Die Energiewende: ein Luxusproblem?

Bei bis zu minus 40 Grad im Winter, heizen viele im Norden Kasachstans noch mit Kohle. | Foto: Irina Peter

Umweltprobleme, Energiewende, alternative Energieträger – sind das alles Diskurse, die nur im „reichen Westen“ von Bedeutung sind? Zu diesem Thema philosophiert unsere Autorin Irina Peter aus einer ganz persönlichen Perspektive.

Im Winter schlüpfte mein Vater jeden Morgen in seine Fufaika, eine wattierte Winterjacke, und lief mit einem löchrigen alten Blecheimer über den Hof. Unter seinen Filzstiefeln knirschte der festgefrorene Schnee. Vorsichtig, um die noch schlafenden Kühe und Schweine im Stall nicht zu wecken, öffnete er die Tür. Gleich links im Stall befand sich – von einer etwa ein Meter hohen Holzwand gestützt – ein Berg aus schwarzer Kohle. Er füllte den Eimer mit einer Schaufel und kehrte zum über Nacht erkalteten Haus zurück. In der Küche legte er die schwarzen Brocken in den Ofen, entzündete einige Zeitungsblätter mit Streichhölzern und brachte die Kohle zum Glühen.

Bis ich geweckt wurde, um mich für die Schule fertig zu machen, war unser Haus bereits ganz selbstverständlich von Wärme erfüllt. Bei bis zu minus 40 Grad im Winter, die in Kasachstans Norden nicht selten sind, war das Heizen mit Kohle völlig normal und überlebenswichtig. Hätte man den Bewohnern unseres Dorfes damals etwas von Umweltverschmutzung und der Endlichkeit fossiler Brennstoffe erzählt, hätten sie nur verständnislos den Kopf geschüttelt.

Die Menschen hier hatten Anfang der 1990er Jahre „real existierende“ Probleme: Nach der Perestroika herrschte auch in ihrem Dorf, dem letzten Winkel der zerfallenden Sowjetunion, Chaos. Wer an Heizmittel oder Winterkleidung kommen wollte, musste nun erst recht Beziehungen haben, denn die Regale in den Läden wollten sich auch trotz stundenlangen Schlange Stehens nicht füllen.

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Es erstaunt mich beinahe, dass Umweltschutz zur selben Zeit in Deutschland bereits einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein hatte. Nach Tschernobyl machten sich die Deutschen zunächst große Sorgen um radioaktiven Regen und dann noch mehr um die globale Erderwärmung.

In der Sowjetunion litt man hingegen unmittelbar an den gesundheitsschädigenden Folgen von Atomreaktoren oder Kohlekraftwerken, neben denen Getreide wuchs und Kinder spielten. Dennoch war für einen Großteil der Gesellschaft in Russland, der Ukraine oder Kasachstan der Schutz der Umwelt und ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen lange Zeit kein Thema.

Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist nicht nur ein Phänomen der Wendejahre. Sie ist noch heute Realität und lässt in meinen Augen die in Europa diskutierte Energiewende manchmal naiv erscheinen. Denn während ich mir hier in Deutschland Gedanken über grünen Strom und recyclebare Kaffeebecher für meinen Biokaffee mache, stehen die Menschen in meinem Heimatdorf in Kasachstan auch im nächsten Winter vor dem alten Problem: Woher bekomme ich Kohle, um nicht zu erfrieren? Ist die Energiewende also ein Luxusproblem reicher Industrieländer?

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Nein. Aber wir müssen beim Thema Umweltschutz viel globaler und mehrdimensionaler denken.

Schließlich leben wir alle auf demselben Planeten. Was nützen Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und die Förderung von Photovoltaikanlagen in Deutschland dem Planeten Erde, wenn Energie in den meisten Ländern immer noch überwiegend aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird? Wie könnte eine Energiewende aussehen, die allen Kindern das Aufwachsen auf einem sauberen und fairen Planeten erlaubt? Und was kann jeder Einzelne von uns dazu in seinem unmittelbaren Umfeld beitragen?

Die Energiewende muss sich in jedem Land dieser Erde vollziehen. Dabei sehe ich wirtschaftlich starke und technologieführende Nationen in der Rolle, sich für eine globale und nicht allein regionale Nutzung erneuerbarer Energien einzusetzen.

Damit die Innovationen und Impulse aus beispielsweise Deutschland und der Europäischen Union eines Tages auch mein Heimatdorf erreichen und die Väter dort morgens keine Kohleöfen mehr heizen müssen, die den so hellblauen Himmel über Kasachstan schwarz färben.

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Irina Peter wurde in Astana geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sie studierte Literaturwissenschaften und arbeitet derzeit als freie Kommunikationsberaterin in Mannheim.