Über die Notwendigkeit einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit der zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan wird immer wieder geredet und geschrieben. Gehandelt wird auch – zumindest etwas.

So gibt es einige gemeinsame Projekte im Bereich Wasserversorgung, Transportinfrastruktur und im Energiesektor. Das sind überwiegend Fragen, die das tägliche elementare Leben vieler Bürger und Unternehmen sichern oder oftmals auch „nur“ erträglicher machen. Unterzeichnet sind auch Dokumente, die inhaltlich weiter reichen, als nur bis zum Rand des nächsten Projektes. Das betrifft im Moment insbesondere Fragen der Erleichterung des Handels und des Austausches von Investitionen.

Die nicht kleine Zahl von Vereinbarungen und Organisationen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit kann jedoch nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass sich die Zusammenarbeit der Nachbarstaaten nicht so intensiv entwickelt, wie dies auf den ersten Blick möglich scheint. Immerhin, so die Überlegungen, besiedelt man nicht nur gemeinsam ein mehr oder weniger geschlossenes Territorium, sondern ist sich auch mental und geschichtlich stark ähnlich. Dennoch laufen die Entwicklungen in den letzten Jahren im Trend eher stärker auseinander, als dass sie die Länder zusammenführen würden. Es wäre vielleicht zu drastisch gesprochen, wenn man das Wort „Desintegration“ gebraucht, aber eine Rakete ist der Integrationsprozess der zentralasiatischen Staaten nun wahrlich keinesfalls. Man braucht sich dazu nur einmal die Handelsstatistiken der Länder der Region anzuschauen: Der meiste Handel wird noch mit Russland betrieben, untereinander sind die Warenströme aber sehr, sehr dünn. Das erklärt sich einfach daraus, dass keines der fünf Länder außer Rohstoffen und Energieträgern Waren im Angebot hat, die für die anderen Staaten von solch hohem Interesse wären, dass sie lieber in der Region Zentralasien als in Europa oder einem anderen Industriestaat gekauft würden. Kurzum, es fehlt an Waren, die auf den potenziell gemeinsamen Märkten konkurrenzfähig wären und die sich zudem in einem koordinierten Prozess gemeinsam herstellen ließen. Kasachstan hat dafür immerhin seine Strategie der industriell-innovativen Entwicklung aufgestellt und in letzter Zeit versucht man hier, mit der Idee der 30 Bestunternehmen auch einen praktischen Durchbruch zu erreichen. Allerdings sind auch in diesen Strategien keine irgendwie nennenswerten Kooperationen mit den direkten südlichen Nachbarländern vorgesehen, aus Gründen der fehlenden Masse.

Nun kann man die Integrationsprozesse ganz einfach ihrem marktwirtschaftlichen Verlauf überlassen. Das würde sicher tendenziell eine Desintegration der Länder bedeuten, weil sich mittlerweile doch ziemlich unterschiedliche Strukturen im Wirtschaftsgeschehen und in der Wirtschaftspolitik der genannten Länder entwickelt haben. Man kann aber auch versuchen, ein oder auch mehrere gemeinsame Produktionsprojekte von „oben“ anzuschieben. Zwar sagt die Erfahrung aus den westlichen Industriestaaten, dass solche von oben erdachten Projekte eine höhere Wahrscheinlichkeit der Ineffizienz oder gar des Misserfolges haben, aber nach guter Vorbereitung sollte man es doch probieren. Die Frage ist allerdings, welche Produktionen in welchen Bereichen Erfolgschancen versprechen. Ein strategisch aussichtsreicher Bereich ist die Energieversorgung. Hier haben die Länder der Region bekanntlich große gemeinsame Potentiale, bisher allerdings im klassischen Bereich, nicht jedoch bei den erneuerbaren Energien. Gerade jedoch deren Nutzung ist in der letzten Zeit einer enormen Wachstumsdynamik unterworfen. Das Thema der grundlegenden Veränderung der Versorgungsstrukturen mit Energie wird wohl ein politisches und wirtschaftliches Topthema des 21. Jahrhunderts sein. Folglich entstehen hier viele Felder einer sinnvollen gemeinsamen Tätigkeit. Ausgangskompetenzen im Bereich Erzeugung, Umwandlung und Verteilung von Energie sind in der Region vorhanden, die Entwicklung der Nutzung neuer Energiequellen steht erst am Anfang (der Zug ist also noch nicht abgefahren), das Feld notwendiger Neuerungen (neue Materialien, Steuerungstechnik, Messtechnik, Betriebssysteme) ist enorm, die natürlichen Voraussetzungen (z. B. Sonnenscheindauer) sind bestens.

Man könnte sich ein Beispiel am Konzern Shell nehmen. Dieser hat sehr lange von der Förderung und vom Vertrieb klassischer Energieträger, vor allem Erdöl, gelebt. Mittlerweile hat er, ausgehend von seiner angesammelten Kompetenz im Energiebereich, seine Geschäftstätigkeit sehr weitgehend umgestellt und erzielt heute einen Großteil seines stetig wachsenden Umsatzes mit Technik zur Nutzung regenerativer Energieträger. Warum sollte man nicht ein solches Herangehen auf betrieblicher Ebene auch auf die Ebene von Volkswirtschaften übertragen können? Da in allen zentralasiatischen Staaten in diesem Bereich bisher eigentlich noch nichts passiert ist, dürften die Voraussetzungen für einen Start in dieser Richtung überall gleichauf in der Nähe Null liegen. Das könnte durchaus eine gemeinsame Startbasis für den koordinierten Aufbau gemeinsamer innovativer Erzeugnisse sein, zumal diese Energiewelle mit Sicherheit über Jahrzehnte anhalten wird. Allerdings ist der Zug weltweit im Anfahren, und man muss bald aufspringen, sonst ist es schnell zu spät.

Bodo Lochmann

01/06/07

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