert mich an die typischen Bilder im Reiseführer. Ich genieße es, diese Landschaft mit eigenen Augen sehen zu können. Auf der einen Seite bin ich jetzt erst richtig in Kasachstan angekommen, auf der anderen Seite weiß ich, das Land besteht nicht nur aus diesen romantischen Bildern. Der Bus hält in Otrar – in früheren Zeiten ebenfalls eine berühmte Stadt an der Seidenstraße. Im 13. Jahrhundert wurde Otrar das erste Opfer des grausamen Feldzuges Dschinigs Khans in Zentralasien. Heute kann man interessante Ausgrabungen, Reste von Gebäuden und des Stadtgrundrisses besichtigen. Von hier stammte der große Gelehrte Al-Farabi, dessen Museum wir danach auch besuchen. Wir fahren weiter nach Turkistan, dessen Ruhm mit dem Denkmalkomplex der Grabmoschee für Hodscha Achmed Jassawi – einem islamischen Propheten, Poeten und Mystiker – verbunden ist. Es ist eine der bekanntesten islamischen Wahlfahrtsstätten – drei Besuche in Turkistan sind gleichbedeutend mit einem Pilgerzug nach Mekka. Ich stelle mich vor das gewaltige Eingangsportal und lasse dieses beeindruckende Zeugnis einer mir bisher fremden Kultur auf mich wirken. Zur gleichen Zeit findet dort auch gerade eine Hochzeit statt. In Almaty sieht man oft Hochzeitspaare, hier wird es von einer anderen Atmosphäre getragen. Im Inneren des Denkmals ist ein Museum eingerichtet. Wir betreten alte Gebetsräume. Hier sind nahezu alle bedeutenden Gelehrten Kasachstans verewigt.

Auf dem Rückweg nach Almaty sind meine Gedanken bei den Sagen und Geschichten aus der Zeit, als die Seidenstraße noch eine bedeutende Handelsroute war. Ich werde mehr und mehr in diesem Land entdecken und sehr froh darüber sein, mich für Kasachstan entschieden zu haben.

Von Anne Klemm

02/11/07

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