Die Aussiedlung nach Deutschland hat ihre Liebe zum Übersetzen verschiedener Sprachen befördert: Christine Wolf, die Goethe-Sprachassistentin am Sprachlernzentrum in Pawlodar erzählt über ihr Leben in Kasachstan und in Europa.

Christine, Sie sind seit Oktober 2014 als Sprachassistentin am SLZ Pawlodar. Wie kamen sie zu der Entscheidung, beruflich nach Kasachstan zu gehen?

Durch meine studienbegleitenden Tätigkeiten in Sommersprachcamps und beim deutsch-französischen Sekretariat habe ich festgestellt, dass mir das Unterrichten von Jugendlichen und Erwachsenen liegt. Daher bewarb ich mich kurz vor meinem Studienabschluss beim Goethe-Institut. Hier hatte ich die Möglichkeit, beruflich über den europäischen Tellerrand zu schauen. Ich bin zwar viel in Europa herumgekommen, allerdings wusste ich nicht mehr so viel über mein eigenes Geburtsland Kasachstan, da ich in dieses Land 20 Jahre lang keinen Fuß mehr gesetzt hatte. Nach meinem Studium hatte ich Zeit und Lust, fühlte mich als gebildete Europäerin und reif dazu, in mein Geburtsland zurückzugehen. Denn als Kind einer Arbeiterfamilie bekam ich mit der Umsiedlung nach Deutschland durch die staatliche Ausbildungsförderung die Möglichkeit, einen akademischen Werdegang einzuschlagen. Wahrscheinlich wäre mir so etwas in Kasachstan verwehrt gewesen. Es war mir wichtig, mein erworbenes Wissen mit anderen zu teilen. Ich wollte Deutschlerner erreichen, die es sich vielleicht nicht leisten können, nach Deutschland zu kommen. In Pawlodar gibt es viele motivierte Deutschlerner, darunter Schüler, Studenten und auch Kasachstandeutsche, die auswandern möchten. Dabei bin ich für meine Kursteilnehmer auch ein authentisches Beispiel einer Immigration und Integration: In Kasachstan geboren, in Deutschland aufgewachsen, in Europa zu Hause. Sie stellen mir oft Fragen, wie das Leben in Deutschland ist, wie ich oder meine Eltern die Auswanderung damals empfunden haben.

Und wie war die Umsiedlung damals für Sie?

Ich hatte in Deutschland, mit zehn Jahren das erste Mal ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schreibtisch und konnte endlich ungestört meine Hausaufgaben machen.

In Almaty lebten wir in einem Wohnheim, wo wir uns als fünfköpfige Familie zwei kleine Zimmer teilten. Meine Eltern mussten viel arbeiten, um drei Kinder durchzubringen. Ich musste früh selbstständig werden und mich um meinen zwei Jahre jüngeren Bruder kümmern, einen Babysitter konnten sich meine Eltern nicht leisten. Es gab schon einige Einschränkungen, die wir heute in Europa nicht mehr kennen. Süßigkeiten und andere Leckereien wurden nur zu großen Festtagen aufgetischt.

In den 90er Jahren herrschten in der ehemaligen Sowjetunion schwierige Zeiten, man war oft froh, wenn man sich mit Brot mit Butter satt essen konnte. Als wir nach Deutschland kamen, änderte sich vieles. Die Nachbarn begrüßten uns sehr herzlich und gaben uns viele Kleidungen von ihren Kindern. Wir haben uns die ersten Monate nicht an Milch satttrinken und an Würsten sattessen können. Ich fand in Deutschland alles so spannend, schrieb mich als allererstes in der Stadtbibliothek in Schwerin ein und verbrachte dort viele Nachmittage nach der Schule. In der Schule hatte ich überhaupt keine Schwierigkeiten, da ich mit meinem Bruder in Almaty eine deutsche Schule besuchte. Meine Sprachkenntnisse erlaubten es mir, für meine Eltern bei Behördengängen zu dolmetschen.

Meine Sprachmittler-Tätigkeiten nahmen mit der Zeit immer mehr Bekannte und Freunde von meinen Eltern an. Die Überwindung von Sprachbarrieren erfüllte mich dabei so sehr, dass ich mir das Ziel setzte, Dolmetscherin zu werden. Dieses Ziel erreichte ich in abgewandelter Form einige Jahre später und wurde Fachübersetzerin. Als wir nach Deutschland kamen, war ich jung, dennoch begriff ich damals relativ schnell, dass in meinem neuen Heimatland Träume wahr werden können, wenn man fest an sie glaubt, ehrgeizig an sich selbst arbeitet und niemals stehen bleibt und aufhört, sein Wissen zu erweitern.

Sie sind in Kasachstan geboren und in Deutschland aufgewachsen. In welchem Land fühlen Sie sich am wohlsten?

Ich könnte mich nicht auf eine Kultur beschränken, ich bin Europäerin, das heißt von jedem ein bisschen: Im Herzen eine Russin, auf Papier eine Deutsche, im Lebensstil allerdings eine Europäerin. Ich höre russische Musik, gehe mit meinen russischen Freunden in die Russendisco und spiele in deutscher Gesellschaft gern das deutsche Brettspiel „Mensch ärgere dich nicht“. Mein Freund ist Portugiese, wir sprechen auf Französisch und kochen Zuhause am liebsten Italienisch. Es ist wahrscheinlich genau diese kulturell farbige Mischung, die meine Persönlichkeit ausmacht: Kasachstan ist mein Geburtsland, Deutschland mein Heimatland, Europa mein Leben und wahrscheinlich auch meine Zukunft. Ich genieße die Möglichkeit, in Europa zu reisen und in anderen Ländern leben zu können.

