Dagmar Schreiber arbeitet als Expertin für Tourismusentwicklung seit Juli 2008 in Almaty. Sie betreut im Informations- und Ressourcenzentrum Ökotourismus ein Netzwerk von ländlichen Gästehäusern in den schönsten Regionen Kasachstans. In ihrer DAZ-Serie stellt die bekennende Kasachstanfreundin lohnenswerte Reiseziele vor – dieses Mal die Halbinsel Mangyschlak am Ostufer des Kaspischen Meeres.

/Bild: Andrej Astafjew. ‚Über den exotischen Besuch mit den „mickrigen Jurten“ freuen sich die Kinder.’/

Ububup! Das erste Geräusch des Morgens. Danach scheint die Stille noch größer zu sein. Nicht mal der sonst allgegenwärtige Wind lässt sich hören. Der Wiedehopf muss seine Nisthöhle irgendwo oben in den Muschelkalkwänden haben. Da ruft er wieder: Ububup! Ich schiebe mich aus dem Schlafsack und öffne den Reißverschluss des Außenzelts. Die Sonne ist noch nicht über der Felswand erschienen. Ich bin nicht die erste da draußen. Igor sitzt am Feuerplatz und betrachtet rauchend die Reste des gestrigen Stör-Schaschlyks. Als er mich sieht, grinst er und winkt mich heran. Das Wasser in der Thermoskanne ist noch heiß, ich rühre mir Kaffeepulver und Trockenmilch zu einem kräftigen Aufwachgetränk.

Igor tappt zum Krokodil, wie er seinen Nissan Patrol liebevoll nennt und drückt im Inneren auf den bewussten Knopf. Ein grauenhaft lautes Weckergeräusch scheppert aus dem Auto und lässt den Wiedehopf verstummen. Pink Floyds „Time“ breitet sich wellenförmig nach allen Seiten aus, das Echo von den Felswänden ist gigantisch. Der Krach im Canyon verfehlt seine Wirkung nicht. Die Zelte öffnen sich, nach und nach kommen alle Vagabunden zum Vorschein, Schlafsäcke werden zum Lüften auf den Zelten ausgebreitet, eine Wanderungsbewegung zum Rinnsal unterhalb des Camps setzt ein.

Hilfe beim Aufbau der „mickrigen Jurten“

Igor bereitet dem Krach ein Ende, und das Ububup ertönt wieder. Unser Führer und Koch Andrej hat im Vorzelt schon das Frühstück gekocht, es gibt Hirsebrei zum Fladenbrot. Käse und Wurst haben die gestrige Hitze gut überstanden. Nur das Löffelklappern ist zu hören.

Gegen zehn sind wir auf der Piste nach Schair. Das Mittagessen nehmen wir in der Fernfahrerkneipe an der Kreuzung von Tauschik ein, dann bewegen wir uns weiter am Nordrand des Karatau entlang, mal langsam rumpelnd wegen des Zustandes der Piste, mal mit 100 Stundenkilometern über den Grund eines ausgetrockneten Salzsees rasend, eine lange Staubfahne hinter uns herziehend. An der Kamelfarm von Torysch kosten wir frischen Schubat (vergorene Kamelmilch) und Baursaki (fritierte Teigbällchen), am artesischen Brunnen vor Schair füllen wir unsere Wasserkanister auf. Wir fahren weiter zum Sommerlager von Itemgen am Fuß der Felsen von Akmyschtau. Andrej hat mit dem Kamelzüchter vereinbart, dass wir unsere Zelte unweit von dessen Lehmhütte aufbauen und einen Abend kasachischer Gastfreundschaft mit Beschbarmak genießen dürfen.

Wir sind noch nicht einmal ganz aus unseren drei Autos ausgestiegen, da haben uns schon die Kinder umringt. Staunend verfolgen sie den Aufbau unseres mobilen Dorfes. So mickrige Jurten haben sie noch nie gesehen, trotzdem kriechen sie gern in die Zelte, helfen beim Aufblasen der Isomatten und beim Verspannen der Zeltschnüre.

Hammelhirn genießen

Tolebek und Tolebai schnappen ein paar deutsche Worte auf und wiederholen sie kichernd immer wieder. Unsere Begeisterung für die Kamelkälber und die Lämmer muss ihnen komisch vorkommen, ungläubig verfolgen sie unsere Foto- und Streichel-orgie. Pascal ist der Einzige, der bei der Vollstreckung des eigentlichen Schicksals eines Lamms zugegen ist. Ihm schmeckt das Beschbarmak (kasachisches Nationalgericht aus Teigwaren, traditionell mit Pferdefleisch) trotzdem, welches nur drei Stunden nach dem Ableben des Tieres auf dem Dastarchan dampft. Das Essen ist vorzüglich, zum Glück wird nur eine einzige Runde Wodka ausgeschenkt, eher symbolisch. Der Aksakal („Weißbart“, Ältester) und sein ältester Sohn Serik trinken nicht, die fröhlichen karakalpakischen Gastarbeiter schon.

