In multikulturellen Familien ist es für die Kinder immer schwer, eine Wahl zu treffen, wenn es um die Bestimmung der eigenen Nationalität geht. So auch für Margarita Artamonowa, die trotzdem für sich erkannt hat, dass ihre deutschen Wurzeln eine treibende Kraft in ihrem Leben sind.

„Ich akzeptierte meine Nationalität nicht sofort. Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter Russin. Der Vater nahm am meinen Leben nicht teil, ich kenne ihn nicht und erinnere mich nicht an ihn. Ich bin eine einzelne Deutsche in meiner Familie. Obwohl im Gebiet Pawlodar viele Deutsche leben, war ich die einzige Deutsche in der Klasse und in meiner Umgebung. Manchmal war es leichter für mich, mich als Russin vorzustellen, um sich von den Anderen nicht zu unterscheiden. Trotzdem begann ich mit 16 Jahren, mich als Deutsche zu sehen“, so die 23-Jährige.

Zwei Jahre später kam die damals 18-jährige Margarita zur Deutschen Gesellschaft „Wiedergeburt“, wenn auch zufällig. „Einmal erzählte mir mein neuer Bekannter Nikita Fedjuschin vom Theaterstudio. Mir gefiel dort alles so sehr, dass ich nach einem Besuch beschloss, weiterhin dorthin zu gehen.“ Es war der Herbst 2014, das Theaterstudio „Faden“ war gerade eröffnet worden. Margarita fand dort neben einem interessanten Zeitvertreib auch neue Freunde. Im Februar 2015 erfuhr sie dann von Artur Bartel, dass alle Teilnehmer Deutsche sind und das Studio zur „Wiedergeburt“ gehört. Artur lud die jungen Schauspieler zur Clubversammlung ein.

„Der Beitritt zum Clubteam war für mich nicht schwer, ich wurde schnell zum aktiven Mitglied. Bis zum Mai 2018 war ich ein Jahr lang stellvertretende Vorsitzende des deutschen Jugendclubs ‚Lenz‘ in Pawlodar. In dieser Zeit nahm ich an verschiedenen Projekten in vielen Ländern teil, war Teilnehmerin des kasachisch-deutschen Theateraustausches, gewann eine Reise in die deutsche Stadt Bahretal. Aber wegen meiner Diplomarbeit und dem gegenwärtigen Berufsleben musste ich den Posten verlassen“, so Margarita.

Unterstützung durch die Wiedergeburt

Im Jugendclub lernte Margarita viele interessante junge Menschen kennen, reiste im Rahmen verschiedener Projekte und lernte, über ihre Herkunft froh zu sein: „Bei einigen Projekten besuchte ich Seminare zur Deutschen Identität. Ich dachte über die Dinge nach, die zu der Geschichte meiner Nationalität gehören. Das öffnete mir die Augen: Es gefiel mir, Deutsche zu sein. Darüber hinaus gehören der deutschen Gemeinschaft in meiner Stadt zahlreiche Werke und Einrichtungen. Die Deutschen nehmen in manchen Bereichen führende Positionen ein. Der deutsche Jugendclub ist der größte und aktivste innerhalb der Volksversammlung Kasachstans in unserem Gebiet. So fühlte ich mich stolz auf meine Nationalität. Ich will zu ihr gehören.“

Als aktives „Lenz“-Mitglied bekam Margarita finanzielle Unterstützung durch die Deutsche Gesellschaft bei ihrem Studium an der Eurasischen Innovativen Universität in der Stadt Pawlodar. Im zweiten Studienjahr wurde sie Teilnehmerin des Programms „Avantgarde“ für deutsche Studenten. „Als ich meiner Mutter sagte, dass ich in der kreativen Fachrichtung studieren will, war sie am Anfang dagegen und wollte mir abraten. Aber am Ende hat sie der von mir gewählten Fachrichtung zugestimmt. Der Studiengang kostete in meiner Stadt ziemlich viel, deswegen half mir das Programm ‚Avantgarde‘ sehr dabei, die Ausbildung zu bekommen. Dank dieses Programms konnte ich während des Studiums nicht nur das Studentenleben genießen, sondern auch neue Freunde finden und an vielen Projekten mitwirken“, erklärt Margarita, die in diesem Jahr das Studium im Bereich „Industriedesign“ schon mit Auszeichnung beendet hat.