In Deutschland fühle ich mich sehr sicher, ich bin dort aufgewachsen, kenne hier natürlich alles von A bis Z. Schwerin ist dabei meine deutsche Ankerstadt, hier leben meine Eltern. Dennoch zieht es mich immer wieder, ob privat oder beruflich, ins französischsprachige Ausland.

Ich liebe die französische Kultur, den unbeschwerten französischen Lebensstil, das „savoir vivre“. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum ich mich als europäische Bürgerin in dem mehrsprachigen und multikulturellen Land Luxemburg so wohl fühle. Ich lebe dort im Herzen Europas und bin in wenigen Fahrtstunden in Deutschland, Frankreich oder Belgien. Obwohl ich dort in vielen Situationen mit meinen Deutsch– und Französischkenntnissen auskomme, plane ich nach meiner Rückkehr Luxemburgisch zu lernen. Ich möchte den Luxemburgern in ihrer Muttersprache antworten und dazugehören, das wird mir wohl am besten mit der Beherrschung des „Lëtzebuergischen“ gelingen. Das ist eine moselfränkische Sprachvarietät des Westmitteldeutschen.

Was geben Sie jungen Deutschlernern in Kasachstan als Motivation mit auf den Weg?

Kasachstan ist nicht nur wegen seiner Größe ein außergewöhnliches und bedeutendes Land. Es ist ein aufstrebendes Land, das nach seiner Unabhängigkeit eine bedeutende wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen hat und weiterhin dynamisch vorangeht. Das zeigt sich mit dem diesjährigen eurasischen Wirtschaftsforum oder der anstehenden Weltausstellung Expo 2017, mit der weitere ausländische Investoren angelockt werden. Kasachstan ist ein boomender Wirtschaftsstandort in Zentralasien, ein Land mit Zukunft. Angesichts der international ausgerichteten Politik von Präsident Nasarbajew und der zunehmenden deutsch-kasachischen Wirtschaftskooperation wird die Bedeutung der deutschen Sprache als Geschäfts– und Handelssprache zunehmen. Ich bin überzeugt davon, dass die Kenntnis der deutschen Sprache vor allen Dingen den jungen Kasachstanern weiterhin Tore und Türen öffnen wird.

Ihr Arbeitsverhältnis in Pawlodar ist Ende Juni beendet. Mit welchem Gefühl fahren Sie nach Hause? Welche Pläne haben Sie nach Ihrer Rückkehr?

Ich bin nach Pawlodar in erster Linie aus beruflichen Absichten gekommen und war daher umso mehr erfreut, während meines Aufenthaltes in Kasachstan tolle Menschen kennenlernen und Freundschaften schließen zu können. Ich verbrachte in Pawlodar eine sehr schöne Zeit und werde noch lange an diese intensive Erfahrung zurückdenken. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass mein Einsatz in Pawlodar Früchte getragen und sich bei meinen Deutschlernern Wissen verankert hat.

In Kasachstan stellte ich für mich persönlich fest: Ich kann mir weiterhin vorstellen, im Ausland zu leben und zu arbeiten, allerdings innerhalb des europäischen Raumes. Ich brauche das Gefühl, mich mal eben in den Zug zu setzen, um in ein paar Stunden bei meiner Familie zu sein. Ende Juni fliege ich zurück und werde den Sommer bei meiner Familie in Schwerin verbringen. Nach einer kurzen Erholung an der Ostsee werde ich nach Luxemburg zurückkommen und zum Herbst wahrscheinlich meine Doktorarbeit in Angriff nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Elena Garkava

Christine Wolf ist seit Oktober 2014 Sprachassistentin am Sprachlernzentrum Pawlodar. Sie ist in der ehemaligen Hauptstadt Almaty geboren und war zehn Jahre alt, als ihre Eltern beschlossen, nach Deutschland auszuwandern. Ihre Jugend verbrachte sie in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin. Nach ihrem Abitur studierte sie Fachübersetzen in Magdeburg und verbrachte einige Auslandssemester in Moskau, Russland und Rennes, Frankreich. Sie absolvierte Praktika in Hamburg und Berlin und studierte im Anschluss im trinationalen Masterstudiengang „Mehrsprachigkeit in Forschung und Lehre“. In mehrsprachiger Lebensrealität studierte sie jedes Semester in einem anderen Land: in Frankreich (Straßburg), in Deutschland (Karlsruhe) und in der Schweiz (Basel). Mittlerweile lebt sie im mehrsprachigen Land Luxemburg, in dem man neben Deutsch und Französisch auch die Landessprache Luxemburgisch spricht. Durch das Studium an sechs Universitäten in vier Ländern eignete sie sich verschiedene Wissenschaftskulturen an und konnte diese mit ihrem praktischen Wissen und ihren intensiven interkulturellen Erfahrungen an die Kursteilnehmer in Pawlodar weitergeben. Ihr war es wichtig, ihre offene Einstellung für andere Kulturen und Völker, die die Identität der europäischen Bürger ausmacht, in Projekten und Seminaren zu übermitteln. Christine führte dieses Jahr ein interkulturelles Seminar durch, an dem Interessierte kostenfrei teilnehmen konnten. In diesem Seminar konnten Pawlodarer nicht nur viel Neues über Deutschland und die Deutschen, ihre Traditionen, Gewohnheiten und kulturelle Besonderheiten erfahren, sondern auch nützliche Informationen über andere deutschsprachige Länder bekommen.

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