Nur einer muss an diesem Abend mehr trinken, als ihm lieb ist. Klaus, unserem Ältesten, wird die Ehre zuteil, neben dem Familienoberhaupt zu sitzen, um von ihm nach alter kasachischer Sitte mit den bes-

ten Stücken des Hammels gefüttert zu werden. Weil Klaus aus Höflichkeit das ihm nicht geheure Hammelhirn nicht ablehnen mag, spült er mit Wodka nach. Die festliche Beleuchtung der Felsen von Akmyschtau am nächsten Morgen kann er nicht so euphorisch genießen wie wir anderen.

Ein Kamel bringt mehr als zehn Touristen

Der gemeinsame Aufbau der Jurte bringt ihn aber auf andere Gedanken. Klaus darf mit dem Aksakal zusammen das Allerheiligste der Jurte, den Schangyrak (Dachkrone), emporheben, auf das alle anderen gleichzeitig möglichst viele Dachstangen in die dafür vorgesehenen Öffnungen balancieren und der Jurte damit ihren Halt geben. Die Errichtung der Jurte dauert nicht eine Stunde, wie gewisse Legenden vom Nomadenleben der Kasachen weismachen wollen. Die ganze Familie nahm teil, und doch brauchte man mehrere Stunden.

ntschuldigend darf geltend gemacht werden, dass Itemgen mehrere Knoten wieder lösen und neu binden musste, weil ich in meinem Übereifer auch etwas tun wollte und natürlich alle meine Knoten erbärmlich gerieten.)

Mittags gibt es Plow (zentralasiatisches Reisgericht mit Fleisch und Möhren), und damit hat das Lamm seine Schuldigkeit getan. Bevor wir wieder aufbrechen und – nach dem Erklimmen der Felsen von Akmyschtau – weiterfahren in Richtung des Ustjurt-Plateaus, sitzen wir eine Stunde mit den Männern der Familie zusammen und beraten, ob wir diesen Zwischenstopp auf unserer Tour auch künftig anbieten dürfen. Wir haben hier kasachisches Leben ganz authentisch erlebt, und es wäre schön, wenn auch künftige Gruppen hier ein oder zwei Tage zu Gast sein könnten. Trotz aller Risiken, die mit dem Tourismus verbunden sind und trotz der relativ geringen Einnahmen, die unser Gastgeber erwarten darf (mit dem Verkauf eines Kamels verdient er viel mehr als mit der Bewirtung und Beherbergung einer Gruppe von zehn Personen), entschieden wir uns alle dafür. Nicht zuletzt die Begeisterung der Kinder über diesen so exotischen Besuch dürfte entscheidend gewesen sein.

Armut mitten im Ölreichtum

Nicht nur die Kamele und die immer noch halbnomadische Lebensweise der Züchter sind es, die den Reiz der dünnbesiedelten Halbinsel Mangyschlak ausmachen. In keiner anderen Region von Kasachstan gibt es so viele kulturhistorische Sehens- und Merkwürdigkeiten wie hier am Kaspischen Meer: Dutzende von Nekropolen, die mit ihren hellen Muschelkalkmausoleen in der Halbwüste leuchten, zahlreiche in die Kliffe gehauene Höhlen, die fälschlicherweise als unterirdische Moscheen bezeichnet werden, in Wirklichkeit aber Meditationsstätten von Sufis (islamischen Asketen) gewesen sind und heute als Wallfahrtsorte steigende Besucherzahlen verzeichnen. Dazu die atemberaubende Landschaft des Karatau-Gebirges und des Ustjurt-Plateaus, Sanddünen, Oasendörfer und einsame Strände am Kaspischen Meer – eigentlich müsste es heißen: „Nicht weitersagen!“ Und doch führt an der Entwicklung eines sanften Tourismus hier kein Weg vorbei.

Der Bezirk Mangyschlak ist ein typisches Beispiel dafür, dass Ölreichtum allein noch kein Garant für Aufschwung und Wohlstand ist. Einerseits ist Mangyschlak eine der wichtigsten Geber-Regionen in Kasachstan, es fließt mehr ins Staatsbudget, als an Sozial- und anderen Leistungen zurückkommt. Andererseits ist die Armut hier in den Dörfern nicht zu übersehen. Die Kamelzüchter haben nichts vom Öl. Und auch der Ausbau von Kenderli zum größten mittelasiatischen Strandparadies wird an ihnen vorbeigehen. Sanfter Tourismus, der mit Hilfe der Kommunen entwickelt wird, könnte einigen Familien ein Zusatzeinkommen bescheren. Sicher wird eine Handvoll Gruppen wie die unsrige kaum etwas bewegen können. Die Einnahmen von diesen wenigen Touristen reichen nicht einmal, um gewisse Anfangsinvestitionen wie passable Toiletten, Solarduschen oder Informationstafeln zu finanzieren. Aber ein Anfang muss gemacht werden. Nur eine steigende Nachfrage vermag den Staat davon zu überzeugen, Anschubfinanzierungen bereitzustellen. Das vielbeschworene touristische Cluster fällt nicht vom Himmel.

Von Dagmar Schreiber

06/03/09

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