Schwieriger Berufsstart

Jetzt sammelt sie ihre ersten beruflichen Erfahrungen. „Nach der Uni verstand ich plötzlich, dass Pawlodar in beruflicher Hinsicht zu eng für mich ist: die Stadt ist nicht groß und das Design ist hier wenig entwickelt. Am Anfang versuchte ich, in einem meiner Meinung nach perspektivreichen Studio eine Arbeitsstelle zu bekommen, aber wegen des Mangels von beruflicher Erfahrung bekam ich eine Absage. Das war anstrengend für mich, aber danach fand ich im Internet die nötigen Informationen, und jetzt bin ich aus der Ferne tätig. Ich betätige mich als Web-Designerin, mache Website-Design und Druckprodukte, male Comics und Porträts. Diese Beschäftigung ohne Office-Arbeit passt sehr zu mir, weil es für mich ein großes Problem ist, morgens zu früh aufzustehen“, erklärt sie.

Ein starker Charakter half Margarita nach der Absage, ihren eigenen Weg im Berufsleben zu suchen. Das alles gehe von ihrer Kindheit aus und sei mit der Tätigkeit im „Lenz“ nur verstärkt worden: „Nie habe ich mich an jemandem orientiert. In der Kindheit war ich kein Fan von Musikern oder anderen prominenten Personen. Vor Kurzem hörte ich von jemandem, dass ‚Rückgrat‘ und das Verfechten meiner Meinung zu meinen persönlichen Stärken zählen. Ich weiß nicht genau, ob es wirklich so ist, da ich mir immer viel Mühe gegeben habe, mich nicht von anderen abzukapseln und unsichtbar zu sein“, so Margarita.

Prägende Reise nach Deutschland

„Eine große Rolle in meinem Werdeprozess spielte die Reise nach Bahretal zusammen mit einem anderen Mädchen. Zum Zeitpunkt dieser Fahrt in ein für mich fremdes Land konnte ich kaum Deutsch. Bahretal gab mir die Energie, mein Leben zu verändern: Ich wechselte mein Image, trat mehr als zuvor in die Öffentlichkeit, verzichtete auf Fleisch und hatte keine Angst mehr vor der Realisierung vieler wichtiger Dinge. Seit der Reise lerne ich Deutsch und besuche jetzt einen B1-Deutschkurs im Goethe-Institut. Jedes Projekt, an dem ich als aktives ‚Lenz‘-Mitglied teilnahm, brachte mir positive Veränderungen“ schwärmt Margarita. Viele Projektteilnehmer verstünden sie jetzt sehr gut.

„Ich mag mein Heimatland und Deutschland sehr und habe vor, die Welt zu sehen – aber mein Herz gehört für immer zu Kasachstan. Kasachstan entwickelt sich und es ist schön. Es ist toll, dass die Jugendlichen verschiedene Nationalitäten haben und unterschiedliche Ansichten pflegen, dass sie die Möglichkeit haben, Vereinen für ihre Nationalität beizutreten, um etwas Neues zu erlernen, sich zu finden. Die Deutsche Gesellschaft ‚Wiedergeburt‘ ist ein wunderbarer Ort für die Jugendlichen. Ich freue mich jedes Mal, die neuen Clubmitglieder zu sehen, weil sie hier wertvolle Erfahrungen fürs Leben bekommen. Und ich bedanke mich sehr für alles, was ich hier selbst gelernt habe.“

Helena Garkawa

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